Lewis Hamilton Leute, echt jetzt!

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Der Rennfahrer Lewis Hamilton hat einen Strand aufgeräumt und hofft auf die Poleposition der Karmapunktevergabe. Wenn das Prinzip Schule macht, was tut dann Markus Söder? Von
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Man könnte meinen, dass in der Formel 1 vor allem Champagnerflaschen Anwendung finden, schließlich nutzt man sie traditionell in Magnumgröße, um die Sieger mit etwas weniger Profanem als Wasser zu besprühen. Dennoch bereiten dem britischen Rennfahrer Lewis Hamilton aktuell nicht die Glas-, sondern die Plastikflaschen Kummer. In einem auf seinem Instagram-Account veröffentlichten Video zeigt er sich an einem ziemlich zugemüllten Strand, an dem vor lauter Kunststoffhinterlassenschaften – weggeworfen und vom Meer angeschwemmt – der Sand nicht mehr zu sehen ist.

Hamiltons Hände stecken in Latexhandschuhen, der Kommentarton ist entschlossen: "Leute, ich will einfach, dass euch bewusst ist, was ihr anrichtet mit dem Plastik, das ihr kauft und wegschmeißt. Das landet dann hier. Ekelhaft." Die Botschaft lautet: Ich habe hier mal mit ein paar Freunden den Strand aufgeräumt. Das solltet ihr auch tun, Leute, echt jetzt.

Dass sich eine bekannte Persönlichkeit um die Umwelt und das Klima sorgt, ist im Internet und auch außerhalb davon nicht selten und kann den Effekt haben, dass wir plötzlich kurz aus unserem softdrinkgetriebenen, überzuckerten Dämmerzustand erwachen und sagen: Stimmt! Recht hat er! Auf zur Ostsee und zum Mittelmeer, den Sammelbeutel und die Greifzange eingepackt! Wir könnten uns allerdings auch fragen, ob Lewis Hamilton sich nicht generell mehr Gedanken um den Umweltschutz machen müsste als wir. Die Formel 1 lässt schließlich Wagen rollen, die an Sprit rund das Zehnfache marktüblicher Pkw verbrauchen, von den Flugreisen ganzer Trosse zu den Rennen wollen wir gar nicht erst anfangen. Natürlich ist das kein Grund, selbstgefällig zu werden, schließlich liegt Deutschland bei der Verursachung von Verpackungsmüll auf Platz eins in Europa. Da schließen wir uns als Gesellschaftskritiker nicht aus, auch wir wühlen uns täglich durch viele Plastikwelten.

Und dennoch hätten wir Lewis Hamilton lieber dabei zugesehen, wie er mit einem Fahrrad zum Strand fährt oder sich über Zugfahrpläne beugt, um umweltverträglich zu reisen. Am schönsten wäre es aber, er böte Mitfluggelegenheiten in seinem roten Privatflugzeug an, mit dem er normalerweise unterwegs ist. Geteilte CO2-Emissionen sind schließlich halbe CO2-Emissionen, und die Mitreisenden kämen um ihre atmosfair-Abgabe herum. Kurzum: Am besten, jede und jeder tut da Gutes, wo er oder sie den größten impact und das beste learning hat.

Daraus könnte folgen, dass Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich seit Jahren durch die Herzkino-Reihe des ZDF arbeiten, nicht beim Beach-Clean-up schwitzen, sondern stattdessen die Schirmherrschaft über Tarkowski-Matinees übernehmen. Aber sie müssen die Filme auch ganz bis zum Ende gucken! Schönheitschirurgen, die 30-Jährigen sagen, dass man bei so schmalen Lippen doch was machen könne, dürfen in Altersheimen Diavorträge über die Schönheit von Runzeln halten. Und Yogalehrer müssen versuchen, einen Tag lang ohne Avocados und Sojamilch auszukommen und stattdessen Hackbraten in einer Suppenküche verteilen.

Auch Politiker sollten unbedingt mit gutem Beispiel mit Pre-Greenwashing vorausschreiten. So könnte Markus Söder, derzeit Deutschlands unbeliebtester Ministerpräsident, in Bremen oder Hamburg zum Beispiel in allen Amtsstuben Kreuze verkehrt herum aufhängen. Nicht, dass ihm das noch mal auf die Füße fällt! Christian Lindner müsste einfach mal auf seine Anzüge verzichten, bei Oxfam Jogginghosen sortieren und in einem buddhistischen Kloster darüber meditieren, dass seine erlegten Jagdtiere vielleicht nicht unbedingt als bayrische Ministerpräsidenten reinkarnieren. Und Jens Spahn, well, he could serve some great Cold Brew in a nice little Berlin Coffee Shop. Wir fänden das so dermaßen cool, dass wir dafür – versprochen – glatt den Strand aufräumen würden.

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