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Dating 50 ist das neue 15

Wer sich trennt, lässt vieles hinter sich. Erklärt das aber, warum Frauen beim Dating so oft auf Männer treffen, die wieder in der Jungsbude eines Pubertierenden hausen? Von Greta Knaurhahn
Aus der Serie: Es ist kompliziert

Zwar sind mehr als 60 Prozent aller Alleinstehenden zufrieden mit ihrem Leben, jedoch nur zehn Prozent davon sind überzeugte Singles. Was auf der Suche nach dem richtigen Partner alles passieren kann, davon erzählen unsere beiden Singlekolumnistinnen in der Serie "Es ist kompliziert".

Ein Tisch, drei Stühle, in der Ecke ein Keyboard mit dicken Staubflocken drauf, draußen auf dem Balkon zwei Blumenleichen: Schön wohnen geht anders. "Wann bist du hier denn eingezogen?", frage ich den Mann, der mich gerade dazu gebracht hat, mit ihm nach dem Abend nun auch die Nacht zu verbringen. Und denke: Kann nicht lange her sein, so trostlos, wie das hier aussieht. "Hm, so vor drei Jahren", sagt Matt, der Musiker, und sucht intensiv nach einem Flaschenöffner. "Seit ich zu Hause ausgezogen bin."

Zu Hause. Das kann einen schon betrüben: Männer, die sich getrennt haben, reden von einem Zuhause, das es nicht mehr gibt. Viel haben sie meistens nicht mitgenommen. Nicht die Kinder, nicht den großen Esstisch, nicht die Weingläser, nicht die Fotocollagen aus dem Flur, die Szenen des Familienlebens zeigen. Man könnte meinen, sie hätten in einem Feng-Shui-Ratgeber gelesen, wie man sein Leben mal so richtig aus- und aufräumt. Nur glaube ich nicht, dass Männer begeistert Bücher lesen, in denen es darum geht, dass Socken zu einem sprechen sollten, um behalten zu werden. Sie haben wahrscheinlich nur das mitgenommen, was ins Auto passte.

Vielleicht steckt hinter den drei Tellern, den zwei Kaffeebechern und der insgesamt kargen Küchenausstattung ja der Wunsch, dass die Objekte für das neue Single-Dasein möglichst überschaubar sein sollen? Und bedeutungslos, nicht mit Erinnerungen behaftet. Frauen schaffen sich tendenziell eine Höhle voller Andenken. Sind Männer nur auf der Durchreise in ihrem eigenen Apartment?

Matt hatte außerdem noch drei Tischsets aus Stroh, die will ich nicht unterschlagen. Und einen Kochtopf. Und einen Fußabtreter. Und einen Bass. Und, wie sich wenig später herausstellen sollte, grauenhafte Bettwäsche.

Was bei der strengen Selbstbeschränkung getrennter Männer herauskommt, sind keine minimalistischen Klosterzellen wie für einen japanischen Ex-Mönch mit Sinn für Ikebana und Töpferarbeiten, sondern traurige Jungsbuden. Vielleicht übertreibe ich persönlich in die andere Richtung, das müssen Männer auch nicht gut finden, so eine Dekohölle. Man muss seine Sofakissen nicht saisonal wechseln und seine Möbel monatlich neu arrangieren, schon klar. 

Ich habe allerdings keine Ahnung, wo diese Männer in den Vierzigern und Fünfzigern plötzlich ihre Fußballbettwäsche hervorgekramt haben.  Als seien sie wieder 15. Ich weiß, dass man auch die Augen zumachen oder das Licht ausknipsen kann, doch soll der Sex mit einem Menschen so anfangen, dass man lieber nicht so genau hinsehen will? Außerdem wüsste man ja noch mit zugekniffenen Augen, dass man gerade auf dem Emblem vom BVB oder von der Hertha begattet wird. Ich jedenfalls bin dann nicht so ganz bei der Sache.

Als Matt und ich uns das nächste Mal treffen, gehen wir zu mir. Mein Bett ist breiter als seins, ich verfüge über zwei Dutzend Weingläser, mehrere Stapel Handtücher und sogar zwei Bademäntel. Denn auch ich bin mal mit einer Menge Kram in einer Wohnung geblieben, und der Mann ist gegangen mit zwei Armvoll Klamotten und leider auch seinen schönen Schallplatten. Matt sieht sich um und sagt: "So möchte ich auch mal wohnen!" – "Ja, aber wann?", frage ich ihn. "Wenn ich erwachsen bin." Er ist Anfang 50, meint das aber nicht als Witz. Ich komme mir in diesem Moment ein bisschen spießig vor: Als wäre ich kurz davor, Schondeckchen auf die Sofalehnen zu legen, während er der ewige Rockstar bleibt.

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