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Müllvermeidung: Wir packen das

Wer seinen Plastikmüll reduzieren will, muss vor allem Zeit investieren. Aber kann man sich das finanziell auch leisten? Eine Familie wagt den Selbstversuch. Von

Lebensmittel, Verpackungen, Elektroschrott, Plastik: Die Menschheit müllt sich zu. Mit dem Schwerpunkt "Leben im Wegwerfmodus" folgen wir den Routen des Abfalls, zeigen, was er mit Mensch und Tier macht und wie er sich besser vermeiden ließe.

Ein typischer Wocheneinkauf in Deutschland: Mit einer Einkaufsliste im Kopf und einer Tragetasche in der Hand mache ich mich auf den Weg zum Supermarkt. Beim Betreten des Geschäfts heißt mich dann sofort die Familie der Polymere mit ihren schwierigen bis unaussprechlichen Zusatznamen willkommen – Polyethylen in der Gemüseabteilung, Polystyrol im Kühlregal, Polyethylenterephthalat, kurz PET, in der Getränkeabteilung. Mit ihren farbenfrohen und glänzenden Kauf-mich-Verpackungen ist ihnen schwer zu widerstehen. So landet der Paprikamix in der Plastikhülle, der Smoothie in der Kunststoffflasche und der Käse hinter transparenter Folie in meinem Einkaufskorb, der übrigens auch aus Hartplastik besteht. Verpackungen sind praktisch – für das Marketing, um die Produkte unwiderstehlich aussehen zu lassen. Sie suggerieren Frische und Sauberkeit und versprechen lange Haltbarkeit. Außerdem hätte ich als ungeübte Köchin die Nudeln ohne die nützlichen Garzeitangaben auf der Schachtel vielleicht weit über al dente hinaus kochen lassen. Verpackungen machen unser Leben um einiges leichter. So kann ich mich auch darauf verlassen, dass der Supermarkt eine – immerhin nicht mehr kostenlose – Tüte für mich bereithält, wenn meine eigene Tasche der imaginären, deshalb für Marketingaktionen anfälligen Einkaufsliste allein nicht standhalten kann.

Nach dem Supermarktbesuch geht es ans Auspacken, wobei viele Produkte gleich wieder aus ihrer Hülle entfernt werden. Der Verpackungsmüll fällt voluminöser aus als der eigentliche Einkauf, auch das ist Realität. Im EU-Vergleich produziert Deutschland seit Jahren den meisten Verpackungsmüll. Im Jahr 2016 waren es 18,16 Millionen Tonnen, also 0,05 Prozent mehr als im Vorjahr, wie das Umweltbundesamt mitteilte. Jede Verbraucherin, jeder Verbraucher verursacht knapp 25 Kilogramm Plastikverpackungsmüll im Jahr.

Mit Blick in meinen eigenen Haushalt wundert mich gar nichts mehr: Milch im Getränkekarton, Müsli in der transparenten Kunststofftüte und Schokolade im Aluminiumumschlag, dann noch Papier drum herum, vieles ist doppelt verpackt. Die Gelbe Tonne quillt bei uns ständig über, die Diskussion darüber, wer nun schon wieder den Müll rausbringen muss, kehrt häufig wieder. Geht das nicht auch anders? Ich nehme mir vor, für unsere dreiköpfige Familie verpackungsfrei einkaufen zu gehen, probehalber. Vielleicht spart uns das ja eine ganze Menge, und zwar nicht nur Müll?

Es geht vor allem darum, aus der Alltagsträgheit auszubrechen.
Antje Orentat, Mitbegründerin der Bürgerinitiative Beutel-Cool-T

Bevor es losgeht, muss ich mich erst mal ändern: Aus der Chaotin soll eine Strategin werden. Ich erstelle eine solide Liste aller Besorgungen, auf der Milchprodukte, Trockenwaren und Grünzeug stehen und Süßigkeiten nicht fehlen sollen. Paradoxerweise stelle ich fest, dass ich für meine Besorgungen ohne Verpackung vor allem eines benötige – nämlich Verpackungen. Nachhaltig sollten sie in jedem Fall sein und keinesfalls für die Tonne. Für jedes Produkt müssen passende Dosen, Beutel und Büchsen her. Das Ergebnis: Statt eines leichten Einkaufsbeutels schleppe ich einen Rucksack voll klappernder Behälter mit mir herum. Statt komfortabel alles in einem Supermarkt einzukaufen, begebe ich mich auf eine Art Schnitzeljagd nach den vielen verschiedenen Produkten. Wer nach der Arbeit schnell noch was einkaufen möchte, kann kaum konsequent sein. Es sei denn, er schleppt die Behältnisse den ganzen Tag mit sich herum – aber wer würde da nicht mit seiner Bequemlichkeit ringen?

Am verheißungsvollsten scheint mir der lokale Bauernmarkt zu sein, deswegen starte ich da. Die Frage, ob ich mir etwas in meine Dose abpacken könne, kommt mir trotzdem am Marktstand nur zaghaft über die Lippen. Ich befürchte, auf dem Markt als verquer abgewiesen zu werden. Aber die Fleischverkäuferin legt selbst rohes Rindfleisch in meine mitgebrachte Dose. "Wir dürfen den Behälter nur nicht über die Theke nehmen", erklärt sie mir.

Das hat ja ganz ermutigend begonnen. An vielen weiteren Ständen werde ich dann sogar gelobt für so viel Umweltbewusstsein, von anderen Kunden und ebenso von den Verkäufern, auch bei meiner letzten Station auf dem Wochenmarkt: dem Gemüsehändler. Wer kennt ihn nicht, den Brokkoli in seiner glänzenden Kunststoffhaube? Von meinen Supermarkttouren bin ich diesen Anblick gewohnt. Auf dem Markt ergattere ich ihn wie erwartet ohne Plastik, allerdings kostet er doppelt so viel wie im Supermarkt.

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