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Sehnsucht Und plötzlich sind sie weg

Wir wollen, dass unsere Kinder der Welt offen und neugierig begegnen. Dass sie mutig und selbständig werden. Doch wenn sie in die Welt gehen, fühlen wir uns verlassen. Von
Aus der Serie: Elterngefühle

Eltern erleben jeden Tag die schönsten und schwierigsten Empfindungen. Unsere Serie "Elterngefühle" will diesen Emotionen nachspüren.

Als mein ältester Sohn 14 war, verkündete er, dass er nach der 10. Klasse ein Auslandsjahr in China plane. Zehn Monate später standen mein Mann und ich mit ihm und etwa 40 weiteren deutschen Schülern und deren Eltern am Münchner Flughafen, von wo aus er in dieses Jahr startete. Mein Sohn war nun 15, einer der jüngsten in der Gruppe. Die abenteuerliche Idee, in China zu leben und zur Schule zu gehen, war plötzlich Wirklichkeit geworden.

Hinter uns lagen Monate voller Gespräche und Vorbereitungswochenenden bei der Austauschorganisation, Besuche beim chinesischen Konsulat, das Ausfüllen zahlloser Formulare und Anträge und inklusive das Abtreten des Sorgerechts für dieses Jahr an den Staat China. Und doch war ich in diesem Moment überrumpelt. Wie die meisten anderen Eltern am Flughafen begann auch ich zu weinen, als mein Sohn mit den anderen Austauschschülern plappernd durch die Passkontrolle ging. Vor ihm lagen zehn Stunden Flug bis Peking und weitere acht mit dem Zug ins Landesinnere. Eine Reise in eine Welt voller Glückskekse und Jadedrachen, die so gar nichts mit unserer zu tun hat. Er drehte sich nicht einmal zu uns um.

Ich versuchte mich daran zu erinnern, ob ich mich jemals so verlassen gefühlt hatte. Mein Sohn saß noch nicht mal im Flugzeug, und ich fühlte mich schon, als hätte sich ein Elefant auf meine Brust gesetzt. Meine Kehle schnürte sich zu, es war mir unmöglich, die Tränen zu stoppen. Jeder Liebeskummer, den ich je gehabt hatte, erschien mir dagegen wie ein Klacks.

Wenn man ein Kind bekommt, endet in diesem Moment das Leben, wie man es kannte. Frei, unbeschwert, selbstbestimmt. Aber das ist gar nicht schlimm, denn man bekommt dafür dieses Baby, dieses Wunder, die Quelle unendlicher Liebe. Ein Gefühl, das man nicht beschreiben kann, sondern nur selbst empfinden, wenn man Vater oder Mutter wird. Mein Mann und ich hatten uns schon eine Woche nach der Geburt unseres Sohnes nicht mehr vorstellen können, dass wir jemals ohne ihn gelebt hatten. Und nun sollte das plötzlich wieder so sein? Wie sollte ich das ein Jahr lang aushalten?

Bedrückt kehrten wir zurück nach Berlin, wo wir mit unseren beiden ebenso bedrückten jüngeren Kindern ein bedrückendes Wochenende verbrachten. Es war August, der Himmel blau, die Luft warm, wir fuhren zum Wannsee, doch aufgeheitert hat uns nichts. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen.

Mein Mann und ich haben mit unseren Kindern in New York, Berlin und Rio de Janeiro gelebt. Wir sind überall mit ihnen gereist und haben sie zu Weltoffenheit und Neugier erzogen, zumindest haben wir das versucht. Allerdings war in diesen Erziehungsidealen nicht vorgesehen, dass eins unserer drei Kinder sie aktiv anwenden würde. In Form von Nestflucht. Schon gar nicht so früh. Schließlich war unser Sohn sehr gerne zu Hause.

Etwa eine Woche später schmetterten Straßenmusiker in der S-Bahn das Lied Hit the Road Jack. Ein Lieblingssong meines Sohnes, den er so oft auf dem Klavier gespielt hat, dass er mich normalerweise ziemlich nervt. Jetzt brach ich schon wieder in Tränen aus, und all der Trennungsschmerz begann von vorne.

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