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Heiratsantrag Frag ihn doch selber!

Frauen bestimmen, wo sie studieren, mit wem sie schlafen und wann sie Kinder bekommen. Nur beim Heiratsantrag sind sie rückständig wie Märchenprinzessinnen. Warum das? Von

So viel Sommer, so viele Hochzeiten. Auf mindestens einer hat jeder getanzt, Reis geworfen, Geld in ein Kuvert gesteckt und all den Kennenlerngeschichten und Liebeserklärungen zugehört. Jede Hochzeit ist anders, aber im Narrativ jeder Liebesgeschichte gibt es diese eine Stelle, an der sich alle gleichen. "Und dann hat er mich gefragt, ob ich ihn heiraten will!" Applaus, Tränen, das große Glück.

Eine nicht repräsentative Umfrage im Freundeskreis zeigt, dass es genau eine Frau gibt, die ihrem Freund einen Antrag gemacht hat. Meine Freunde sind alle um die 30, die meisten haben einen Uniabschluss, fast alle wohnen in Großstädten, die Frauen sind emanzipiert. Und wenn ich diese Menschen frage, wie sie es fänden, wenn denn mal die Frau den Antrag machen würde, dann reagiert etwa ein Drittel sehr abweisend. Dieses Drittel besteht vor allem aus Frauen und fände es sehr befremdlich, wenn sich da die Tradition verändern würde. Die anderen zwei Drittel, darunter genauso viele Frauen wie Männer, würden eine weibliche Initiative auf diesem Gebiet dagegen sehr begrüßen. Und natürlich gibt es auch diejenigen, die die Chance zu nutzen, um mir zu erklären, dass die Ehe totaler Quatsch sei, was in diesem Fall geschenkt ist, denn darum geht es gerade nicht. Es geht um eine Tradition und ihr Machtgefälle, das sich immer noch, auch im Jahr 2018, auftut, wenn es um eine so intime und lebensrichtungsweisende Entscheidung geht wie das Heiraten.

Diese Privatempirie spiegelt sich nicht nur auf den Hochzeiten der letzten Jahre wider sondern auch so ähnlich in Statistiken. Laut einer Forsa-Umfrage sind null Prozent der Befragten der Meinung, dass Frauen den Antrag machen sollten. Null! Wow. Immerhin der Hälfte ist es laut eben dieser Umfrage egal, die andere Hälfte findet, es sei ganz klar Männersache. Auffällig daran ist, dass es mehrheitlich die Frauen sind, die sich eine Fortsetzung der Tradition wünschen. Nicht wenigen Männern wäre es offenbar recht, wenn die Gleichberechtigung auch hier endlich mal Einzug halten würde.

Eine andere Statistik vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung zeigt, was man in nahezu jeder persönlichen Realität nachvollziehen kann: Generell wollen mehr Frauen heiraten als Männer. Was sich daraus ergibt, ist ein klares Ungleichgewicht und Zustände, die eher nach den Fünfzigern klingen: Stark vereinfacht sind es die Frauen, die heiraten wollen, aber die Männer, die fragen sollen. Wenn man nur eine Sekunde darüber nachdenkt, stellen sich einem die Fragen: Warum? Was stimmt da nicht? Woher rührt dieses weibliche Festhalten an der letzten Prinzessinnenbastion? Und stimmt es, wenn diese wartenden Frauen sich dann beleidigt verteidigen mit den Worten, dass es ja nichts zu bedeuten hätte, wer wen fragt? Hat es das denn wirklich nicht? Ist warten eine Tugend und muss er den entscheidenden Schritt allein machen?

Nein! Hört endlich auf zu warten.

Warten ist passiv. Und wir Frauen sind in den vergangenen Jahrzehnten doch sehr aktiv gewesen. Wir haben unseren Eltern die Meinung gesagt, haben mehr und bessere Abis gemacht als die Jungs, sind in fremde Städte und Länder gezogen, haben studiert, promoviert und gelernt, was uns gefiel, haben uns Liebhaber, Freunde und unser Leben ausgesucht. Wofür? Um dann auf den Prinzen zu warten, der uns einen Ring an den Finger steckt? Echt jetzt?

Aber es ist ja leider nicht nur der Antrag, auf den viele Frauen warten. Sie warten zuvor schon darauf, dass er sie fragt, ob sie ausgehen wollen. Manche warten sogar darauf, dass er sich festlegt und sie seine Freundin nennt. Diese Frauen warten dann auch auf seinen Vorschlag, zusammenzuziehen. Und irgendwann später warten sie darauf, dass er nach Hause kommt und vielleicht auch mal mit den Kindern spielt. Dieses Warten muss so unheimlich mürbe machen.

Warum fällt es aufgeklärten, gut gebildeten und eigentlich emanzipierten Frauen ausgerechnet in Fragen der Romantik, Liebe und Partnerschaft so schwer, gleichberechtigt zu agieren? Vor was haben sie Angst? Einem Korb? Die hat ein Mann ja auch.

"Wir dürfen nicht die politische mit der psychologischen Ebene verwechseln", sagt der Berliner Paartherapeut und Psychologe Robert Coordes. Er erlebt an seinem Institut für Beziehungsdynamik täglich, wie viele Frauen sich immer noch nach einem starken Mann sehnen, an dessen Schulter sie sich lehnen können.

"Beziehungsprogramme sind kulturell bedingt und sie sind so massiv in uns hineingeschrieben, dass wir nicht einfach sagen können: Ich bin jetzt gleichberechtigt und kann meine Bedürfnisse, Emotionen und Sehnsüchte frei wählen und gestalten. Es gibt nach wie vor Rollen, denen wir in der Regel eher unbewusst folgen, ob diese uns passen oder nicht. Die werden in der Kindheit geprägt und sind durch politische Appelle von außen kaum beeinflussbar."

Coordes bringt tatsächlich auch den Begriff Vaterkomplex ins Gespräch, den er bei vielen Frauen in seiner Praxis beobachtet. "Diese Frauen warten. Sie warten darauf, endlich Zuneigung von einem emotional nichtverfügbaren Vater zu bekommen und spielen dieses Muster dann in der Beziehung zum Partner nach." Ist es tatsächlich so: Wir Frauen können uns also emanzipieren so viel wir wollen, am Ende suchen wir den Beschützer und Männer fühlen sich schwach, wenn sie die Kontrolle verlieren? 

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