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Internetdating Genau mein Typ

Mit Männern, mit denen man nicht schlafen will, kann man immerhin befreundet sein. Das sind einfach die besseren Lovestorys. Wären da nicht deren aktuelle Freundinnen. Von
Aus der Serie: Es ist kompliziert

Zwar sind mehr als 60 Prozent aller Alleinstehenden zufrieden mit ihrem Leben, jedoch nur zehn Prozent davon sind überzeugte Singles. Was auf der Suche nach dem richtigen Partner alles passieren kann, davon erzählen unsere beiden Singlekolumnistinnen in der Serie "Es ist kompliziert".

Es mag sein, dass ich bei der Anbahnung fester Beziehungen nicht die Geschickteste bin, dass ich zu wählerisch oder zu wahllos bei Männern bin. Aber eins weiß ich: Ich bin ganz gut darin, manche von ihnen nicht mehr aus meinen Klauen zu lassen. Mit Männern, mit denen man nicht oder nicht mehr schlafen will, kann man immerhin befreundet sein. Die Grundvoraussetzungen sind schließlich nicht so schlecht, wenn man sich auf Partnersuche im Internet begegnet ist: Man findet sich gegenseitig toll, staunt sich ein bisschen an und muss sich nicht das Geringste vormachen. Es schadet auch keinesfalls, dass man versucht, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Onlinedating hat nicht immer das gewünschte Ziel, aber erfreuliche Nebenwirkungen.

Das sage ich gern auch Freundinnen, die sich ärgern, dass sie in diesem Internet doch nie den Mann fürs Leben fänden, sondern nur Typen, die sie aufs Kreuz legen wollten: Auch Männer brauchen beste Freundinnen! Und sei es nur, weil sie ihnen helfen können, die Frauen zu verstehen, die sie als Nächstes erobern wollen. Selbst wenn das anfangs anders geplant war: So eine Freundschaft ist keine schlechte Alternative zu einer Beziehung, die nicht in die Spur kommt.

Als Freundin im platonischen Sinne gelingt mir generell das, woran ich ansonsten zu scheitern scheine: eine Langzeitbeziehung, aus der keiner der beiden raus will. Wer mit mir befreundet ist, kann sich schon auf die Silberhochzeit freuen. Meine Freundschaften halten, ich bin und bleibe treu.

Da ich seit mehreren Jahren Onlinedating betreibe, ist da einiges zusammengekommen, und aus manchen neuen Freunden sind schon alte Freunde geworden, die mir so vertraut vorkommen, als sei ich mit ihnen zusammen eingeschult worden. Hat eben doch gewisse Vorteile, dass man sich beim Schreiben vor dem ersten Date oft so viel Höchstprivates erzählt, und außerdem: Man hatte ja reichlich Gelegenheit, jenes Persönlichkeitsprofil seines Gegenübers zu studieren, auf dessen Grundlage die meisten Portale einem die besten Treffer vorsortieren.

Die Frage ist nur, wie man damit umgeht, dass man plötzlich neue Freunde hat und zwar so einige. Meiner Mutter etwa muss ich nicht unbedingt erzählen, dass ich im Internet auf Männersuche bin, deswegen halte ich meine Auskünfte vage. Das läuft dann in etwa so: "Woher kennst du denn den Martin, der ist ja nett?" – "Och, hm, ich glaube, den habe ich mal in einer Bar am Tresen kennen gelernt." Gelogen ist das nicht, denn das erste Mal in echt getroffen haben wir uns wirklich in einer Bar am Tresen. Aber es ist trotzdem eine sehr ausgedünnte Form der Wahrheit, schließlich ist dem Treffen ein ausgiebiger Nachrichtenaustausch vorausgegangen, nach dem ich so viel über den netten Martin wusste wie andere nach fünf Jahren Beziehung.

Martin ist tatsächlich einer meiner besten Freunde geworden, nachdem wir längere Zeit etwas perspektivlos rumgemacht hatten. Erst wollte er und ich nicht, dann wollte ich und er nicht, dann hatte ich einen neuen Freund und er wollte wieder, dann hatte ich besagten Freund nicht mehr und wollte wieder, aber er wollte nicht mehr, weil er eine neue Freundin hatte, dann hatte er die Freundin nicht mehr und ... So hätte das noch ewig weitergehen können, aber irgendwann stellten wir fest, dass wir uns immer dann am besten verstanden und so gar nicht streiten mussten, wenn ausnahmsweise mal keiner von uns beiden wollte. Dabei haben wir es dann belassen, seitdem ist es super.

Wir gehen zusammen Bier trinken, zum See schwimmen, zu Klavierkonzerten und auf Vintageflohmärkte. Gerade haben wir überlegt, ob wir im Herbst nicht mal zusammen wandern gehen sollten. Unsere Beziehung ist wunderbar harmonisch, wir müssen über nichts streiten und freuen uns immer, wenn wir uns treffen. Wir schlafen manchmal auch zusammen in meinem Bett, wenn es so spät geworden ist, dass Martin nicht mehr nach Hause fahren mag. Mehr als eine Umarmung ist da nicht. Aber für andere sieht es vielleicht nach mehr aus – und da beginnt der Ärger.

Mein lieber Freund ist nämlich frisch verliebt. Ich habe ihn neulich mit seiner neuen Freundin zufällig auf der Straße getroffen und sie sah nicht so aus, als wolle sie mich spontan in ihr Herz schließen. Ich weiß auch gar nicht, ob man das erwarten kann, wenn man da plötzlich als angeblich beste Freundin ungeklärter Herkunft auftaucht. Ich fürchte aber, sie neigt zu großer Eifersucht und muss deswegen geschont werden.

"Was willst du ihr eigentlich erzählen?", habe ich Martin vor ein paar Tagen gefragt. Das hakt man ja irgendwann gern ab, als Faktencheck: Seit wann kennst Du sie denn, woher eigentlich, was macht ihr denn so, wenn ihr euch trefft? Oder machen das nur Frauen? Martin jedenfalls hatte darüber noch nicht nachgedacht.

Ich malte mir kurz aus, der neuen Freundin die ganze Wahrheit zu beichten, nichts ist schließlich mühsamer als Lügen, die man sich dann auf ewig merken muss. Und lustig wäre es vielleicht auch gewesen. Wir können ja auch darüber lachen. Martin wollte das aber lieber nicht, weil die Freundin ihn dann vielleicht nie wieder mit mir allein ausgehen lassen würde.

Was sagen wir ihr also? Wir haben bei einem Klavierkonzert nebeneinander gesessen und sind ins Gespräch gekommen? Wir waren mal auf derselben Party, weil wir gemeinsame Freunde haben? Wir hatten beruflich miteinander zu tun? Das hätte alles so gewesen sein können, aber gleichzeitig klingt es derart unspezifisch, dass es schon wieder verdächtig ist. Eine gemeinsame Geschichte brauchen wir aber trotzdem, falls sie uns getrennt voneinander befragen sollte.

Martin will seiner Freundin jetzt erzählen, dass wir uns am Tresen einer Bar kennengelernt haben. Wenn sie so schlau ist, wie ich denke, glaubt sie ihm das nie.

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