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Freiheit Nee, Papa, lass mal

Irgendwann will man selbst von den coolsten Eltern weg. Zum Beispiel in den Club, in die Nacht, ins Leben. Und wenn sie einen gehen lassen, kommt man auch wieder zurück. Von

Für unsere Serie "Elterngefühle" haben Eltern über ihre Kinder geschrieben und welche Emotionen dieses besondere Verhältnis prägen. Nun schreiben die Kinder. Heute über: Freiheit

Ich bin 16 Jahre alt. Und es gibt da dieses Bild, das Erwachsene von jungen Menschen in meinem Alter haben. Da steckt man ja angeblich voll in der Pubertät, testet Grenzen und probiert alles Mögliche aus. Im Grunde ist man die Variante eines stinkenden, faulen, uninteressierten, genervten Teenagers, der hauptsächlich eins im Kopf hat: gegen die Eltern zu rebellieren.

Als so einer fühlen sich aber, denke ich, die wenigsten in meinem Alter. Ich zum Beispiel hatte schon immer ein gutes Verhältnis zu beiden meiner Eltern. 

Trotzdem ist es normal, dass irgendwann das Verlangen aufkommt, sich von seinen Eltern frei zu machen und die Welt auf eigene Faust zu erkunden. Mit neun Jahren habe ich zwar mit meinen Eltern einen Vertrag abgeschlossen, dass ich "nie in die Disco gehen werde, nie im Leben". Mit 15 habe ich den Vertrag dann gebrochen: Als ich mit Extrataschengeld ausgestattet einen Tag früher als meine Eltern aus den Ferien nach Berlin kam, habe ich meine Chance direkt genutzt.

Es gibt aber auch noch einige andere Veränderungen, die das Verhältnis zwischen mir und meinen Eltern in den letzten Jahren durchgemacht hat. Nach der Trennung meiner Eltern vor drei Jahren hatte ich das erste Mal das Bedürfnis, komplett frei in meinen Entscheidungen sein zu wollen. Plötzlich hatte ich zwei Zuhause, zwei Rückzugsorte, das war erst mal ungewohnt und anstrengend. Meine Mutter und ich haben zusammen Wohnungen ausgesucht, die Umgebung angeguckt und gemeinsam entschieden, wo wir wohnen wollen. Die Wohnung meines Vaters habe ich erst gesehen, als der Mietvertrag unterschrieben und sie schon eingeräumt war. Ich weiß zwar, dass man als Kind keine freie Wahl hat, wo man wohnt oder in welche Familie man hineingeboren wird, aber ich hätte schon gern die Freiheit gehabt, zu entscheiden, in welchem Stadtteil, welcher Wohnung ich fünfzig Prozent meiner Zeit verbringen würde.

Nachdem ich mich den unterschiedlichen Wohnorten meiner Eltern angepasst hatte, begann ich, mich auch langsam zu verändern. Früher hab ich die meiste Zeit mit meinen Eltern verbracht, und wenn ich mich mal mit Freunden getroffen habe, war das eher eine komplizierte Angelegenheit. Bei wem? Wie kommt man hin? Wann muss man heim? Welcher Erwachsene ist verantwortlich? Jetzt ist es Gewohnheit und Alltag. Ich habe meinen ersten Freund kennengelernt, mehr Selbstbewusstsein entwickelt und neue Freunde außerhalb der Schule kennengelernt. Dadurch bin ich weniger in meinem Zimmer, über einem Buch oder an der Gitarre, sondern mehr am See oder im Park.

Damit, dass meine Eltern plötzlich nicht mehr die Nummer eins waren, kamen sie beide relativ gut klar. Das ist natürlich vorhersehbar. Aber damit, dass ich alleine um zwei Uhr nachts durch Berlin fahren wollte, eher nicht. Mein Vater noch besser als meine Mutter. Also schufen sie Regeln. Die für mich aber leicht zu brechen waren.

Meine Eltern brauchten ihre Zeit, um damit klarzukommen, dass ich abends raus oder feiern wollte. Bei mir ging das dafür ziemlich rasant. Ich war selbst ein wenig erstaunt, wie schnell sich meine Prioritäten verlagern. Von einem schönen Abendessen mit der Familie zu einem Treffen mit meinen Freunden. Von einer Einkaufstour mit Papa auf den Geburtstag von einem Kumpel. Von einem netten Kinoabend mit Mama und Tante in eine Bar, wo ich mit Freunden über die neuesten Schuhreleases, die Schule oder unsere Zukunft und den Sinn des Lebens redete.

Meine Eltern waren natürlich der Meinung, ich müsse mit 15 noch nicht open end durch die Nacht ziehen, sei es zu einer entspannten Runde bei einem Freund oder zu einem Techno-Open-Air. Sie sagten, ich sollte mir bestimmte Erlebnisse noch aufsparen können. Alles sehr richtig – aber wenn sich bestimmte Gelegenheiten ergaben, kam mir eher "Carpe diem!" in den Kopf als "Spar dir deine Jugend auf!" Man soll doch im Hier und Jetzt leben!

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