© Eva-Marlene Etzel/plainpicture

Wir müssen reden Was macht #MeToo mit unserer Beziehung?

Die wenigsten Paare reden über #MeToo, obwohl Wollen und Nicht-Wollen viele betrifft. Warum wir besser darüber sprechen sollten, weiß der Sexualtherapeut Ulrich Clement. Interview:
Aus der Serie: Beziehungen

Im Oktober 2017, nachdem Belästigungsvorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein bekannt wurden, erhob sich die sogenannte MeToo-Bewegung und es entwickelte sich eine umfassende Debatte über sexuelle Selbstbestimmung und den Stand der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Was hat sich innerhalb eines Jahres verändert? In einem Themenschwerpunkt blicken wir zurück.

ZEITmagazin ONLINE: Die Debatte um #MeToo wird nicht nur auf der großen medialen Bühne ausgefochten, sondern auch innerhalb von Beziehungen. Stellen wir uns vor: Ein Paar diskutiert über die Geschehnisse seit einem Jahr. Sie geht davon aus, dass er ihre Position ganz selbstverständlich teilt. Er hingegen fühlt sich als Mann mitangegriffen. Ist allein schon die Diskussion über #MeToo konfliktträchtig?

Ulrich Clement: Erst mal ist es doch überhaupt bemerkenswert, dass die beiden so eine Diskussion führen.

ZEITmagazin ONLINE: Ist das nicht selbstverständlich?

Clement: Ganz und gar nicht. Es gibt dazu natürlich keine Statistiken, aber ich bin mir sicher, dass es lediglich eine Minderheit der Paare tut.

ZEITmagazin ONLINE: Wieso?

Clement: Weil die meisten sagen werden, das Thema betrifft uns nicht. Oder genauer: Die sagen noch nicht mal, dass es sie nicht betrifft, sondern sprechen es überhaupt nicht an und machen weiter wie bisher.

ZEITmagazin ONLINE: Weiter wie bisher?

Clement: Nun, das Konfliktpotenzial, das im weiteren Sinne auch der #MeToo-Debatte zugrunde liegt, ist ja auch in einer Beziehung vorhanden: Der eine will, der andere nicht.

ZEITmagazin ONLINE: Kommt das häufig vor?

Clement: Das ist – neben dem Fremdgehen – mein Kerngeschäft als Sexualtherapeut: die unterschiedlichen Vorstellungen über Qualität und Häufigkeit des Sex, den ein Paar hat beziehungsweise nicht hat.

ZEITmagazin ONLINE: Wie wird dabei gestritten?

Clement: Wenn die beiden in einer gewaltfreien Partnerschaft miteinander leben, dann ist ein Nein stärker als das Ja. Das bedeutet, es findet kein Sex statt, wenn einer von beiden Nein sagt. Wenn das nicht so ist, kann es zu einem Drängen und Nötigen kommen bis zu körperlicher Gewalt. In solchen Beziehungen hat auch das Nein keine Macht mehr.

ZEITmagazin ONLINE: Damit sind wir bei der Übergriffigkeit, die auch die #MeToo-Fälle auszeichnet.

Clement: Das Gemeinsame ist die Abhängigkeit. Dass ein Nein nicht gehört wird, passiert vor allem dann in Beziehungen, wenn die Frauen unfrei sind. Das kann eine emotionale Abhängigkeit sein. Oder eine ökonomische, wenn eine Frau es sich wirtschaftlich nicht leisten kann, aus der Beziehung auszusteigen.

ZEITmagazin ONLINE: Jetzt haben Sie doch explizit von Mann und Frau gesprochen, was Sie bis hierhin vermieden hatten. Gibt es ein geschlechtstypisches Muster? Zu Beginn der #MeToo-Debatte ging es ausschließlich um übergriffige Männer, während die Frauen mit ihrem Nein nicht gehört wurden. Jüngere Enthüllungen zeigten, dass es auch andersherum passieren kann.

Clement: Es gibt solche Fälle. Das sind aber Einzelfälle. Der Geschlechterunterschied ist so groß, dass man nicht über ihn hinwegreden kann. Ich will Frauen damit nicht für unschuldig erklären. Dass auch sie ein Abhängigkeitsverhältnis missbrauchen können, zeigen ja die jüngsten Beispiele. Aber die Größenordnung ist eine ganz andere.

ZEITmagazin ONLINE: Kehren wir noch einmal zu unserem Paar zurück. Hat die öffentliche Debatte um #MeToo an der Dynamik des Konflikts etwas verändert?

Clement: Die Dynamik kann durchaus noch die gleiche sein. Ich glaube aber, dass die #MeToo-Debatte denjenigen den Rücken gestärkt hat, die das Recht auf das Nein reklamieren. Frauen haben nicht erst seit dem vergangenen Jahr gelernt, deutlicher Nein zu sagen. Die Entwicklung der Abgrenzungskompetenz hat schon vor Jahrzehnten begonnen. Das Neue ist also gar nicht unbedingt, dass Frauen Nein sagen, sondern dass sie es in dem Bewusstsein tun, damit auch recht zu haben. Sie sagen jetzt also Nein und denken dabei nicht mehr "Ich bin die Spielverderberin" oder "Ich bin frigide". Das Nein muss nicht mehr mit einer Selbstabwertung einhergehen, sondern wird als authentisch erlebt und damit zu einer ebenso legitimen Seite der Sexualität wie das Ja.

Kommentare

186 Kommentare Seite 1 von 17 Kommentieren
Liebe Leserinnen und Leser, in diesem Kommentarbereich prüfen wir alle Beiträge, bevor sie veröffentlicht werden. Ihr Kommentar erscheint, sobald er gesichtet wurde.