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"Polizeiruf 110" München "Das Gespenst der Freiheit"

Ein Flüchtling wird zu Tode geprügelt, ein Verdächtiger wird zum V-Mann. Versteht man nach diesem "Polizeiruf", wie jemand mit Migrationshintergrund Neonazi werden kann?
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

In München wird ein Mann muslimischer Herkunft zu Tode geprügelt. Die vier Tatverdächtigen behaupten, es sei Notwehr gewesen, er habe eine Frau belästigt. Doch für den ermittelnden Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) sehen die vielen brutalen Verletzungen, die Tritte gegen den Kopf danach aus, als seien die jugendlichen Verdächtigen mit Plan in Rage geraten. Sie kommen in Untersuchungshaft, wenig später wird einer von ihnen, der Halbiraner Farim Kuban, schon wieder freigelassen: Der Verfassungsschutz scheint ihn als V-Mann angeheuert zu haben.

Wie verraten muss man sich durch den Verfassungsschutz vorkommen, wenn der die Verfassung gar nicht mehr schützt? Das versucht Hanns von Meuffels in diesem Polizeiruf 110 herauszufinden – und gerät damit zwischen alle Fronten. Dass es keine rechtsfreien Räume in Deutschland gibt, glaubt er bald schon nicht mehr. Matthias Brandt ist in Das Gespenst der Freiheit zum vorletzten Mal in der Rolle des Münchener Kriminalhauptkommissars zu sehen.


1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Darüber, wie hässlich München doch ist. Selbstbedienungsbäckereien, U-Bahn-Gastronomie, Flachbaukneipen im Resopal-Look – dieser Polizeiruf leuchtet die unschönen Ecken der Stadt aus.

Lars-Christian Daniels: Darüber, wie riesengroß die Fußstapfen sein werden, in die Sophie Rois tritt, wenn sie Matthias Brandt im Polizeiruf aus München beerbt. Sein letzter Fall soll 2019 ausgestrahlt werden, sein vorletzter ist einer seiner stärksten – und wird einmal mehr polarisieren.

Matthias Dell: Über die Überflüssigkeit eines Verfassungsschutzes, der die Verfassung gar nicht schützt.

Kirstin Lopau: Darüber, ob der Verfassungsschutz wirklich so mies, kalt und manipulativ ist wie dargestellt, und warum es ihn dann überhaupt noch gibt. Wenn Untersuchungsausschüsse zu diesem Thema im Nebel versinken (hier wird sehr richtig auf die Geschehnisse rund um den NSU hingewiesen), fragt man sich nicht zum letzten Mal, ob sich da etwas verselbstständigt hat, was weit entfernt vom Schutz unserer Verfassung ist.

2. Was haben Sie aus diesem "Polizeiruf" gelernt?

Christian Buß: "Gewalt ist schwer zu dosieren, wenn man sie voll genießen will." Matthias Brandt zu einem Nazischläger, der mit seinen Freunden einen Syrer mit je 20 Tritten an Kopf und Körper getötet hat. 

Lars-Christian Daniels: "Gewalt ist schwer zu dosieren, wenn man sie voll genießen will."

Matthias Dell: Wie man aus einem Bierdeckel einen Aschenbecher macht. 

Kirstin Lopau: Wir lernen, warum man mit Migrationshintergrund Neonazi sein kann. Außerdem lernen wir, dass sich "heute (...) keiner für rechte Gewalt" interessiert, weil "im Moment (...) ja jeder irgendwie braun" ist. Wir sehen eindrucksvoll, wie sich der Verfassungsschutz zum Mittäter macht und wie wenig ein Einzelner, hier Von Meuffels, dagegen ausrichten kann. Und am Ende bleiben wir mehr als deprimiert mit diesen Erkenntnissen allein.

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Woher diese extreme Gewalt? Dieser entfesselte Krimi gibt nicht vor, darauf eine eindeutige Antwort parat zu haben.

Lars-Christian Daniels: "Es gibt keine rechtsfreien Räume in Deutschland", ist sich Von Meuffels zu Beginn dieses Polizeirufs sicher. Am Ende nicht mehr.

Matthias Dell: Hat sich Verfassungsschutzmann Röhl (Joachim Król) auch mit der AfD getroffen, um ihr sympathische Tipps zu geben, wie sie der Beobachtung entgeht?

Kirstin Lopau: Hatte Röhl wirklich den Innenminister am Telefon? Und wer hat den Syrer nun umgebracht?

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Hässliche Menschen an hässlichen Orten, topbesetzt sozusagen.

Lars-Christian Daniels: Keine. Joachim Król haben wir allerdings noch gut als Frankfurter Tatort-Kommissar Frank Steier in Erinnerung. Man braucht ein bisschen, um sich an seine neue Rolle als sadistisches Ekel vom Verfassungsschutz zu gewöhnen.

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Keine. Nur hätte man vielleicht weniger Gewalt zeigen können. Mir war das zu viel.

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von dem Lied Ein Hoch auf die Erinnerung. Ein Schlager, der wie eine perfide Mischung aus Helene Fischer, Andreas Bourani und Böhse Onkelz klingt. Er wurde extra für diesen Polizeiruf komponiert, die Nazis geben sich dazu die Kante.

Lars-Christian Daniels: Eine versuchte Gruppenvergewaltigung, eine brutale Hinrichtung, ein spontaner Quickie auf dem Fußboden einer Imbissbude: Dieses mitunter etwas anstrengende, aber großartig gespielte und aufwühlende Krimidrama fordert den Zuschauer erheblich und liefert gleich Stoff für mehrere Nächte.

Matthias Dell: Wie Hanns von Meuffels die Beerdigung am Schluss auf Socken absolviert – das ist doch nicht nur etwas frisch, sondern piekst auch wegen der ganzen Kieselsteine.

Kirstin Lopau: Von jeder Gewaltszene: angefangen bei der Aufzählung der Verletzungen des Toten bis hin zum Umgang der handelnden Personen nach der Hinrichtung.

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Polizeiruf 110"?

Christian Buß: Eine Schlafmütze. 😴

Lars-Christian Daniels: Zwei Schlafmützen. 😴😴

Matthias Dell: Drei Schlafmützen. 😴😴😴

Kirstin Lopau: Vier Schlafmützen. Spannend und grausam zugleich, zu gleichen Teilen. 😴😴😴😴

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