Eifersucht Wie kann ich meiner Partnerin eine Affäre verzeihen?

Wut, Schmerz, Trauer: Das Krisenmanagement bei Untreue kann echt wehtun. Ebenso die Frage, ob man die Beziehung von vorn beginnen und Vertrauen wieder lernen kann. Von
Aus der Serie: Schlafzimmerblick

In unserer Kolumne "Schlafzimmerblick" beantwortet die Sexualtherapeutin Angelika Eck regelmäßig Ihre Fragen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Denn über nichts wird häufiger geschwiegen. Das wollen wir ändern.

Nadine S., 57:

Meine langjährige Partnerin hat mir vor sechs Monaten gestanden, dass sie seit zwei Jahren eine Affäre mit einer jüngeren Kollegin hatte. Sie hat sie beendet, und ich merke, dass sie bei mir bleiben will. Trotzdem bringt es mich fast um, ein halbes Jahr später noch. Es ist ein schrecklicher Zustand aus Eifersucht, Verlustängsten, Wut und den Fragen: Wie komm' ich da endlich raus? Wie kann ich ihr je wieder vertrauen und verzeihen, oder ist doch alles kaputt?

© Susanne Lencinas

Sie befinden sich in einem Prozess, den Sie gern beendet wissen wollen, weil er sich grauenvoll anfühlt. Das ist verständlich. Dennoch plädiere ich als Erstes dafür, zu akzeptieren, dass Sie mehr Zeit brauchen. Ein halbes Jahr ist gar nichts für die Verarbeitung solch tiefgreifender Ereignisse, die ohne Ihren Willen und ohne Ihr Wissen auf Sie zugekommen sind. Allein an Ihrer Formulierung wird deutlich, wie viele Gefühle sie ausgelöst und wie viele Fragen sie aufgeworfen haben. 

Es geht um die Frage, ob Sie miteinander eine neue Beziehung eingehen können und möchten. Denn die alte ist vorbei. Damit meine ich die Beziehung, die offenbar unhinterfragt auf dem Grundsatz der sexuellen und emotionalen Treue aufgebaut war. Diese Klarheit ist dahin, für beide. Für viele fühlt sich das an, als sei ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen worden. Es handelt sich oft nicht nur um eine partnerschaftliche, sondern auch um eine Identitätskrise für alle Beteiligten.

Die Frage lautet nicht nur "Wer bist du jetzt für mich und wer bin ich für dich?", sondern auch "Wer bin ich für mich selbst?". Eine Frau sagte einmal zu mir: "Wissen Sie, ich schäme mich fast dafür, dass ich noch bei meinem Mann bleibe, obwohl er das getan hat. Es geht so krass gegen meine, ich dachte: unsere Werte. Ich sollte gehen, aber ich merke, das stimmt auch nicht. Ich weiß selbst gar nicht mehr, was ich will und wer ich bin." Die Frage, wie es weitergeht, kann daher erst über die Zeit beantwortet werden. Diese Offenheit auszuhalten, mag schier unerträglich sein, ist aber unumgänglich.

Eifersucht und Verlustängste sind der Situation angemessen. Sie haben erfahren, dass Sie Ihre Partnerin nicht sicher haben und sie nicht verlieren möchten. Und jetzt wissen Sie noch nicht, ob Sie Ihr Herz wieder ganz haben. Das ist eine Tatsache. Die Frage ist, wie Sie Ihre Impulse so regulieren können, dass Sie sich nicht rein destruktiv auswirken. Tun Sie alles, was Ihnen dabei hilft, sich in der eigenen Haut wohlzufühlen, vom Sport bis zum Gespräch mit Freunden. Ihre Partnerin kann Ihnen helfen, indem sie sehr präsent ist, transparent umgeht mit ihren Aktivitäten außer Haus und in den Absprachen verlässlich agiert. Indem sie sich auch über längere Zeit aktiv um Sie bemüht. 

Wie sie ihre Affäre verarbeitet, wirkt sich entscheidend aus. Was hat sie veranlasst, die Außenbeziehung zu beenden? Hat sie Sie um Verzeihung gebeten? Hat sie sich Ihnen neu zugewandt? Wie hat sie ihre Erfahrungen für sich eingeordnet? Am besten nehmen Sie sich Zeiten, in denen Sie miteinander über das Geschehene sprechen. Vielleicht haben Sie großen Rede- und Nachfragebedarf, der gestillt werden will. Zugleich sollte er nicht alles einnehmen, denn er verletzt oft mehr, als er nährt. Meine Kollegin Esther Perel fragt klug, wenn betroffene Partner allzu intensiv nach Details fragen ("Wie und wo habt ihr es getrieben?" zum Beispiel): "Möchten Sie nur die Frage stellen oder auch wirklich die Antwort hören?" Welche Antworten helfen Ihnen weiter, welche vertiefen nur die Wunden?

Man muss nicht verzeihen

Wut – ist gut. Der darin liegende aggressive Impuls kann Ihnen dabei helfen, Ihr Territorium wieder zu sichern, zu sagen: Meine Grenze wurde verletzt, ich stelle sie wieder her und damit meine Würde. Dies Ihrer Partnerin zuzumuten, ist sinnvoll. Im Unterschied dazu sind marternde Vorwürfe weniger produktiv. Denn es könnte auch sein, dass darunter ein schmerzhafteres Gefühl liegt: die Traurigkeit über den Verlust der Unschuld Ihrer Beziehung. Auch die Traurigkeit hilft beim Weiterkommen – genauer gesagt beim Akzeptieren des Status quo als neuen Ausgangspunkt.

Manchmal reißen alte Wunden auf. Immerhin ist der Lebenspartner für uns meistens die wichtigste Bindungsfigur – die Person, bei der wir uns emotional sicher fühlen möchten. Wenn wir Zustände des Verlassenseins oder auch der Entwertung aus unserer Kindheit und Jugend kennen, könnten sie wieder aufkommen. Vielleicht können Sie das lokalisieren? Es führt Sie nämlich zu einem sehr wichtigen Punkt: Worin genau erleben Sie sich verletzt? Ist es die Lüge, der Verrat, oder ist es die Tatsache, dass die Einzigartigkeit Ihrer Beziehung verletzt ist? Wenn Sie genauer fassen können, worin Ihre Verletzung liegt, können Sie als Paar spezifischer damit umgehen, das heißt: erkennen, was es braucht, um dem zu begegnen.

Prozesse des Vertrauens und Verzeihens benötigen auch deshalb Zeit, weil sie reifen müssen. Sie wären sehr naiv, würden Sie zum jetzigen Zeitpunkt uneingeschränkt vertrauen. Schließlich wissen Sie es besser, haben Sie doch erfahren, dass Ihre Partnerin fremdgehen kann. In was aber vertrauen Sie ihr vielleicht doch? Darin, dass sie mit Ihnen weiter zusammen sein will? Das wäre schon mal was. Dieses Vertrauen kann Ihre Partnerin weiter stärken, indem sie Ihnen zeigt, wie wichtig Sie ihr sind. Vollständig erwerben lässt sich Vertrauen jedoch nicht. Sie sind diejenige, die es gegebenenfalls schenkt.

Dennoch ist Ihre Partnerin hier aktiv gefragt. Die Beziehung mit der anderen Frau hat ihr sicher etwas bedeutet. Vielleicht kann sie sagen, was sie für sich dort gefunden hat. Diese Erfahrungen kann sie vermutlich nur zum Teil bereuen, sodass die Aussage "Es tut mir leid" nicht authentisch wäre. Dennoch wird genau das oft erwartet. Das Problem ist: Sie werden es spüren, wenn Reue nicht echt ist. Und es wird Ihnen weder beim Vertrauen noch beim Verzeihen helfen.

Was Ihre Partnerin vielleicht authentisch formulieren kann, ist: "Es tut mir weh, dass ich dir das angetan habe. Das hast du nicht verdient. Dein Schmerz ist mir nicht egal." Je mehr sie Ihren Schmerz an sich heranlassen kann, desto eher werden Sie spüren, wie sie mit Ihnen fühlt. Dann können Sie prüfen, ob Sie bereit sind, ihr zu verzeihen. Im Verzeihen steckt letztlich eine selbstbefreiende Kraft, ein heilsames Loslassen.

Zusätzlich können Sie prüfen, ob Ihnen eine symbolische Wiedergutmachung helfen würde. Das folgt mehr dem katholischen Sühneprinzip, während die Vergebung aus Gnade mehr der protestantischen Tradition angehört. Angenommen, Sie können weder konfessionell noch unkonfessionell verzeihen: Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, dass Sie auch ohne Verzeihen dableiben könnten? Sie könnten sich entscheiden, nicht zu verzeihen. Worauf Sie am Ende eine Antwort brauchen, ist die Frage, ob Sie Ja sagen zu einer neuen Beziehung mit dieser Frau samt dem, was geschehen ist.

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