© NDR/Warner Bros./Nik Konietzy

"Tatort" Hamburg Bisschen Bond, bisschen Bourne, bisschen Blutbad

Til Schweigers Kino-"Tschiller" erlebt mitten im Sommerloch seine TV-Premiere. Tschiller muss in Moskau seine Tochter retten. Ausgerechnet jetzt, während der Fußball-WM!

Nick Tschiller (Til Schweiger) ist nach diversen Alleingängen eigentlich gerade außer Dienst und will sich als alleinerziehender Vater endlich mal gründlich um seine Tochter Lenny (Luna Schweiger) kümmern. Doch dann verschwindet Lenny. Tschillers Partner Yalcin Gümer (Fahri Yardım) kann ihr Handy in Istanbul orten, wo sie den Tod ihrer Mutter rächen will; der Täter ist gerade aus dem Gefängnis ausgebrochen. 

Tschiller reist nach Istanbul, um seine Tochter zu retten, aber Lenny ist in die Fänge russischer Gangster geraten, sie wurde nach Moskau verschleppt. Tschiller und Gümer kommen dort einem Organhändlerring auf die Spur – und Lenny droht nicht nur die Entnahme diverser Innereien, ihr wurde auch eine Bombe implantiert, mit der sie einen Anschlag auf einen Industriellen durchführen soll.  

Ganz schön viel Stoff für 90 Minuten? Stimmt. Tschiller – Off Duty wurde, als dritter Tatort überhaupt (nach zweimal Schimanski, lange her) fürs Lichtspielhaus und nicht fürs Wohnzimmer gedreht und ist mehr als zwei Stunden lang. Im Kino erreichte er zu Beginn des Jahres 2016 gerade einmal 280.000 Zuschauer, was den Hauptdarsteller wieder einmal gegen sein Publikum aufbrachte. Nun muss Schweiger nur noch die Free-TV-Premiere überstehen.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: War der Tatort wirklich so lang? Oder kam er uns nur so lang vor? Das immer gleiche Tür-auf-Pistole-raus-Gangster-niederstrecken-Spielchen auf deutschem, türkischem und russischem Boden zieht sich. Doch tatsächlich: Dieser für das Kino produzierte, nun als TV-Erstausstrahlung laufende Tatort ist 130 Minuten lang.

Lars-Christian Daniels: Vielleicht über diesen Tatort, vielleicht aber auch über Til Schweigers neuesten Facebook-Post? Wir erinnern uns: "Ich habe viiiieel mehr Ahnung von der Craft (Materie)....KUNST.... als die meisten von diesen Trotteln, die darüber schreiben!!!!", wetterte der angetrunkene Schweiger nach der Kritik an seinem letzten Tatort um drei Uhr morgens. Und bereute dies später öffentlich. Heute schreiben in den sozialen Netzwerken meist andere für ihn. 

Matthias Dell: Warum die ARD alte Actionfilme auf dem Tatort-Sendeplatz zeigt.

Kirstin Lopau: Darüber, ob Nick Tschiller nicht lieber Chirurg werden sollte. Oder James Bond. Oder beides.

2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt? 

Christian Buß: Korndrescher sind sehr vielseitig einsetzbar: Man kann damit Personenkraftwagen zermalmen, aber auch auf dem Roten Platz in Moskau vorfahren. Korn dreschen vielleicht auch, aber das spielt in diesem Action-Tatort natürlich keine Rolle.

Lars-Christian Daniels: Ein bisschen Bond, ein bisschen Bourne, ein bisschen Blutbad: Im Tatort ist schon lange nichts mehr unmöglich. Auch kein Falschparken mit einem Mähdrescher auf dem Roten Platz in Moskau. 

Matthias Dell: Dass Zahnarztbesuche tödlich enden können.

Kirstin Lopau: Nick Tschiller kann alles: Mähdrescher fahren, hauen, schlagen, treten, ballern, durch Wände springen und dabei tödliche Schüsse abfeuern, Rezeptionistinnen beglücken usw. Hinzu kommt noch eine Mischung aus Genuschel und ein bisschen Dicken-Blaming und schon sind wir … nicht unterhalten. Besser macht es Kollege Gümer, der einen gekonnten Spruch nach dem anderen verständlich raushaut (und der kann Abrissbirne fahren!). Mein Lieblingszitat: "Ich smack dich wech, Digga!"

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Wie geht es mit Tschiller weiter? Der Kino-Tatort war aller geballten Action zum Trotz ein Flop, jetzt will man die Krimi-Reihe mit Schweiger in Richtung Rostocker Polizeiruf drehen. Das wird anstrengend, das wird aufregend.

Lars-Christian Daniels: 6,3 Millionen Kino-Zuschauer für Keinohrhasen, 4,3 Millionen für Kokowääh und gar 7,2 Millionen für Honig im Kopf: Til Schweiger weiß wie kaum ein zweiter deutscher Filmemacher, wie man die Massen in die Lichtspielhäuser lockt. Doch seinen Kino-Tatort wollten gerade mal 280.000 Zuschauer sehen. Ob ihm wenigstens bei der von der ARD ins Sommerloch abgeschobenen TV-Premiere eine siebenstellige Einschaltquote vergönnt ist?

Matthias Dell: Warum die ARD alte Actionfilme auf dem Tatort-Sendeplatz zeigt.

Kirstin Lopau: Nick Tschiller stellt keine Fragen (und wenn doch, versteht sie keiner)! Und vielleicht, ob sich meine Augen und Ohren erholen werden.

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem? 

Christian Buß: Ach, jede und jeder spielt hier halt so gut, wie sie und er kann. Schweiger-Filme sind immer Family-and-Friends-Angelegenheiten, da darf jeder vor die Kamera.

Lars-Christian Daniels: Zweifellos die von Lenny Tschiller, mit einer jungen Schauspielerin, die mehr Talent mitbringt und nicht in irgendeiner Form mit dem Hauptdarsteller verwandt ist. Immerhin: Tochter Tschiller bekommt im Film so viele Drogen gespritzt, dass sie in der letzten halben Stunde erst gar nicht mehr den Mund aufmachen muss.

Matthias Dell: Die von Hollywood-Star Ralf Moeller als euphorischem Fan bei einem Martial-Arts-Kampf. Mit Hollywood-Star Dolph Lundgren.

Kirstin Lopau: Den Nick Tschiller hätte man besser besetzen können. Eigentlich mit jedem deutschen Schauspieler, der vernünftig sprechen und spielen kann.

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von einem Urlaub am Bosporus. Zwischen den Action-Szenen gibt es herrlichste Touristenimpressionen aus der Türkei.

Lars-Christian Daniels: Das kommt darauf an, ob es ein lustiger Traum oder ein Alptraum wird. Entweder von Hobby-Aktmodell Fahri Yardım mit Ritterrüstung und Ananas oder vom kuschelbedürftigen Fettleibigen im Istanbuler Knast, dem Tschiller ("Ich sprech' kein Fleischklops!") krachend das Nasenbein zertrümmert. 

Matthias Dell: Von der Not-OP von Nick Tschiller am Schluss – auch wenn das Abschalten der Bombe ein Standard des Actionkinos ist.

Kirstin Lopau: Von der Abrissbirne.

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser Tatort? 

Christian Buß: 6 Schlafmützen 😴 😴 😴 😴 😴 😴

Lars-Christian Daniels: 5 Schlafmützen 😴 😴 😴 😴 😴

Matthias Dell: 8Schlafmützen😴 😴 😴 😴 😴 😴 😴 😴

Kirstin Lopau: 8 Schlafmützen 😴 😴 😴 😴 😴 😴 😴 😴 Meist zu laut zum Einschlafen, aber Fahri Yardım als Gümer ist auch zu witzig.

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