Schuld Wie aus dem Nichts

Man kann einem Kind keine heile Familie vorspielen. Wenn die Beziehung der Eltern zerbricht, bleibt das Gefühl von Schuld. Und überall lauern die Erinnerungen der Kinder. Von
Aus der Serie: Elterngefühle

Eltern erleben jeden Tag die schönsten und schwierigsten Empfindungen. Unsere Serie "Elterngefühle" will diesen Emotionen nachspüren.

Neulich schrieb jemand, der sich @deintherapeut nennt, auf Twitter einen Service-Tweet an Eltern, die für das Kind zusammenbleiben: "Das Kind wächst lieber mit getrennten Eltern auf als mit Eltern, die nichts mehr füreinander empfinden und nur noch streiten. Das Kind steht dazwischen. Das Kind kriegt alles mit. Glaubt mir. Ich war das Kind."

Ich muss zugeben, dass ich Leute, die komplizierte Wahrheiten so einfach und in so wenigen Worten formulieren können, insgeheim ziemlich beneide. Ich brauche für meine Wahrheit leider ein bisschen länger. Ich bin in diesem Fall aber auch die Mutter.

Denn auch wenn es sich bei uns Eltern nicht so verhielt, dass wir nichts mehr füreinander empfanden, und auch nicht so, dass wir nur noch gestritten hätten, wir haben uns dennoch getrennt. Wir sind mit dieser Entscheidung nicht leichtfertig umgegangen, aber wir haben damals keinen anderen Ausweg gesehen. Das Kind spielte bei unserer Entscheidung keine große Rolle, sollte auch – ganz im Sinne des Tweets – keine große Rolle spielen. Unsere eigenen Gefühle standen doch im Vordergrund! Überspitzt könnte man sagen: Wir haben das Kind bei unserer Trennung mit Absicht ein bisschen vergessen. Weil, ja, weil man doch heutzutage nicht mehr wegen eines Kindes zusammenbleibt. Weil, ja, weil man doch heute keinem Kind mehr eine heile Familie vorspielen kann.

 Warum eigentlich nicht?

Fast vier Jahre ist das jetzt her. Das Kind war damals sechs Jahre alt. Und ich glaube sagen zu können, dass wir heute eine ebenso gute Patchworkfamilie sind, wie wir damals die meiste Zeit eine gute normale Familie waren. Wir sind glücklich, wir leben in einem reichen Land, bei uns gibt es keinen Krieg. Auch halten wir noch immer wie ehedem zusammen. Der Vater und ich reden oft miteinander, wir schreiben Millionen SMS über Hausaufgaben, Musikschultermine, Zahnarzttermine und so. Das Kind wohnt abwechselnd bei uns beiden. Wir gehen zusammen zum Elternabend, manchmal auch zu dritt ins Kino, und wenn das Kind Geburtstag hat, setzen wir uns alle, Omas und Opas, Tanten und Onkels, Freunde und Paten, an eine große Kaffeetafel. Das Kind bläst die Kerzen auf dem Kuchen aus. Es könnte nicht besser sein. In solchen Momenten fühlt es sich tatsächlich so an, als seien wir noch immer eine richtige Familie.

Allein, das Kind will mit mir noch immer über die Trennung reden. Eigentlich fast jeden Tag. So wie andere wahrscheinlich über einen Toten. Ich kann nicht sagen, dass ich mich daran gewöhnt habe, ich kann nicht sagen, dass ich mir das damals so vorgestellt hätte. Heute jedoch weiß ich: Bei uns kann sich noch immer zu jeder beliebigen Tageszeit eine dunkle Wolke vor die Sonne schieben. Wie aus dem Nichts.

Wir brauchen dafür wirklich nicht viel, eigentlich brauchen wir dafür wirklich nichts. Uns genügt ein richtiges Wort oder ein falsches, ein guter Moment oder ein schlechter. Solche Gespräche passieren uns bei Regen und bei Sonnenschein. Die Erinnerungen lauern überall. Denn auch wenn wir uns die größte Mühe geben, bei uns wird es nie so sein, wie es eigentlich sein sollte. Bei uns wird es nie wieder so sein, wie es einmal war. Und das Kind will sich erinnern, obwohl es doch jeden Tag so viel vergisst. Die Mütze in der Schule, die Zahnspange in der Hosentasche. Jeder Satz ist für ihn dann widerlegbar, jede Geste kann genauso gut ihr Gegenteil bedeuten. Unser Leben bleibt für das Kind eine Fassade, eine Kulisse, in der immer abwechselnd jemand fehlt. Heute weiß ich, was ich damals einfach vergessen wollte: Unser falsches Familienleben wird für das Kind nicht mehr zu einem richtigen. Kerzen auf dem Kuchen hin oder her.

Das letzte Mal war es so: Das Kind nahm sich ein Glas aus dem Küchenschrank und drehte es, obwohl es schon tausendmal aus diesem Glas getrunken hatte, plötzlich in seinen Händen. Es ruft: Diese Gläser gibt es in Papas Wohnung auch. Habt ihr die auch aufgeteilt? Und ich versuche zu lachen, versuche diesen Gedanken, der in diesem Augenblick nichts als ein komischer und spontaner Einfall ist, wie Kinder oft spontane Einfälle haben, einfach wegzulachen. Manchmal klappt das, manchmal nicht. Abends, wenn wir vor dem Einschlafen noch einen kurzen Moment gemeinsam im Bett liegen, klappt es nicht. Dann lache ich nicht, wenn das Kind reden will. In der Küche aber rufe ich: Wie kommst du denn darauf? Als sei die Idee, dass wir unser Familienleben damals wie einen Laib Brot in zwei Teile geschnitten haben könnten, völlig abwegig. Ich rufe in mein Lachen hinein oder aus meinem Lachen heraus: Außer dich haben wir doch nichts aufgeteilt! Was tatsächlich der Wahrheit entspricht. Der Vater hat seine Sachen aus der Wohnung herausgenommen und ich habe das, was fehlte, einfach neu gekauft. Einen Badschrank zum Beispiel und ein Bücherregal. Darüber muss nun auch das Kind lachen. Über die Wahrheit, das habe ich ebenfalls gelernt, lacht es sich am besten.

Therapeuten sagen, wenn Erlebnisse zu einer Anekdote geworden sind, sind sie eigentlich verarbeitet. Ich halte mich an diesen Satz. Ich lebe mit diesem Satz. Studien sagen auch, wenn Trennungen nicht jahrelange Auseinandersetzungen zur Folge haben, sondern die Kinder jeweils stabile, verlässliche und für sich genommen loyale Beziehungen zu Vater und Mutter haben, zeigen sie bereits nach zwei Jahren keine signifikanten Unterschiede mehr in Bezug auf Schulleistungen und sonstige Fragen gegenüber Kindern aus traditionellen Familien. All das ist bei uns so.

Aber ich lebe auch mit meiner Schuld. Und diese Schuld besteht darin, dass ich mein Versprechen nicht gehalten habe. Dass ich es nicht geschafft habe, dem Kind eine normale Familie zu sein. Also Mutter, Vater, Kind, Auto, Haus, Wellensittich. Die Familie, die ich meinem Kind bieten kann, besteht nur aus uns beiden. Und das reicht einfach nicht. Zwei Menschen sind keine richtige Familie, sondern immer nur eine halbe. Das kann man drehen und wenden, wie man will. Die Schuld wird davon jedenfalls nicht kleiner. Ich lebe mit ihr wie andere mit einem Mitbewohner, sie sitzt immer mit am Tisch, auch an der großen Kaffeetafel zum Geburtstag.

Und weil das so ist, kreisen meine Gedanken ständig um das Kind, ob ich will oder nicht. Wenn es wach ist, wenn es schläft, wenn es da ist, wenn es nicht da ist, wenn ich verreist bin, wenn das Kind verreist ist. Dabei arbeite ich viel, manchmal tagelang, ich liebe meine Arbeit fast ebenso sehr wie das Kind. Ich treffe Freunde, ich rede mit ihnen über alles, was mich beschäftigt. Über die Schuld aber rede ich nicht. Warum auch, sie wird davon nicht kleiner.

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