Sexuelles Selbstbewusstsein Hallo Welt, hier Vulva

Das weibliche Geschlecht wurde lange totgeschwiegen, weil es dem Schöpfer angeblich Konkurrenz machte. Du lieber Gott! Aber das Comeback der Vulva hat längst begonnen. Von

Treffen sich zwei Frauen, beide der weiblichen Anatomie durchaus kundig, und sprechen über die Vulva. Das Problem: Sie müssen erst mal googeln und hoffen, keiner merkt's. Was genau ist noch mal die Vulva? Wo fängt sie an? Wo hört sie auf? Und gehört die Vagina dazu? Das ist tatsächlich so passiert. Man stelle sich zwei Männer vor, die über das männliche Genital sprechen: Die Chance, dass sie Penis und Hoden verwechseln, ist eher gering.

Da es offenbar noch immer Missverständnisse über die Bezeichnung, die Lage und die Funktionen des weiblichen Genitals gibt:

1. Die Vulva ist die Gesamtheit der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane, sie umfasst die sogenannten Schamlippen, den Schamhügel, den Eingang der Harnröhre und das, was man von der Klitoris sehen kann.

2. Das Wort Vulva bedeutet im lateinischen Kelch oder Schale; die nordischen Völker nannten ihre weisen Frauen Volven oder Völven.

3. Die Vagina ist die Körperöffnung und der Schlauch, der die Vulva mit den inneren Geschlechtsorganen verbindet.

4. Die Klitoris ist nicht nur die Perle, die man von außen sehen kann. Sie ragt tief ins weibliche Becken hinein.

Wenn man das mal genauer betrachtet, fällt auf: Wer vom weiblichen Genital als Vagina, auf Deutsch: Scheide, spricht, reduziert das Organ auf ein Loch. Auf die Abwesenheit. Etwas, das nur aus einer heterosexuellen, erwachsenen, männlichen Perspektive sinnvoll ist, aus der Sicht von jemandem, der ein Schwert hat, das er irgendwo reinstecken will. Der Arzt Matteo Realdo Colombo prägte das Wort Vagina im Jahr 1599, indem er es in sein Anatomiebuch schrieb.

Wie konnte sich so eine misogyne Bezeichnung so lange halten?

Heute erlebt das weibliche Genital eine Art Renaissance, und damit einhergehend der Begriff Vulva. Die Künstlerin Björk platzierte für das Cover ihrer aktuellen Platte eine Vulva auf ihrer Stirn. Die Sängerin und Songwriterin Janelle Monáe trägt im Video zu ihrer Single Pynk eine Hose in Vulva-Form. Auf Instagram wird die Vulva, wenngleich nicht explizit, gefeiert: In einer Vulva Gallery der Illustratorin Hilde Atalanta mit mehr als 232.000 Followern etwa oder im Feed der kalifornischen Künstlerin Stephanie Sarley, der mehr als 300.000 User folgen. Sarley penetriert an Vulven erinnerndes Obst mit ihren Fingern; ihre Kunst, ihre Werke hat sie Anfang des Jahres auch im Museum präsentiert. Im Comic Der Ursprung der Welt zeichnet die Schwedin Liv Strömquist eine Kulturgeschichte der Vulva, 2017 stellte die Künstlerin Vanessa Leyßner in Beton gegossene Vulven aus. Wer mag, kann "Vulva Watching" als Seminar buchen, das Post-Structuralist Vulva Coloring Book der Illustratorin Meggyn Pomerleau kolorieren oder sich mit einer Vulva-Kette schmücken.

Ein Jahr nach #MeToo scheint es um die weibliche Selbstermächtigung untenrum ganz gut zu stehen. Wo ist also das Problem? Reicht das nicht an Aufmerksamkeit für "das da unten"? Warum noch mehr von diesem "Befreiungshorror", wie etwa die Autorin Marlen Hobrack das Interesse an der weiblichen Sexualität in einem Text nannte?

Eine der Antworten steckt im Bücherregal. In den meisten Aufklärungsbüchern kommt das Wort Vulva nicht vor. "Mama hat eine Vagina", steht neben "Papa hat einen Penis". Wenn ein Pfeil zwischen die weiblichen Beine zeigt, steht da "Scheide". Auf den Zeichnungen, die das weibliche Genital zeigen, wird alles Mögliche bezeichnet: Nur die Vulva taucht nicht auf. In einem Buch heißt es sogar: "Die Mädchen haben zwischen den Beinen eine Spalte. In der sind zwei kleine Löcher. Das eine ist zum Pipimachen. Das andere für die Fortpflanzung, also zum Kinderkriegen. Und das heißt Vagina."

Diese Bücher und Zeichnungen handeln von Fortpflanzung. Von Geburt. Von Menstruation, Verhütung und Fruchtbarkeit. Um sexuelles Selbstbewusstsein und Lust geht es kaum.

Auch die Kulturwissenschaftlerin Mithu Melanie Sanyal fand fast nichts, als sie nach Fachtexten über die Vulva suchte. Ihr Sachbuch Vulva – Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts liest sich nun wie eine Kriminalgeschichte mit der Vulva als Mordopfer, das aus den Narrativen diverser Kulturen entführt wurde. "Die Vulva wurde nicht etwa übersehen", schreibt Sanyal, "sondern mit gewaltiger Anstrengung zuerst diffamiert und daraufhin verleugnet, bis zu der irrigen und irren Auffassung, sie sei nicht der Rede wert."

So geschehen etwa in der jüdisch-christlichen Tradition. Standen in allen Polytheismen männlichen Gottheiten weibliche gegenüber, die – analog zu Frauen, die Kinder gebären konnten – als Schöpferin der Welt dargestellt wurden, stand im Monotheismus der jüdisch-christlichen Tradition zum ersten Mal ein männlicher Schöpfungsgott im Vordergrund, der nur durch das Wort die komplette Welt erschaffen hatte. Das stellte, erzählt Sanyal, etwa im 5. Jahrhundert Kirchenleute vor ein Dilemma: Zu der Zeit wurde in Kirchenkreisen darüber diskutiert, ob eine Frau mit ihrem Geschlechtsorgan überhaupt in den Himmel kommen könne, da sie Gott damit Konkurrenz mache. Man einigte sich darauf, dass sie schon in den Himmel kommen könne – sie müsse aber ihr Genital vorher abgeben.

Wenn man ein Wort nicht benutzt, entsteht eine individuelle und kulturelle Leerstelle; die Unschärfe im Begriff verschiebt die Funktion; im Falle der Vulva schafft sie die Abwesenheit von Lust, die Reduktion auf die Funktionalität von Reproduktion. Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Wirklichkeit, schreibt der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Oder kurz: Sprache kreiert Realität. Wann immer das Wort Vulva nicht gesagt wird oder stattdessen Vagina benutzt wird, festigten sich Erzählungen über das weibliche Geschlecht. "Da Menschen sich so stark über ihre Geschlechtsorgane identifizieren, dass sie aufgrund dieser sogar zwei grundlegende Gruppen unterscheiden", schreibt Mithu Melanie Sanyal, "sind Aussagen über Geschlechtsorgane in der Regel als Aussagen über das gesamte Geschlecht zu lesen."

Wenn die Vulva an Popularität gewinnt, hat Sanyal ihren Teil dazu beigetragen. Sie ist selbst überrascht, wie sich der Begriff und das Organ durch die Narrative erhebt. "Ich denke an die Massen von Pussyhats, die etwa beim Women's March 2017 durch Washington gelaufen sind, diese wabernde pinke Masse aus Vulven, die sich nicht aufhalten ließ", sagt sie. Zu Beginn ihrer Recherche vor zwanzig Jahren stieß sie auf einen Widerspruch, der ihr Interesse weckte: Entweder das weibliche Genital war abwesend – oder es wurde als gefährlich dargestellt, etwa in den Erzählungen über die Vulva dentata, die mit spitzen Zähnen ausgestattete penisfressende Vulva. Sanyal fragte sich, wie "etwas, das vermeintlich gar nicht existiert, eine solche Gefährdung darstellen" kann. Sie nennt dieses Phänomen "kulturelles Flimmern".

Sanyal grub weiter und stieß auf etliche Gründungsmythen, in denen die Vulva auftauchte. Als Heilsbringerin, als heiliger und heilender Ort, als Subjekt. Sie fand die Figur der Baubo, die in der griechischen Mythologie die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter aus ihrer Trauer rettet – indem sie ihre Vulva zeigt. Demeter kann nicht anders, sie muss lachen. Ihre Trauer verfliegt, die nährenden Pflanzen wachsen wieder, die Menschheit ist gerettet. Die Vulva erweckt Tote in diesen Mythen, sie besiegt den Teufel, beruhigt das Meer. In Ägypten ist das Narrativ bekannt, die Sumerer kannten es, in einer japanischen Geschichte rettet eine entblößte Vulva achthundert Myriaden Gottheiten.

Selbst wer sich bestimmte Madonnendarstellungen mal genauer anschaut, findet darin die Vulva: Marias Mantel erscheint manchmal als Labien, als sogenannte Schamlippen, ihr Kopf mit der Kapuze als Klitoris. Die Mandelform symbolisierte in der Urkirche sogar die Vulva der Jungfrau Maria. Wer diese Analogie einmal im Kopf hat, wird sie so schnell nicht mehr los. "Madonna als Vulva ist sehr gut. So eindeutig und klar. Sah das noch nie, in Zukunft immer", schreibt jemand auf Instagram zu dem Foto einer Madonna unter dem Hashtag #vulva.

"Die Beschäftigung mit dem weiblichen Genital erfolgt zyklisch", sagt Mithu Melanie Sanyal. In den Siebzigerjahren wurden Künstlerinnen wie Valie Export, Carolee Schneemann und Hannah Wilke, die sich mit ihrem eigenen Körper befassten, als irre oder eitel abgestempelt. Viele wurden aus den Hochschulen oder dem Kunstzirkel ausgeschlossen, zu einer Zeit, als sich auch die Frauenbewegung mit "dem da unten" befasste, in Menstruationsgruppen, mit feministischer Aufklärungsliteratur. In den Neunzigerjahren wurde die Auseinandersetzung mit dem weiblichen Geschlecht zur Popkultur: 1991 scheitert Kathy Bates als frustrierte Ehefrau an einer Untersuchung ihrer Vagina in dem Film Grüne Tomaten, seit 1989 stellt die Aktivistin Annie Sprinkle ihre Vagina und ihre Zervix im "Public Cervix Announcement" öffentlich aus. In ihrem Song Sheela-na-gig von 1992 setzte die Sängerin PJ Harvey einer mythischen Figur ein Denkmal: Sheela-Na-Gigs sind weibliche Figuren in Steinreliefs an irischen und englischen Kirchen, sie spreizen ihre Beine und zeigen den Betrachtern ihre überdimensionierten Vulven. 1996 feiert die Autorin Eve Ensler internationale Erfolge mit ihrem Theaterstück Die Vagina-Monologe – die ja eigentlich Vulva-Monologe waren.

Warum damals von der Vagina die Rede war und nicht von der Vulva? Die Antwort ist einfach: Wenn die Vulva selbst in Biologie- und Anatomiebüchern nicht vorkommt, wie sollte sie dann in die Kunst und den Alltag finden? Auch heute ist das Wort vielen Frauen noch nicht präsent. Man kann sich mal umhören, auch unter Frauen, die sich viel mit Weiblichkeit beschäftigen. "Über den Penis wurde immer gesprochen, seit ich ein Kind bin", sagt eine Frau, "während man selten über das weibliche Genital sprach. Das Wort Vulva ist ziemlich neu in meinem Sprachgebrauch." Eine andere sagt: "Bis ich 30 war, habe ich meine Vulva und Vagina quasi nie beim Namen genannt." Eine andere: "Vagina ist ein fürchterliches Wort, es klingt wie ein Medikament, steril und kalt."

Eines der bekanntest Kunstwerke, das eine Vulva zeigt, ist von einem Mann: Der Ursprung der Welt des französischen Malers Gustave Courbet. 1955 kaufte es der Psychoanalytiker Jaques Lacan und hängte es in sein Landhaus, allerdings verborgen unter einem verschiebbaren Rahmen, der über die Vulva eine Landschaft legte. Ganz ungeschützt lässt sich das Bild noch immer nicht betrachten: Im Musée d‘Orsay in Paris, in dem es heute hängt, steht noch immer ein Wachmann, um es vor aufkommenden Aggressionen zu bewahren.

Es ist an Komik kaum zu übertreffen, dass sich ausgerechnet der rückständige Lacan eine Vulva ins Wohnzimmer hängte, der in einem Text über das weibliche Genital schrieb, es gäbe "keine Symbolisierung des Geschlechts der Frau als solches". Und zwar weil "das Imaginäre nur eine Abwesenheit liefert, dort wo es anderswo ein sehr hervorragendes Symbol gibt". Mit dem "anderswo" meint Lacan: das männliche Geschlechtsorgan. Während das Nichts, die Leerstelle, die Frauen zwischen den Beinen herumtragen, nicht mal als abstraktes Symbol tauge. Das ist natürlich völliger Blödsinn, wenn man bedenkt, dass eines der aufgeladensten Symbole überhaupt auf die Vulva zurückgeht: das Herz.

Einen der Hauptgründe, warum die Vulva so radikal aus der Geschichtsschreibung entfernt wurde, vor allem durch Religionen und männliche Ärzteschaft, sieht die Autorin Sanyal darin, dass das Organ die Schöpfung per se symbolisiert und damit "der ultimativ dem Gottvater zugeschriebenen Fähigkeit, Leben zu schaffen, Konkurrenz" macht. Die Vulva im Widerstreit zu Gott – und all seinen Vertretern auf Erden. Ein Machtkampf.

Eine, die seit 20 Jahren daran arbeitet, die Vulva wieder ins kollektive Bewusstsein zu bringen, ist die Aktivistin und Kulturwissenschaftlerin Laura Méritt. Vor 20 Jahren hat sie einen der ersten feministischen Sexshops in Europa in ihrer Berliner Dachgeschosswohnung eröffnet, dort veranstaltet sie jeden Freitag den "Freudensalon", in dem sexpositive feministische Themen verhandelt werden. Seit zehn Jahren führt sie den "Mösenmonat März" durch, um mehr Sichtbarkeit für das weibliche Genital zu schaffen, sie bietet eine Ausbildung zur "Sexpositiven Referentin" an, organisiert das PorYes-Festival, bei dem feministische Pornos gezeigt und ausgezeichnet werden.

Warum also ist die Vulva gerade jetzt so sichtbar? "Das anatomische Wissen der feministischen Bewegung der Siebzigerjahre kommt langsam in der Mitte der Gesellschaft an", sagt Méritt. Das Internet sei ein Katalysator dafür. "Das ist wie mit einem Dampfkessel", sagt sie, "jetzt hat sich genügend Druck aufgebaut." Nach 50 Jahren Frauenbewegung gäbe es nun diese Generation, die alles wissen wolle – und die es auch gewohnt sei, alles herauszufinden. Die sich nicht mehr abspeisen ließe mit unvollständigen Biologiebüchern. In ihrem Buch Frauenkörper neu gesehen, einer Neuauflage des Klassikers der US-amerikanischen Frauenbewegung, zeigt Méritt unter anderem anatomisch korrekte Zeichnungen der weiblichen Genitalien. Da ist das tief ins Becken hineinragende Schwellkörpergewebe an den gut zehn Zentimeter langen Schenkeln der Klitoris. Da ist das Schwellkörpergewebe in den Labien, die geriffelte G-Fläche an der Oberseite der vorderen Vagina. Da sind die paraurethralen Drüsen, aus denen die Frau ejakuliert. "Wir sagen Lustorgan statt Fortpflanzungsorgan", so Méritt.

Die Autorin Margarete Stokowski sagt: "Schönheitsnormen und die Kontrolle von Körpern sind genuin feministische Themen." Sie analysiert in ihren Büchern den Zusammenhang von sexueller und politischer Freiheit. In ihrem aktuellen Buch Die letzten Tage des Patriarchats verhandelt sie den Umgang mit Macht, Sex und Körpern. In Zeiten von Popkulturalisierung, von Feminismus und Body-Positivity, sagt Stokowski, wäre es komisch, wenn der ganze Körper der Frau ein Thema wäre, aber die Geschlechtsorgane nicht.

Die Sichtbarmachung von Lust, die Sichtbarmachung des Unsichtbaren: Das ist auch das Thema der in Berlin lebenden Künstlerin Eli Eichler. Unter ihrem Pseudonym Bob Jones hat sie die Fotoarbeit I lay my pussy bare veröffentlicht, in der sie unterschiedliche Vulven porträtiert hat. Sie arbeitet mit abstrakten Ausschnitten, auf einigen Bildern sind im Close-up nur wenige Quadratzentimeter Haut und Haare zu sehen, manche Vulven wirken wie Landschaften. Aus einigen schießt Urin, wie aus einer Fontäne, mal ist ein Körper im Wasser zu sehen. Eichler sieht ihre Serie als Antwort auf die Darstellung weiblicher nackter Körper mit dem male gaze, dem männlichen Blick, dem sie ihren female gaze entgegensetzt. Eichler will die Vulva nicht als Objekt der Begierde für Männer darstellen, sondern als Subjekt, das über sich selbst verfügt.

Sie will mit der Visualisierung von Diversität der Geschlechternormierung entgegentreten, die etwa durch die Mainstreampornoindustrie zementiert wird. Eichler erzählt von der rasierten Vulva als Kulturphänomen und Modeerscheinung, von Frauen, die sich ihre Schamlippen mit Fillern aufpolstern lassen, und von den rasant gestiegenen Zahlen der Intimoperationen. Es ist, als würde die Sichtbarkeit, die durch die rasierten Vulven zustande kommt, dazu führen, dass sich immer mehr Frauen die Labien kleiner schneiden lassen. Als solle das, was gerade offenkundig wurde, möglichst schnell wieder unsichtbar werden.

Während Eichler an den Bildern gearbeitet hat, schälten sich zwei übergeordnete Erzählungen heraus, sagt sie. Zum einen beschreibt sie eine Sprachlosigkeit. "Die Frauen wollten – auch wenn ich gerade ihre Vulva porträtierte – nicht freiwillig über sie reden. Sie sagten eher: 'Das ist gerade nicht rasiert.' Wie ein externes Objekt, über das man spricht." Und dann tauchte immer wieder Scham auf: "Viele haben sich entschuldigt. Oft für die Haare, fürs Nicht-Rasieren oder nicht komplett Rasiertsein", sagt sie. Manche hätten sich dafür entschuldigt, dass sie zuletzt am Tag zuvor geduscht hätten. Da war trotz aller Offenheit noch sehr viel Scham.

Man kann es kaum als Zufall lesen, dass ausgerechnet das weibliche Genital als "Scham" bezeichnet wird. Der Wortteil findet sich auch in den Begriffen "Schamlippen", "Schamhügel" und "Schamdreieck" wieder – Männer dagegen müssen sich "nur" mit Schamhaaren herumschlagen. Als Scham bezeichnen wir soziale Angst, die Angst, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden. Scham wirkt auf unsere Identität, auf unser gesamtes Wesen. Scham lähmt, hindert uns am Handeln. Scham ist ein soziales Gefühl, es spiegelt gesellschaftliche Normen und Narrative. Und die lassen sich ändern. "Lässt man ein Kind in Scham aufwachsen", sagt die australische Comedian Hannah Gadsby in ihrer gefeierten Netflix-Show Nanette, "kann es keine neurologischen Verknüpfungen herstellen, die Selbstwert transportieren". Vielleicht ist die Geschichte über die Vulva eigentlich eine Geschichte über die Scham. Über die sprachlichen, gesellschaftlichen, politischen und sexuellen Ketten des Weiblichen. Die Scham als Fessel in Frauen.

Vielleicht hat sich deshalb gerade eine Generation Frauen aufgemacht, die mehrere Tausend Jahre alte Anti-Vulva auflösen. Was, wenn die Vulva nicht nur in der Mythologie, sondern auch in unserer Realität eine Retterin ist, indem sie unterdrückte Weiblichkeit sichtbar macht? "Crises in masculinity", eine Krise der Männlichkeit, nannte die Schauspielerin Emma Thompson in einem Interview den Ursprung strukturellen Missbrauchs, den der Filmproduzent Harvey Weinstein begangen hat.

Was haben Weinstein und #MeToo mit der Vulva zu tun? "Die Scham, über Übergriffe zu sprechen, kommt bei einigen Frauen auch von der Unfähigkeit zu benennen, wo man angefasst wurde", sagt die Autorin Margarete Stokowski. Wer kein Wort hat für den Ort der Verletzung, ist verwundbarer, angreifbarer, kann sich nicht mitteilen, keine Hilfe holen. "Wenn etwa Trump so eine Steilvorlage wie 'Grab them by the pussy' liefert", sagt sie, "dann ist die Gegenbewegung mit dem Spruch 'Pussy grabs back' eine vernünftige Antwort."

Bei der #MeToo-Kampagne geht es nicht nur um konkrete Vergewaltigungen – sondern auch um Grauzonen und um die Frage: Was ist überhaupt ein Übergriff? Im Vorwort zu ihrem aktuellen Buch Vergewaltigung schreibt Mithu Melanie Sanyal: "Die Art, wie wir uns etwas vorstellen, beeinflusst die Art, wie es Macht über uns hat, und sogar die Art, wie es in der Welt ist." Eine Prävention gegen Übergriffe, Grauzonen und die Unfähigkeit, diese zu benennen, sagt Sanyal, könne eine aktive weibliche Sexualität sein, die sich auch sprachlich ausdrückt. "Dafür gibt es aber wenige Worte und Konzepte. Der Begriff Penetration etwa bezieht sich immer auf die männliche Perspektive; die weibliche Sexualität wird oft im Kontext von Opferschaft dargestellt."

Auch Männer sollten sich dafür interessieren, dass das weibliche Geschlecht korrekt bezeichnet wird, meint Sayal. Der ungenügende Blick auf das weibliche Geschlecht verstelle auch den Blick auf das männliche. "Ich wünsche mir einen liebevollen Blick auf beide Geschlechter", sagt sie, "Männer wollen ja auch nicht immer nur über ihren harten Penis definiert werden, bei dem die funktionierenden Schwellkörper im Vordergrund stehen."

Es gibt einen Vorschlag für einen Begriff, der die Gesamtheit der weiblichen Geschlechtsorgane bezeichnet und damit eine sprachliche Leerstelle füllt: Vulvina, zusammengesetzt aus den Worten Vulva und Vagina. Das Novum stammt von der Aktivistin Ella Berlin, die eine liebevolle und vor allem selbst gewählte Bezeichnung ihres Genitals kreieren wollte. Vor kurzem schlug die "Watson"-Autorin Gunda Windmüller einen weiteren neuen Begriff vor, den auch Mithu Melanie Sanyal und andere Wissenschaftlerinnen in den Duden bringen wollen. Schamlippen sollen dann offiziell Vulvalippen heißen. "Das ist selbst medizinisch korrekter", sagt Sanyal. Gespräche mit der Duden-Redaktion sind bereits geplant. 

Die Komikerin Hannah Gadsby kennt ein Rezept gegen die Scham: "Geschichten sind unser Heilmittel", sagt sie in ihrer Show, "und der Mittelpunkt dieser Geschichten ist Verbindung." Wie wäre es also, wenn jetzt alle eine neue Geschichte erzählen? Solche gegen das Abwesende, das Nichts, die Scham. Wie wäre es, wenn jetzt alle mal sagen, was es ist, Ärztinnen und Ärzte, Eltern, Frauen, Männer, Liebende: Vulva. Vulva. Vulva. Wenn Eltern sich bei Elternabenden und in Verlagen erkundigen: "Wieso steht da nicht Vulva?" Das wäre ein Mantra gegen die Sprachlosigkeit, ein genussvolles noch dazu. Vielleicht würde dann die endlose Scham weichen.

Korrekturhinweis: Der Begriff "Vulvalippen" geht auf die Initiative der Journalistin Gunda Windmüller zurück. Wir haben den Text entsprechend ergänzt.

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