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Verhalten: "Niemand riecht mit Absicht schlecht"

Wie sagt man Menschen unangenehme Dinge? Kollegen, dass sie miefen, oder Freunden, wie oft sie unpünktlich sind? Schweigen ist falsch, sagt der Stiltrainer Jan Schaumann. Interview:

Es gibt Dinge, die empfindet man an anderen Menschen als so unangenehm oder peinlich, dass man sie am liebsten gar nicht ansprechen mag. Und das tut man auch meist nicht. Wie man das besser machen kann, weiß Jan Schaumann, der als Trainer für Umgangsformen arbeitet.

ZEITmagazin ONLINE: Herr Schaumann, fangen wir mit dem vielleicht schwierigsten Problem eines warmen Sommers an: Was soll ich machen, wenn etwa mein Kollege nach Schweiß riecht? Ihm ein Deo auf den Schreibtisch stellen und hoffen, dass er den Wink versteht?

Jan Schaumann: Ich finde es gut, vorher zwei Gedanken durchzuspielen. Erstens: Wie würde ich mich fühlen, wenn ich morgens ins Büro komme und auf meinem Schreibtisch ein Paket mit Seife, Waschlappen und Deo vorfinde? Und ich das Gefühl habe, von den anderen Schreibtischen schauen mich alle an? Das ist mies. Oder zweitens: Jemand kommt morgens, wenn ich in der Teeküche stehe, zu mir und sagt mir: Uns fällt hier seit einiger Zeit auf, dass du sehr nach Schweiß riechst. Wie fühle ich mich dann? Ich weiß nicht, wer "uns" ist und seit wann das so ist. Das macht einen fertig! Da traut man sich gar nicht mehr aus der Teeküche raus. Der Tag ist gelaufen.

ZEITmagazin ONLINE: Wie macht man es denn nun besser?

Schaumann: Niemand riecht mit Absicht schlecht, das sollte einem klar sein. Am besten sollte man zum Feierabend hingehen und es etwa so ausdrücken: "Du, mir ist gerade aufgefallen, dass du nach Schweiß riechst. Ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel. Mir ging es vor Kurzem selbst so, und ich war froh, dass mir das jemand gesagt hat." Ob das so genau stimmt, ist nicht wichtig. Das hat einfach mit Diplomatie zu tun. Wenn ich mich selber einbringe, mich solidarisiere, fällt es anderen wesentlich leichter, das Gesagte anzunehmen. Wichtig ist: zum Feierabend ansprechen, damit derjenige sich nicht noch stundenlang im Büro rumdrücken muss in der Annahme, er störe alle. Es geht um Wertschätzung: Behandele andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Ich möchte nicht vorgeführt werden, also zeige ich auch nicht mit dem Finger auf andere.

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ZEITmagazin ONLINE: Funktioniert diese Strategie der gegenseitigen Wertschätzung denn auch im Privatleben? Selbst dann noch, wenn man einem Freund sagen möchte, dass man genervt ist von seinem ständigen Zuspätkommen?

Schaumann: Grundsätzlich halte ich es für wichtig, dass einem die eigene Zeit nicht mehr wert ist als die Zeit von anderen, egal ob bei Kollegen, Kunden oder Freunden. Unter Freunden kann man das gefahrloser ansprechen, weil es keine Hierarchie gibt und man auf der Gefühlsebene bleiben kann. Das erreicht man ebenfalls mit Ich-Botschaften, nicht mit Vorwürfen. Also nicht: Immer lässt du mich warten! Sondern: Wenn du zu spät kommst, fühle ich mich sitzen gelassen und respektlos behandelt. Ich würde mir wünschen, dass du pünktlich bist, wenn wir verabredet sind. Das ist die Grundlage gewaltfreier Kommunikation: Man formuliert nacheinander Wahrnehmung, Wirkung, Wunsch.

ZEITmagazin ONLINE: Und wie wendet man dieses Prinzip an, wenn einem die Kinder von Freunden gerade die Wohnung verwüsten?

Schaumann: Wenn man die Kinder anspricht, dann fühlen sich die Eltern oft in ihrer Ehre getroffen. Aber Menschen, die man zu sich nach Hause einlädt, kennt man ja in der Regel. Man kann sich also auch an die eigenen und die Gastkinder wenden und ihnen sagen: "Räumt bitte zusammen auf! Ihr habt das Chaos angerichtet, es wäre also unfair, wenn das Aufräumen an uns hängen bleibt." Auch da sollte man versuchen, Vorwürfe zu vermeiden. Sonst führt der vermeintliche Angriff schnell zum Gegenangriff.

ZEITmagazin ONLINE: Und was sagt man, wenn man jemanden dazu bewegen will, einem das Geld zurückzuzahlen, das man ihm geliehen hat?

Schaumann: Man sollte die Schulden bei Freunden nicht mit einer Frist von 48 Stunden einfordern, sondern den Verschuldeten um Mithilfe bitten: Eigentlich hatten wir ja vereinbart, dass du mir das Geld bis zum Monatsende zurückzahlen würdest. Was machen wir denn jetzt? Damit warte ich auf seinen Vorschlag, bitte ihn um seine Unterstützung. Und helfe dem Freund damit, sein Gesicht zu wahren.

ZEITmagazin ONLINE: Klingt schwierig. Vielleicht sollte man anhand eines anderen Themas trainieren, Unangenehmes zu überbringen: Wie sagt man es einer Bekannten oder einem Kollegen, dass der Reißverschluss an der Hose offen steht?

Schaumann: Diese sogenannten Toilettenfehler sind ja leichtgängig im Vergleich zu persönlichen Dingen. Wenn ich schlecht rieche, betrifft es mich. Wenn ich meinen Reißverschluss offen gelassen habe, betrifft es erst mal nur meine Hose. Das ist doch die schnellste und einfachste Sache, jemanden darauf anzusprechen. Diskret, aber direkt. Verklausulierungen versteht kein Mensch. Es geht nur um die Information: Entschuldigung, Ihr Reißverschluss ist offen! Oder: Sie haben da was im Gesicht. Damit ist die Peinlichkeit auf ein Minimum reduziert. Ich möchte ja, dass der andere das möglichst schnell versteht. Wenn er erst überlegen muss, wird es noch peinlicher.

ZEITmagazin ONLINE: Kann man denn auch schweigend darüber hinweggehen, wenn es einem selbst geradezu peinlich ist?

Schaumann: Nein, man muss es sogar sagen, zumindest bei jemandem im persönlichen Umfeld. Das ist quasi eine moralische Verpflichtung. Ich möchte ja selbst auch in einem solchen Fall, dass mich jemand darauf anspricht und ich nicht stundenlang mit offenem Reißverschluss durch die Gegend laufen muss.

ZEITmagazin ONLINE: Darf man auch was sagen, wenn jemand zum Beispiel in Flipflops durchs Büro schlurft. Oder muss man das als persönlichen Stil hinnehmen?

Schaumann: Am Arbeitsplatz muss man es sicher nicht hinnehmen, speziell in einem Großraumbüro, jemandem in Flipflops den ganzen Tag auf die Füße zu starren. Es gibt Grenzen des guten Geschmacks und des Miteinanders: Flipflops bei erwachsenen Menschen außerhalb des Strandes überschreiten diese Grenzen. Egal ob gepflegt oder ungepflegt, ich möchte einfach nicht die Fußnägel, Sohlen und Hacken von anderen Menschen im Büro sehen.

ZEITmagazin ONLINE: Aber ist das heute wirklich noch so? Gegen Frauen in Sandalen hat doch auch niemand etwas einzuwenden, oder?

Schaumann: Konservative Unternehmen mit Kleidungsrichtlinien waren da bis vor sechs, sieben Jahren ziemlich restriktiv. Schuhe mussten geschlossen sein. Aber seitdem bröckelt es etwas. Für Frauen gilt: Hinten offen ist okay, aber die Fußnägel bleiben Privatsache. Das ist Standard. Ansonsten müssten Personalwesen und Betriebsrat sich einigen über Dinge wie: Dürfen nur gepflegte Fußnägel und Zehen sichtbar sein – und ungepflegte nicht? Wann sind Füße denn gepflegt genug? Wenn man sich darauf einigt, dass die Schuhe vorn geschlossen sind, dann muss man anderen Menschen nicht den Zustand ihrer Nägel diskutieren. Besonders, wenn diese mit Kunden zu tun haben.

ZEITmagazin ONLINE: Angenommen, die Flipflops stören jemanden so sehr wie Sie: Was sagt man dann?

Schaumann: Das ist etwas schwieriger, schließlich sage ich als erwachsener Mensch damit einem anderen erwachsenen Menschen, wie er sich anzuziehen hat. Kann gut sein, dass so etwas zurückkommt wie: Es geht dich nichts an, was ich anhabe. Doch wenn es sich um ein Unternehmen handelt, in dem es hierarchische Strukturen gibt, kommen wir hier schnell auf die Verantwortlichkeiten der Vorgesetzten. Eine Führungskraft bekommt eine bestimmte Zulage im Monat. Es gehört auch zu den Aufgaben des Vorgesetzten, seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sagen, wie sie sich anziehen sollen. Und dass sie nicht in Badelatschen am Arbeitsplatz erscheinen sollten.

ZEITmagazin ONLINE: Es kommt vermutlich doch aber sehr auf den Bereich an, in dem man arbeitet?

Schaumann: Na klar, es gibt unterschiedliche Arten von Richtlinien und von Toleranz. Vielen Menschen ist es mit Sicherheit egal, ob jemand in Shorts und Flipflops zur Arbeit kommt. Hauptsache, er macht die Arbeit richtig. Man muss aber immer bedenken: Es geht nicht nur um meine Gefühle, sondern auch um die von anderen. Wenn Kollegen Kleidung unangemessen finden, haben sie genauso ein Recht darauf, gehört zu werden, wie diejenigen, denen das total egal ist.

ZEITmagazin ONLINE: Was ist denn eine Linie, die für alle gelten könnte? Ist es am Ende nicht die Frage, wie viel nackte Haut ein Mann, eine Frau bei der Arbeit zeigen darf?

Ein Investor fragt sich vielleicht, ob sein Geld da gut aufgehoben ist, wo erwachsene Menschen sich wie Schulkinder kleiden.

Schaumann: Wenn wir mal bei den Männern anfangen: Da spielt das Stichwort Würde eine große Rolle. Ich denke, dass ein erwachsener Mann nicht mit kurzen Hosen in der Stadt rumlaufen muss. Das kann er zu Hause machen, im Garten oder am Strand. Mein Großvater hat immer gesagt: Kurze Hosen sind für Jungs, lange Hosen sind für Männer. Er hat mit 14 Jahren seine erste lange Hose zum Geburtstag bekommen, sie war ein wichtiger Schritt ins Erwachsenenleben. Der hätte nie wieder eine kurze angezogen. Das war vor 100 Jahren. Das durchschnittliche behaarte Männerbein ist inzwischen aber nicht attraktiver geworden.

ZEITmagazin ONLINE: Und wo ist bei Frauen die Grenze?

Schaumann: Nackte Schultern gehen bei Frauen auch nicht im Job. Wie bei Männern geht es da eigentlich nicht um die nackte Schulter, sondern um die Achselhöhle. Sobald die Schultern bedeckt sind, sind auch die Achselhöhlen bedeckt, das sollte der Fall sein. Das wird auch bei formellen Abendessen erwartet, denn auch da hat niemand Lust, anderen in die Achselhöhlen zu gucken.

ZEITmagazin ONLINE: Aber hat sich in Fragen der Kleidung nicht vieles längst erledigt? Durch Start-ups zum Beispiel, in denen es eher darum geht, sich möglichst lange möglichst jugendlich zu kleiden? Gelten da solche Regeln überhaupt?

Schaumann: Natürlich hat sich durch die Gründerkultur viel getan. Damit wurde einfach klar: Es ist nicht so wichtig, wie jemand angezogen ist. Das hat keinen großen Einfluss auf seine Arbeitsqualität. Und das ist auch okay. Wenn ich den ganzen Tag am Rechner sitze, stört das ja keinen. Wenn aber eine Finanzierungsrunde ansteht und ein Investor kommt, um sich das mal anzusehen – dann ist der vielleicht ein paar Jahre älter und fühlt sich merkwürdig dabei, wenn alle in Shorts und Flipflops dasitzen.

ZEITmagazin ONLINE: Man muss sich dann anpassen und nach oben orientieren? Könnte der Mann im Anzug nicht auch sagen: Fürs Start-up zieh ich mir mal ein T-Shirt an?

Schaumann: Nun, ein Investor fragt sich vielleicht, ob sein Geld da gut aufgehoben ist, wo erwachsene Menschen sich wie Schulkinder kleiden. Das war früher bei Werbeagenturen ähnlich: Menschen fahren in kurzen Hosen auf dem Roller durch die Agentur, echt locker! Das sehen Sie heute eher nicht mehr. Ein Kunde möchte den Eindruck haben, dass seriös mit seinem Geld umgegangen wird. Wenn da jemand im AC/DC-Tourdaten-Shirt von 1988 und mit kurzer Hose steht, dann entsteht dieser Eindruck spontan nicht.

ZEITmagazin ONLINE: Das scheint ein so bewusster T-Shirt-Träger wie Mark Zuckerberg, der Facebook-Chef, zu wissen. Zu seinen Anhörungen vor dem US-Repräsentantenhaus und dem EU-Parlament erschien er mit Anzug, weißem Hemd und Krawatte.

Schaumann: Und warum macht er das? Nicht, weil er plötzlich Anzüge toll findet, sondern weil er im Anzug eine ganz andere Wirkung hat. Weil Menschen ihn ganz anders wahrnehmen. Natürlich macht es einen Unterschied, ob ein Zuckerberg in T-Shirt und Chucks in eine Anhörung kommt oder im Anzug. Er wird entweder ernst genommen oder er wird nicht ernst genommen. Ich finde nicht, dass Kleider Leute machen, aber Kleidung hat eine gewisse Macht über Menschen. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Signale aussenden mit unserer Kleidung. Visuelle Informationen sind das Erste, was man von einem anderen Menschen mitbekommt. Das ist seit der Steinzeit so.

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