Vorspiel "Ich will es schnell, meine Frau slow. Wie kommen wir zusammen?"

Tempo und Timing sind genauso wichtig wie sexuelle Anziehungskraft. Jeder soll auf seine Kosten kommen – das heißt auch, dass jeder mal die Dramaturgie bestimmen darf. Von
Aus der Serie: Schlafzimmerblick

In unserer Kolumne "Schlafzimmerblick" beantwortet die Sexualtherapeutin Angelika Eck regelmäßig Ihre Fragen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Denn über nichts wird häufiger geschwiegen. Das wollen wir ändern.

Andreas B., 37

Meine Frau will immer ein ganz langes Vorspiel, ich selbst mag unseren Sex lieber schnell und knackig. Manchmal versuche ich, auf ihre Wünsche einzugehen, verliere dabei aber fast die Lust. Wie können wir beide auf unsere Kosten kommen? 

In Ihrer Frage geht es um wichtige Parameter der Sexualität, Tempo und Timing – und damit um den erotischen Spannungsbogen.

Ihre Frau braucht möglicherweise erst einen Abbau hinderlicher (Stress-)Spannung und eine Verbindung zu sich selbst und zu Ihnen im Hier und Jetzt, ehe sie sexuell erregt wird. Sie selbst können Ihre eigene sexuelle Spannung offenbar rasch wecken, gut fokussieren, effizient steigern und entladen, und Sie lieben vermutlich die damit einhergehende Intensität.

© Susanne Lencinas

Sie fragen, wie Sie beide "auf Ihre Kosten" kommen können. Darin liegt bereits ein wichtiger Schlüssel, die Bereitschaft, dass es jede und jeden auch etwas kosten darf. Denn wenn Sie flexibler werden wollen, heißt das zum einen, Ihre Verschiedenheit zu bejahen. Zum anderen heißt es, Fähigkeiten zu entwickeln, um sich in Tempo und Timing aufeinander zuzubewegen.

Die Idee, dass Sex jedes Mal für beide optimal verlaufen sollte, ist verständlich, romantisch legitimiert und unübertreffbar, wenn es gelingt. Erotisch nützlich ist sie in der Regel nicht. Kompromisse sind besser, wenn Sie wirklich Ja zum Unterschied sagen, indem Sie etwa im Vorspiel nicht mehr der Mann sind, der nicht bekommt, was er braucht, sondern ein Liebhaber, der gerne etwas gibt und die langsame Erwärmung seiner Frau als Verführer gestaltet. Oder indem Ihre Frau sich wirklich bereitwillig einem gelegentlichen Quickie oder direkter Verführung nach Ihrem Geschmack hingeben und sich für Sie freuen könnte.

Eine Annäherung würde für Sie bedeuten, ihre Erregung langsamer zu steigern und dies mehr zu genießen. Je langsamer wir die Sinne einsetzen, desto mehr nehmen wir wahr. Ein Beispiel: Es ist Erdbeerzeit. Stellen Sie sich eines dieser leckeren Erdbeertörtchen vor. Sie können es mit einem Happs verschlingen. Oder Sie schauen es sich erst einmal an: dieses Rot! Riechen Sie mal dran: mmmmh! Diese betörende Melange aus würziger Frucht und Vanille-Aromen. Und diese unterschiedlichen Konsistenzen: Den harten Mürbeteig, die weiche Vanillecreme und darauf diese zart-festen Fruchtkörperchen! Jetzt öffnen Sie langsam den Mund, berühren mit der Zungenspitze eine Erdbeere und beißen dann zart ins Küchlein, schmecken die ersten Aromen. Mmmmh! Erst jetzt nehmen Sie einen großen Bissen, kauen, das Geschmackserlebnis wird intensiv, dann schlucken Sie, das köstliche Törtchen füllt Ihren Magen auf befriedigende Weise, Sie wollen mehr davon, beißen erneut ab, schlucken, und am Gaumen bleibt noch diese Erinnerungsnote zurück … Das Ganze lässt sich natürlich auch in Gedanken mit einem Schnitzel in durchspielen, falls Sie es lieber deftig mögen.

Wenn es Ihnen gelingt, ganz aufmerksam und neugierig zu sein und alle Sinne bewusst einzusetzen, verliert das Vorspiel seine Vorsilbe und wird ein Genuss in sich. Es kann sein, dass Sie diesen Modus nicht gewohnt sind und weiterhin ungeduldig werden oder abschweifen. Üben Sie ein bisschen, und seien Sie neugierig. Und wie könnte Ihre Frau Ihnen entgegen kommen und selbst mehr vom raschen Sex profitieren? Sie könnte ab und zu ein hinreichend langes Vorspiel mit sich selbst veranstalten und Ihnen bereits so hoch erregt begegnen, dass sie froh sein wird, wenn Sie gleich zur Sache kommen.

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