Deutschtürken "Ich werde von Deutschen nicht als Deutscher angesehen"

Seit dem Rücktritt von Mesut Özil wird wieder über Integration diskutiert. Wir wollen von neun Deutschtürkinnen und Deutschtürken wissen: Wie deutsch fühlen sie sich?

Nach dem Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Fußballnationalmannschaft hat sich eine Debatte um Integration und Rassismus in Deutschland entzündet. Wir haben Deutschtürkinnen und Deutschtürken in Berlin gefragt, wie sie die Diskussion wahrnehmen. Ob Deutschland ihnen ein gutes Zuhause ist. Ob sie sich integriert fühlen oder diskriminiert werden. Und was passieren müsste, damit sie sich in diesem Land besser aufgenommen fühlen.  

Can Mustafa Gürbüz, 18, in der Ausbildung zum Physiotherapeuten, in Deutschland geboren

"Ich betrachte Deutschland als meine Heimat, nicht mehr die Türkei." © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Die aufgeheizte Debatte gefällt mir nicht. Schließlich hat der Skandal um Özil nichts mit Integration zu tun. Fußball und Politik sollte man trennen. Die Aufregung ist doch nur vorgeschoben. Der aktuelle Integrationsdiskurs wirkt auf mich wie ein Gespenst aus den Achtzigerjahren. Ich finde, seitdem hat sich vieles geändert: Die Leute sind moderner geworden und gerade Berlin ist total multikulti. Auf mich wirkt die Thematisierung deshalb völlig überholt.

Ich fühle mich in meinem Kiez sehr wohl und habe wegen meines Migrationshintergrunds keine Probleme. Sicher gibt es auch Orte, wo ich wahrscheinlich nicht so willkommen wäre, Köpenick zum Beispiel. Auch beim Fußballspielen gibt es ab und an blöde Kommentare wie "Scheiß Kanake!" oder "Hau ab in dein Land!". Wobei ich nicht mit Sicherheit sagen kann, ob die Leute das wirklich ernst meinen. Ich habe viele deutsche Freunde, denen ist meine Herkunft egal. Andere wiederum machen sie zum Thema. Wie oft das vorkommt, hängt auch ein bisschen vom eigenen Benehmen ab. Man achtet sehr darauf, wie wir uns verhalten. In der Regel eckt man aber nicht an, wenn man sich nicht daneben aufführt. Deutschland ist mein Zuhause. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, bin jeden Tag draußen auf den Straßen unterwegs, kenne die Leute hier. Mittlerweile betrachte ich Deutschland als meine Heimat, nicht mehr die Türkei. Die Leute sollten einfach aufeinander zugehen und ein bisschen quatschen. Dann wird das schon.


Alime Karasu, 64, Rentnerin, seit 1971 in Deutschland

"Jetzt habe ich eben zwei Heimatländer." © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Ich kann sagen, dass ich mich sehr wohl in Deutschland fühle. Es ist eine Freude, hier leben zu dürfen. Die Deutschen haben mich bis heute sehr gut behandelt. Ich habe keinerlei schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn aber nach meiner Heimat gefragt wird, dann muss ich schon einräumen, dass diese in der Türkei liegt. Dennoch geht es mir sehr gut hier. Vielleicht wäre es mir auch gut gegangen, wenn ich in der Türkei geblieben wäre? Ich weiß es nicht. Es ist auch nicht wichtig, jetzt habe ich eben zwei Heimatländer.

Ich habe mein Leben lang gearbeitet, davon 15 Jahre als Schneiderin. In all der Zeit habe ich keine rassistischen Anfeindungen erlebt. Ganz im Gegenteil. Die Lehrer meiner Kinder waren immer sehr bemüht, uns zu helfen, die persönliche Unterstützung ging bis zum Schuldirektor. Ich glaube, das Rezept für ein friedliches Miteinander ist ganz simpel: Bist du gut zu den Menschen, dann sind die Menschen gut zu dir. Natürlich gibt es einige türkische Landsleute, die das nicht so sehen. Beispielsweise kam kürzlich ein Kunde in den Laden meiner Tochter. Er regte sich lautstark über das elende Land der Ungläubigen auf. Ich fragte ihn, weshalb er derart auf Deutschland schimpfte, schließlich profitiere er sehr davon, denn im Krankenhaus wird seine Mutter gepflegt. Manche wissen das Gute, das uns in Deutschland widerfährt, nicht wertzuschätzen. Wenn Deutschland so schlimm ist, warum geht er dann nicht einfach wieder zurück in die Türkei? Wenn ich hier unglücklich wäre, würde ich das tun, anstatt zu meckern.


Ercan Yasaroglu, 59, Inhaber des Café Kotti & Sozialarbeiter, seit 1983 in Deutschland

"Weltweit werde ich als Deutscher wahrgenommen, aber wenn ich in Tegel aussteige: Schublade auf, Türke rein, Schublade zu." © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Ich bin froh, dass die Integrationsdebatte neu aufgeflammt ist. Es wurde höchste Zeit, dass über Alltagsrassismus offen gesprochen wird. Oft geht es um Rassismus im Allgemeinen, aber die täglichen Angriffe, die an der Würde des Einzelnen, an dessen Haltung kratzen, wurden nie transparent diskutiert. Nur durch Gespräche können wir gemeinsam umdenken, eine neue Gesellschaft schaffen. Allein in meinem Stadtteil hier in Kreuzberg leben Menschen aus 90 unterschiedlichen Ländern, das ist meine Realität. Da kann ich weder eine nationale noch eine glaubensgetriebene Haltung annehmen. Alle Menschen müssen ihre individuelle Betroffenheit artikulieren dürfen, das ist Demokratie. Und dieses Recht sollten wir uns bewahren. Ich sag Ihnen mal was: Weltweit werde ich als Deutscher wahrgenommen, aber wenn ich in Tegel aussteige: Schublade auf, Türke rein, Schublade zu. Von diesen Schubladen gibt es viele. Sie stigmatisieren uns. Seit 1984 habe ich die deutsche Staatsangehörigkeit und seitdem fühle ich mich selbst als Deutscher. Aber von den Deutschen werde ich nicht als ihresgleichen wahrgenommen. Erst nannten sie mich Gastarbeiter, dann Deutscher mit Migrationshintergrund oder einfach Ausländer. 

Selbst heute werde ich noch täglich wegen meines Migrationshintergrunds diskriminiert. Etwa bei der Wohnungssuche, da erlebe ich nur Ablehnung. Arbeit zu finden, war ebenfalls nicht leicht. Wenn mein Nachname fiel, war es meist schon gelaufen. Das war auch der Grund, weshalb ich den Zunamen meiner Tochter ändern ließ. Ich wollte nicht, dass mein Kind Alltagsrassismus ausgesetzt ist. Sie trägt heute den Nachnamen ihrer Mutter, einer Deutschen. Gott sei Dank sieht sie mir nicht ähnlich. Mein Sohn hingegen ist mir wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich war sehr unglücklich, als ich sah, wie unterschiedlich meine Kinder wahrgenommen werden. Die Situation kann sich nur durch Begegnungen bessern, durch das gegenseitige Kennenlernen und die Kommunikation zwischen den Kulturen. Und durch die Akzeptanz der Andersartigkeit. Deswegen habe ich auch mein Café eröffnet. Für mich ist der Ort ein Begegnungsraum für Menschen aus allen Kulturen. Jeder ist willkommen, unabhängig von der Staatsangehörigkeit, Hautfarbe oder Religion. Vorurteile gegen Menschen, denen wir nie begegnet sind, müssen aus der Welt geschafft werden. Für die Würde des Menschen tragen wir alle die Verantwortung.


Özge A., 28, Studentin, seit 2015 in Deutschland

"Plötzlich ist Özil der Deutschtürke, der an allem schuld sein soll. Das ist Rassismus." © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Sobald man etwas falsch macht, wird man hier abgestempelt. Von daher ist es gut, dass zurzeit die Debatte wieder geführt wird. Ich bin nicht mal ein Fan von Özils Spiel, aber mit Fußball hat das alles nichts mehr zu tun. Wenn Deutschland wirklich so frei ist, wie das Land selbst es propagiert, dann sollte es sich nicht in Özils private Entscheidungen mischen. Und das sage ich, obwohl ich keine Anhängerin von Erdoğan bin. Ich kann damit als Privatperson gut umgehen, aber Özil steht in der Öffentlichkeit, wahrscheinlich wollte er einfach keinen Ärger. Er hätte während und nach der WM nur an seiner Leistung gemessen werden dürfen, aber plötzlich ist er der Deutschtürke, der an allem schuld sein soll. Deshalb kann ich seinen Rücktritt gut verstehen, wahrscheinlich hätte ich auch so gehandelt. Obwohl ich selbst in Deutschland keine Diskriminierung erfahren habe, fühle ich mich nicht deutsch. Allerdings auch nicht als Türkin, sondern einfach als ein Mensch. Ich mag es, hier zu leben, fühle mich sehr wohl. Vor drei Jahren bin ich von Istanbul nach Berlin gezogen, um mein Studium hier fortzusetzen. Ausgrenzung habe ich bisher nicht erlebt, die Leute sind sehr freundlich, ganz wie in Istanbul. Heimat ist für mich zwar dort, wo meine Familie ist, aber momentan bin ich hier zu Hause. Als ich nach Deutschland kam, habe ich erst mal die Sprache gelernt und viele deutsche Freunde gefunden.


Cem Kurt Engin, 50, selbstständiger Unternehmer, seit 2001 in Deutschland

"Ich werde nicht als Deutscher akzeptiert, sondern als Türke, der sich gut integriert hat." © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Ich finde es ein Unding, wie die Diskussion aus dem Ruder läuft. Persönlich habe ich nämlich kein Problem mit der Integration. Die ganze Thematik wird total aufgebauscht. Wer hier lebt, muss sich anpassen, und wer sich anpasst, bekommt keine Probleme. So einfach ist das. Ich fühle mich wohl und auch zu Hause in Deutschland. Heimat ist aber auch da, wo ich geboren wurde. Ich lebe und arbeite hier, meine Familie ist bei mir, aber dennoch bleibt neben Deutschland auch die Türkei meine Heimat. Es ist ganz normal, dass man sich mit dem Land verbunden fühlt, aus dem man stammt. Als "echter" Deutscher werde ich nicht wahrgenommen, obwohl ich einen deutschen Ausweis habe. Ich werde akzeptiert, nur eben nicht als Deutscher, sondern als Türke, der sich gut integriert hat. Mir persönlich ist das auch nicht wichtig. Ich muss als Mensch respektiert werden und das ist der Fall.

Diskriminierung habe ich nicht erlebt. Außer vielleicht bei dem ein oder anderen Behördengang. Wenn man keinen deutschen Pass vorzeigen kann, ist man schon stark abhängig von der Einstellung des jeweiligen Sachbearbeiters. Mal sind sie einem wohlgesinnt, dann wieder nicht. Aber ich wurde nie rassistisch angefeindet, sondern habe überwiegend positive Erfahrungen gemacht. Dabei muss ich aber einräumen, dass ich mich nicht viel in Berlin bewege. Ich lebe in meinem schönen Kiez in Wilmersdorf, meinen Laden habe ich in Kreuzberg. Man hört aber immer wieder in den Nachrichten, dass es sich in anderen Stadtteilen auch anders verhalten soll. Ich finde auch, dass Deutschland genug zur Integration beiträgt. Irgendwo ist man auch für sich selbst verantwortlich. Ich kenne Leute, die seit mehr als 20 Jahren hier leben und der deutschen Sprache immer noch nicht mächtig sind. Ganz ehrlich, was will man denn dann noch von dem Land erwarten? Wer die Sprache nicht beherrscht, der wird das Land auch nicht verstehen können und sich deshalb nicht anpassen. Wenn ich in Deutschland nicht glücklich wäre, dann könnte ich nicht hier leben.

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