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Geborgenheit So kann mir nichts passieren

Damit ein Kind sich gut aufgehoben fühlt, braucht es mehr nur als ein schönes Zuhause. Zum Beispiel zwei. Wer weiß das besser als ein Zwölfjähriger mit Patchworkfamilie? Von Quinten Majica
Aus der Serie: Elterngefühle

Für unsere Serie "Elterngefühle" haben Eltern über ihre Kinder geschrieben und welche Emotionen dieses besondere Verhältnis prägen. Nun schreiben die Kinder. Heute über: Geborgenheit

Wir sitzen alle an einem See. Der See heißt Vransko Jezero und liegt in Kroatien, und von der Seite des Sees, an der wir in einem Restaurant unter freiem Himmel sitzen, sieht man gut die Sterne. Am Himmel hängt ein riesiger Mond, was ziemlich spektakulär ist. Aber wichtig ist mir etwas anderes, nämlich dass alle da sind.

Mein Vater, mein kleiner Bruder, meine Mutter, mein Stiefvater und meine kleine Schwester, meine Großeltern, unser Freund Nicki und seine Tochter Lilli, und auf dem Tisch steht eine große Schale mit Essen. Und ich denke darüber nach, ob ich zuerst das Hühnerfleisch oder das Hammelfleisch probieren soll oder beides. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich beides nehmen werde. Mit viel Kartoffeln und Soße.

An diesen Moment muss ich denken, als mich mein Vater ein paar Tage später fragt, was Geborgenheit für mich ist. Es gebe Leute, die das interessieren würde, sagt er. Mein erster Gedanke ist: Was ist das eigentlich für eine Frage – was ist Geborgenheit? Ich fühle mich gleich wie im Ethikunterricht. Diese Erwachsenen.

Vielleicht sollte ich mich erst mal vorstellen. Ich bin Quinten Majica, 12 Jahre alt, wohne in einer Großstadt und bin eigentlich niemand, der besonders gern schreibt. Aber mein Vater sagt, wenn ich mich mit dieser Frage beschäftige und darüber einen Artikel schreibe, bekomme ich Geld und, ähm, Ruhm. Also gut.

Mal sehen, was würde ich im Ethikunterricht sagen? Bestimmt würde ich eine Definition aufstellen: Meiner Meinung nach gibt es verschiedene Arten, sich geborgen zu fühlen, manche sind konstant, während andere nur einen Moment dauern. Das klingt hoffentlich nicht zu kompliziert, aber meiner Ethiklehrerin gefällt so etwas.

So fühle ich mich zum Beispiel immer dann geborgen, wenn ich mit meiner Familie etwas Leckeres gegessen habe. Warum? Der Grund dafür ist, dass ich gerne Zeit mit meiner Familie verbringe. Und dass ich gerne esse. Wenn wir uns versammeln, um gemeinsam zu essen, vereint sich beides. Doch ein Essen dauert kein Leben lang, was ganz gut ist, das wäre ja Folter. Essen gehört also nicht zur permanenten Geborgenheit.

Damit ein Kind sich gut aufgehoben fühlt, braucht es mehr nur als ein schönes Zuhause. Zum Beispiel zwei. Wer weiß das besser als ein Zwölfjähriger mit Patchworkfamilie? © Familie Majica

Permanente Geborgenheit hat für mich damit zu tun, dass zu meiner Familie ganz viele Menschen gehören, die mir wichtig und nahe sind. Damit ich mich dauerhaft geborgen fühle, brauche ich zwei Dinge: das Gefühl von Sicherheit, also dass mir nichts passieren kann. Und das Gefühl von Wohlbefinden im maximalen Maße, also dass für alles gesorgt ist. Zum Beispiel für Essen. Aber ich höre jetzt wirklich mal auf, über Essen zu schreiben, sonst denken alle, ich bin total verfressen.

Diese Geborgenheit hat nicht unbedingt mit einem bestimmten Ort zu tun, sondern existiert an allen Orten, die für mich ein Zuhause sind. Vielleicht liegt das daran, das ich in einer Patchworkfamilie lebe, aber ich glaube, das ist grundsätzlich die beste Einstellung. Ich habe mindestens zwei Orte, an denen ich mich zu Hause fühle, einen bei meiner Mutter mit ihrem neuen Mann und meiner kleinen Halbschwester und einen bei meinem Vater, seiner Ex-Freundin und meinem Halbbruder. Und auch bei meinen acht Großeltern fühle ich mich zu Hause.

Ich kann mich überall geborgen fühlen

Ich wechsle gerne zwischen diesen Zuhauses – ist das überhaupt der richtige Plural? Auf jeden Fall habe ich so zwei Kinderzimmer, mehr Platz und kann mich immer auf die Menschen konzentrieren, mit denen ich gerade zusammen bin. Würden wir alle zusammen an einem Ort leben, wäre es ganz schön voll. Außerdem habe ich dadurch immer viel Abwechslung. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass ich so gerne reise.

Unterwegs kann ich mich genauso geborgen fühlen wie in meinem Zimmer, solange ich nur alles habe, was ich brauche. Also meine Familie oder zumindest einen Teil davon. Am besten eins meiner Elternteile plus meinen Stiefvater oder Freunde meiner Eltern und natürlich meine Schwester und meine Brüder – ich habe nämlich noch einen älteren Stiefbruder, aber der ist schon erwachsen. Und ein WLAN zu haben ist auch gut.

Natürlich muss ich die Gegend, in die wir reisen, auch mögen, weshalb ich mich in der Walachei oder in Sibirien sehr wahrscheinlich nicht geborgen fühlen würde, unfreundlich, öde und kalt. Andererseits würde ich es bestimmt auch dort gut finden, solange wir gemeinsam interessante Dinge erleben und Spaß haben. Und etwas Leckeres ... ihr wisst schon. Eigentlich würde ich sagen, dass ich mich überall geborgen fühlen kann.

Ich habe einmal gelesen, dass Familien so eine Art Netz sind, das einen auffängt und hält. Der Gedanke ist gut, aber ich würde ihn überarbeiten. Ich gehöre zu einem vernetzten Umfeld, das sich sein eigenes Zuhause und seine Geborgenheit erschafft. Mich fängt das Netz nicht auf, ich bin ein Teil davon und darin immer mit den anderen verbunden, und jeder Teil stützt jeden anderen. Versteht man das? Ich hoffe es.

Wichtig ist dafür auch finanzielle Sicherheit, finde ich. Geld zu haben gehört zu dem Gefühl von Geborgenheit für mich dazu. Hat man nicht so viel Geld, muss man alles durchplanen und ist begrenzt und es geht einem vielleicht auch nicht so gut. Meine Eltern sind nicht reich, sie sind auch nicht arm, irgendwas dazwischen. Wenn ich an meine Zukunft denke, wäre ich lieber reich. Meine Eltern überrascht es, wenn ich ihnen das sage. Ich habe einfach das Gefühl, dass ich meiner Familie dann auch mehr Sicherheit geben könnte. Aber es ist natürlich leicht, das so theoretisch zu sagen, das Geld muss ich ja erst mal verdienen.

Das ist es, was mir zu Geborgenheit einfällt. Ich hoffe, es gefällt euch Lesern. Da ihr das jetzt hier gelesen habt, kann ich meine Familie wohl demnächst zum Pizzaessen einladen, alle zusammen, an einem Tisch. Dann fühle ich mich bestimmt wieder geborgen. Aber jetzt habe ich erst mal Hunger.

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