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Singleleben Bei mir ist es heute nicht so gut

Wohin bloß, wenn der Abend zur Nacht wird, die man gemeinsam verbringen will? Wenn man alle Optionen durchgeturnt hat, bleibt am Ende nur eine Lösung. Von
Aus der Serie: Es ist kompliziert

Zwar sind mehr als 60 Prozent aller Alleinstehenden zufrieden mit ihrem Leben, jedoch nur zehn Prozent davon sind überzeugte Singles. Was auf der Suche nach dem richtigen Partner alles passieren kann, davon erzählen unsere beiden Singlekolumnistinnen in der Serie "Es ist kompliziert".

Zu mir oder zu dir? Das ist eine dieser Fragen des modernen Singlelebens, gern zitiert in Daily Soaps, die man sich im echten Leben aber nicht wirklich sagen hört. Ich jedenfalls habe noch nie mit einem Mann vor einem Taxi gestanden und genau diese Frage gestellt. Oft genug ergibt es sich unausgesprochen: Seine Wohnung ist näher, meine Wohnung ist schöner oder im Zweifelsfall die, in der niemand stört.

Manchmal allerdings wünschte ich mir, die Entscheidung wäre eine andere gewesen. 

Nils und ich haben eine Zeit lang in derselben Firma gearbeitet. Schlechte Voraussetzung, aber ich fand ihn trotzdem toll – er hatte so etwas Verwirrtes, leicht Verrücktes. Noch schlechtere Voraussetzung: Nils war nicht Single zu der Zeit, als er und ich nach Feierabend ständig zusammensaßen. Allerschlechteste Voraussetzung: Irgendwann lud Nils mich zu sich nach Hause ein. Fernbeziehung, seine Freundin war während der Woche in München. Und ich war nicht klug genug, Nein zu sagen.

Ich hatte schlicht keine Lust, wieder einmal zu mir zu gehen, mit einem Mann auf dem Balkon zu sitzen und Whiskey Sour zu trinken, nur weil es so viel einfacher ist. Weil es bequem ist für den Mann. Auch, weil der Selbstbetrug für ihn, der nicht allein ist, einfacher ist, wenn er in eine fremde Wohnung geht.

Trotzdem fühlte es sich merkwürdig an, in Nils Wohnung zu gehen, doch nach ein paar Drinks war das Gefühl vergessen. Sie war glücklicherweise angenehm neutral eingerichtet, eher mit antiken Möbeln der Großeltern als mit Billy-Regalen voller gemeinsamer Urlaubsbilder.

Nils und ich tranken weiter, rückten die alten Sessel ans Fenster, rauchten in den Hinterhof, hörten laut Musik. Die Szenerie wirkte fast wie in einem romantisch-dramatischen Autorenfilm. Bis die Polizei vor der Tür stand. Wir machten nicht auf, drehten nur rasch die Musik leiser. Die Polizei hatte offenbar keine Lust, sich weiter mit der Lappalie zu befassen, und ging.

Ich dann allerdings auch sehr bald. Die Stimmung war zerstört, mein schlechtes Gewissen schlagartig wieder da und genauso die Erkenntnis, dass aus Nils und mir nie wirklich etwas werden würde. Ich sollte mich deswegen auch lieber gar nicht auf die Affäre einlassen. Ich fuhr, von meiner Entscheidung bestärkt, aufgeräumt und guter Laune nach Hause und verdrängte den Abend, ging Nils bei der Arbeit eher aus dem Weg, bis er mich ein paar Wochen später anrief. Im Hintergrund hörte ich Geschirr klappern.

Unser gemeinsamer Abend hatte Folgen gehabt. Ein lärmempfindlicher Nachbar hatte das Gerücht in die Welt gesetzt, Nils habe in der Nacht Sex mit einer anderen Frau gehabt. Und weil Berlin dann doch ein Dorf ist, war das Gerücht natürlich bis zu Nils’ Freundin vorgedrungen. Dabei hatten wir uns nicht mal geküsst!

Ich war gerade dabei, das alles noch zu verarbeiten, als ich ein Knacken in der Leitung hörte, weil Nils sein Handy auf Lautsprecher gestellt hatte – damit ich mal kurz mit seiner Freundin reden konnte, um all die bösen Gerüchte zu entkräften.

Anderthalb peinliche Minuten später hatte ich aufgelegt, ärgerte mich, dass ich bei dem ganzen Drama nicht wenigstens doch mit ihm geschlafen hatte, und versprach mir, nie wieder in dieser Konstellation in eine fremde Wohnung zu gehen. Und zur Sicherheit vielleicht eine ganze Weile grundsätzlich nicht irgendwelche Männerwohnungen zu betreten.

Das führte im Folgenden zu Begegnungen auf dunklen Spielplätzen, in Fotoautomaten oder im Keller einer Bar, aber ganz ehrlich – in jeder dieser Locations fühlte es sich erst spannend, dann allerdings sehr schnell nach einer Pubertät an, der ich schon vor sehr vielen Jahren glücklich entkommen war. Also doch wieder mein Balkon.

Doch auch in der eigenen Wohnung ist nicht immer alles nur einfach. Etwas bleibt immer, wenn der Mann geht. Manchmal ist es schön, eine Zigarettenschachtel zwischen den Sofakissen zu finden. Manchmal braucht es aber auch Stunden, bis der Mann die Wohnung auch atomar verlassen hat, und ich will einfach nur mein Zuhause zurück, ohne Erinnerung an irgendeine flüchtige Begegnung, die noch in den Räumen hängt. Und dann noch die ganze Wäsche! Bett abziehen, neu beziehen. Manche Nächte rechtfertigen diesen Aufwand. Andere, nun ja, eher nicht.

Die Antwort auf die Frage "Zu mir oder zu dir?" lautet in den Soaps gern mal: ins Hotel. Im Hotel war ich noch nie. Ich sollte dringend damit anfangen. Ich bin jetzt alt genug dafür.

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