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Rente 2058 wird eine epochale Kopfnuss

Reich und berühmt werden? Sicher bald. Das hoffen junge Künstler in unterbezahlten Jobs. Wer sich nur an sich selbst abarbeitet, bekommt später keine Rente. Na ja, egal. Von

Wenn ich ans Altsein denke, denke ich an Parfüms, die nach Seife riechen, überbordende Wasserfallausschnitte und einen großen Garten, irgendwo, wo es warm ist. Da laufe ich dann herum mit ausgelatschten Gummistiefeln und knipse Rosenstengel ab (weil mir natürlich bis dahin ein prächtiger grüner Daumen gewachsen sein wird) und schaue meinen runzeligen Freunden dabei zu, wie sie zugedröhnt in Blumenkleidern an einer langen Holztafel sitzen und Pasta essen. Vielleicht tanzen sie auf dem Tisch. Vielleicht tragen sie dazu Virtual-Reality-Brillen.

Vor ein paar Tagen hat mir meine Freundin Zoë ein Bild geschickt. Ein verwackeltes Foto auf Telegram, Dienstagnacht, 2.43 Uhr. "Haha, Schreiemoji, Schreiemoji, Boxhandschuh". Auf dem Foto war ein maschinell bedrucktes Stück Papier mit vielen Zahlen und Buchstaben drauf. Oben drüber prangte das Wort "Rentenbescheid" in dieser unbehaglich zurückhaltenden Amtsschriebtypo. Ganz oben, neben "Höhe Ihrer monatlichen Regelaltersrente", stand etwas, das aussah wie 29 Euro. Zoë ist Mitte 30 und arbeitet wie ich (sofern man jahrelange un- bis unterbezahlte Verausgabung als Arbeit im eigentlichen Sinne bezeichnen kann) in der Kunst. Sie ist tagsüber freischaffende Künstlerin, nachts übersetzt sie Massen von Texten, um ihre Miete bezahlen zu können.

Menschen wie Zoë und mich gibt es viele. Im Verhältnis zu allen anderen sind wir wenige, aber gefühlt sind wir überall. Weil wir durften, haben wir studiert, solange wir konnten. Jetzt sind wir Künstlerinnen, Filmemacher, Kuratoren und Musikerinnen, sitzen in Berliner Altbauwohnungen mit abgezogenen Tapeten, in 7-er WGs im Glockenbachviertel und Fünf-Quadratmeter-Verschlägen in Brooklyn und arbeiten uns an uns selbst ab. Wir kümmern uns um unsere Onlineportfolios, unseren Soundcloud-Account und unsere Ernährung, nur um das, was kommt, wenn wir in 50 Jahren mit all dem fertig sind, kümmert sich niemand.


Ich weiß, was Rente ist. Ungefähr. Meine Oma bekommt Rente. Wenn Wahlen sind, reden alle immer von der Rente. Ich bin jetzt 27. Der Gedanke daran, dass meine Knie irgendwann faltiger sein könnten, als sie es gerade noch sind, oder Rente etwas, das mit mir zu tun haben könnte, erscheint mir zum jetzigen Zeitpunkt ziemlich abwegig.

An einem Freitagabend scrolle ich über die graugrüne Oberfläche der Website der Deutschen Rentenversicherung. Voraussetzung für einen Rentenbescheid ist, dass man älter als 27 ist und mindestens fünf Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt hat. Zumindest steht das hier in diesem Informationskasten. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich neben meiner Herumkrebserei als freie Autorin in den letzten sieben Jahren in verschiedenen kurzfristigen Angestelltenverhältnissen gearbeitet; könnte also sein, dass die Hostessenagentur oder eine der Galerien, in denen ich zwei Tage die Woche für zehn Euro pro Stunde herumsaß, irgendwas abgeführt haben. Sicher bin ich nicht. Ich klicke auf die Schaltfläche "Rentenkonto Onlinerechner". Wenn, dann müsste hier ja etwas stehen. Auf der ersten Seite muss ich mein Geschlecht und mein Geburtsdatum angeben. Bereits auf der nächsten Seite kapituliere ich. "Flexirente", "Regelalterssrente"und "Gleitzonenrechner" klingen so sehr nach Kaffeesahne und orthopädischen Hausschuhen, dass ich Kopfschmerzen bekomme.

Für meine Real-Life-Legasthenie schäme ich mich sofort ganz schlimm. Prokrastination hilft bei mir immer gegen das Gefühl von Unzulänglichkeit, ich schaue also stattdessen die Bilder auf der Seite an. Ich bin ja Millennial, Bilder anschauen kann ich gut. Unter dem Titel Sicherheit für Generationen blicken zwei Erwachsene von dem Header. Ein 50-jähriger Mann mit grau melierten Haaren, randloser Brille und einem hellblauen Pololangarmshirt mit Zip-Kragen. Daneben eine Frau mit Foliensträhnchen und hellgelber Daunenweste. So sehen Leute aus, die sich um ihre Rente kümmern. Nach Neubauhaus, Bausparvertrag und Outdoorbekleidung. Solche Leute kenne ich noch von früher. Die Eltern meines besten Freunds Max aus dem Gymnasium sahen so aus. Manchmal sehe ich sie im Wartezimmer vom Zahnarzt oder beim Joggen im Park. Sie sind vielleicht Bauzeichnerinnen, Hochschullehrer, Optikerinnen oder Kindergärtner. 

Wenn ich zu den Stoßzeiten in der U-Bahn sitze, beneide ich diese Menschen ein bisschen. Für ihre glänzenden Office-Rucksäcke, ihr Feierabendbier, ihre Routinen und ihre Altersvorsorge. Meine Freunde sehen nicht so aus. Meine Freunde sind Mitte 20 bis mit Mitte 30, tragen Outdoor-Bekleidung höchstens ironisch gebrochen, wenn sie ins Berghain gehen, und arbeiten von zu Hause aus an irgendwelchen künstlerischen Projekten, die sie für groß und wichtig halten. Die meisten von ihnen freiberuflich. Dass sie damit gerade so viel Geld verdienen, dass sie ihre Miete und die McFit-Mitgliedschaft bezahlen können und alle halbe Jahre ein Friseurbesuch drin ist, ist okay. Wie ich gehen auch sie alle davon aus, dass es irgendwann anders sein wird. Ich kenne niemanden, der sich um seine Rente kümmert. Zumindest soweit ich weiß. Wenn wir abends in verrauchten Bars zusammensitzen, dann sprechen wir über Polygamie, über Gott, über Thomas Bernhard und über Botox. Über die Rente haben wir noch nie gesprochen.

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