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"Polizeiruf 110" Rostock Auch Biobrot kann böse sein

Rechtspopulisten, Reichsbürger, völkische Renitenz: Die ARD hat diese Saison Gefallen am rechten Rand gefunden. Sogar Bukow und König geraten in die rechtsradikale Szene.

Auch eine Art Rechtsruck: Die ARD bringt binnen kurzer Zeit nun schon den dritten Sonntagskrimi über rechtsgerichtete Aussteiger auf dem Land unters Volk. Nach dem Polizeiruf 110: In Flammen ist dann aber erst einmal Sommerpause! Dieses Mal muss die rechtspopulistische Politikerin Sylvia Schulte sterben. Eben hat sie noch in Rostock für die fiktive Partei PFS als Oberbürgermeisterin kandiert, da finden Bukow und König ihre Leiche auf einem Acker – offensichtlich wurde sie lebendig verbrannt. Sofort sind LKA und Verfassungsschutz zur Stelle und ermitteln in der rechtsradikalen Szene. Aber die Kommissare lassen sich davon genauso wenig blenden wie von der obligatorischen Sonnenwendfeier – und suchen in Sylvia Schultes früherem Leben nach Erklärungen.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Darüber, ob sich die Tatort- und Polizeiruf-Verantwortlichen der unterschiedlichen ARD-Sender denn gar nicht bei den Themen absprechen. Innerhalb kürzester Zeit ist dies schon der dritte Sonntagskrimi über rechte Aussteiger auf dem Land. Doch für die Fehlplanung bitte nicht dieses furiose Gesellschaftsstück abstrafen! Zumal der Polizeiruf vor allen anderen Produktionen fertig war und nur durchs Planungschaos ganz ans Ende der Sonntagskrimisaison geraten ist.

Lars-Christian Daniels: Darüber, dass man sich für die Sonntagabende der nächsten Wochen eine neue Beschäftigung suchen muss: Der Tatort und der Polizeiruf machen bis Mitte August Sommerpause, nur der gefloppte Kino-TatortTschiller: Off Duty wird am 8. Juli als neue Folge eingeschoben. Der NDR nennt es ein "Tatort-Highlight" und freut sich darüber, "den häufig geäußerten Wunsch nach einer Tatort-Premiere im Sommer erfüllen" zu können. Wüsste man es nicht besser, man würde den Postillon hinter der Meldung vermuten.

Matthias Dell: Nächste Woche: Fußball-Weltmeisterschaft!

Kirstin Lopau: Darüber, ob es auch mal wieder ein anderes Thema im Tatort und Polizeiruf gibt.

2. Was haben Sie aus diesem "Polizeiruf" gelernt?

Christian Buß: Auch Biobrot kann böse sein.

Lars-Christian Daniels: Im vergangenen Dezember eine rechtspopulistische Partei im Hamburger Tatort Dunkle Zeit, im Mai die völkischen Biobauern im Schwarzwald-TatortSonnenwende und erst letzte Woche die renitenten Reichsbürger im Münchner TatortFreies Land: Die Drehbuchautoren der ARD-Sonntagskrimis haben Gefallen an Stoffen über den rechten Rand der Gesellschaft gefunden. Dieser Polizeiruf bildet da keine Ausnahme.

Matthias Dell: Dass Chief Röder eine neue Brille trägt, oder?

Kirstin Lopau: Es scheint immer mehr Biobauernneonazis in ihrem "braunen Bullerbü" zu geben, als man meint. Oder häuft sich das Thema nur ein bisschen sonntagabends in der ARD? Wir lernen, dass Bukow und König "das schaffen", bekommen erklärt, warum ein "Ex-Flüchtling" sich einer rechtsgerichteten Partei anschließt, die gegen Flüchtlinge hetzt, und wir sehen, wie man sich zum Märtyrer macht.

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Was tun gegen rechts? Für Bukow ist die Sache einfach: "Wenn man sich kümmert, wird das Brot nicht braun, aber wenn man sich nicht kümmert, dann wird ein Brot braun. Dann wird es sogar dunkelbraun." Der Zuspruch für Nazis und Rechtspopulisten im Osten – tatsächlich nur eine Folge fehlender Zuwendung durch die etablierten Parteien?

Lars-Christian Daniels: Schaffen sie das?

Matthias Dell: Woher hat er die?

Kirstin Lopau: Was wird aus Königs und Bukows Gerichtsverfahren?

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Ein rundum toll besetzter Querschnitt durchs rechte Spektrum, vom rechtspopulistischen Parteikader bis zum völkischen Bauern.

Lars-Christian Daniels: Keine, denn auch die Nebenrollen sind überzeugend besetzt. Und die Ermittler sind sowieso über jeden Zweifel erhaben: Nicht mal eine rote Farbbombe vermag Bukow und König zu entstellen.

Matthias Dell: Die von Frau Köppen – mit Uma Thurman.

Kirstin Lopau: Keine. Wieder einmal muss ich die ARD bitten, aufeinander aufbauende Krimifolgen zeitlich nicht so weit auseinander auszustrahlen. Hätte es die Erklärszene beim Chef nicht gegeben, hätte ich mich nicht mehr an das Ende der letzten Folge erinnert.

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von den Brachen Meckpomms, vollgestellt mit Ruinen, an denen braune Parolen prangen. Bukow und König durchqueren dieses gesellschaftliche Ödland und diskutieren darüber, wer daran schuld ist.

Lars-Christian Daniels: Von den rechten Brandreden, die die Geschichte in diesem Polizeiruf rahmen – und von dem braunen Mob, der am Sonntag wieder in den sozialen Netzwerken und Kommentarspalten toben wird.

Matthias Dell: Von der Sonnenwendfeier bei den Bauernhofnazis, der was-weiß-ich-wievielten, die ich – danke für nichts, lieber ARD-Sonntagabendkrimi! – in dieser Saison anschauen musste; immer dieselben stumpfen Blicke, pathetisch gestapeltes Holz und, wenn’s arg kommt, auch noch der schmierige Sülz, in dem die Brandstifter da von der Welt reden. Wie soll man denn da zur Nachtruhe finden, wenn einem dauernd die zwiebelzopfdick geflochtenen Haare der Nazimadln und die fesch gescheitelten Façons der dazugehören Buam vor die Nase gehalten werden, die angestrengt freudlos ihrer Menschenverachtung huldigen, statt zu hotten Hits und coolen Drinks peaceful abzuhängen!

Kirstin Lopau: Von der Tötungsszene und wie König Bukow die Geschehnisse in allen Details erklärt.

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Polizeiruf 110"?

Christian Buß: 1 Schlafmütze 😴

Lars-Christian Daniels: 4 Schlafmützen 😴😴😴😴

Matthias Dell: 4 Schlafmützen 😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 3 Schlafmützen 😴😴😴

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