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"Tatort" Luzern Verfolgungsjagd in Flipflops

Beim Konzert des Jewish Chamber Orchestra gibt es einen Anschlag auf den Klarinettisten. Finden Flückiger und Ritschard den Täter – und das Ende des "Tatort"-Sommerlochs?
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Im Kongresszentrum Luzern trifft sich die Schweizer High Society: Ein Benefiz-Konzert des Jewish Chamber Orchestra soll der im Konzentrationslager umgekommenen Juden gedenken. Organisiert hat es der Mäzen Walter Loving, der zur Zeit des Dritten Reichs zahlreichen Juden das Leben gerettet haben soll. Das allerdings bezweifeln nicht nur sein Sohn Franky, sondern auch die jüdische Pianistin Miriam Goldstein, die ein dunkles Geheimnis der Familie Loving lüften will, während des Konzerts. Dann aber gibt es einem Giftanschlag auf den Klarinettisten des Orchesters, Vincent Goldstein, und die Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) im Luzerner Tatort Die Musik stirbt zuletzt beginnen zu ermitteln.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über das Jewish Chamber Orchestra. Die Musiker spielen so konzentriert wie aufwühlend Symphonien von im KZ ermordeten jüdischen Komponisten, während eine entfesselte Kamera um sie herum saust.

Lars-Christian Daniels: Über die fantastische Arbeit von Kameramann Filip Zumbrunn, der eineinhalb Stunden lang in einer Einstellung durchdreht und der heimliche Star in diesem Tatort ist. Alejandro González Iñárritus Birdman, Sebastian Schippers Victoria oder Alfred Hitchcocks Rope lassen grüßen.

Matthias Dell: Über die eine Einstellung, in der der Tatort gedreht worden ist.

Kirstin Lopau: Darüber, dass die Schweizer ja doch Tatort können. Dieser ist brillant und ein wunderbarer Auftakt in die neue Krimisaison. 


2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: "Im Fernsehen darf man nicht rauchen, zumindest nicht die positiven Figuren", das sagt einer der Charaktere – um sich direkt danach eine anzuzünden.

Lars-Christian Daniels: Na also, Luzern, es geht doch! Geschlagene 13 Fälle hat es gedauert, bis Reto Flückiger und Liz Ritschard mal zusammen in einem richtigen Klasse-Tatort zu sehen sind. Und wie dankt es ihnen das SRF? Schickt seine Kommissare 2019 in Rente.

Matthias Dell: Dass man einen Tatort auch in einer Einstellung drehen kann.

Kirstin Lopau: In Luzern riecht die Schweiz noch nach Schweiz. Im Fernsehen darf man nicht rauchen ("zumindest nicht die positiven Figuren"). Eine Verfolgungsjagd zu Fuß in Flip-Flops ist wohl sehr anstrengend. Und: "Das Leben ist nicht nur Erfolg. Scheitern und Erfolg sind Geschwister."


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Seit wann hat Kommissar Flückiger eigentlich einen Stiefsohn? Er kommt mit dem Jungen in Fan-Aufmachung direkt aus dem Fußballstadion an den Tatort.

Lars-Christian Daniels: Warum versenkt die ARD diesen herausragenden Tatort im Sommerloch? Und wie geht das Fußballspiel des FC Luzern aus?

Matthias Dell: Wie ging das Fußballspiel aus, das Flücki Flückiger früher verlassen musste wegen des Einsatzes?

Kirstin Lopau: Wenn inmitten eines Konzerts die scheinbar einzige Klarinette ausfällt, wird dann das Konzert weitergespielt? 


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Ach, einige der Schauspieler agieren eher funktional als furios. Aber das ist egal. Die Kamera ist der Star in diesem meisterhaften One-Take-Krimi. 

Lars-Christian Daniels: Keine einzige, denn der Krimi ist herausragend besetzt. Neben den groß aufspielenden Sybille Canonica und Hans Hollmann muss man auch den vielen Nebendarstellern ein großes Kompliment aussprechen: Wie bei einer Theateraufführung wurde der Film an vier Abenden ohne jede Unterbrechung durchgespielt – eine Meisterleistung an Logistik und Improvisation, von der in diesem Film (anders als in den kolossal gescheiterten Ludwigshafener Impro-Experimenten Babbeldasch und Waldlust) so gut wie nichts zu spüren ist.

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Diesmal keine. Flückiger ist gut, Ritschard endlich mal präsent (was nicht an ihrem Kleid liegt). Aber herausragend spielt Andri Schenardi als Franky, der die Rolle des Erzählers übernimmt, das ein oder andere Geheimnis aus der Welt der Fernsehschaffenden enthüllt und bis zum Schluss mit dem Zuschauer spielt. ("Das war ein toller Abend, meine Damen und Herren." Stimmt, das war er!) Von mir aus darf Franky jetzt jeden Tatort moderieren.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Davon, wie der vergiftete Klarinettist während der Aufführung von Kassandra, einer Symphonie des im Konzentrationslager ermordeten Komponisten Erwin Schulhoff, von der Bühne wankt.

Lars-Christian Daniels: Vom Luftröhrenschnitt mit dem Taschenmesser.

Matthias Dell: Von der, in welcher der Rettungssanitäter weiter wiederbelebt, während die Trage in Richtung Rettungswagen geschoben wird. Das ist mal Einsatz.

Kirstin Lopau: Vom Gedicht der Goldsteins.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 1 Schlafmütze 😴

Lars-Christian Daniels: 0 Schlafmützen

Matthias Dell: 4 Schlafmützen 😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 1 Schlafmütze 😴

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