Sexuelles Selbstbewusstsein Hallo Welt, hier Vulva

Wenn die Vulva an Popularität gewinnt, hat Sanyal ihren Teil dazu beigetragen. Sie ist selbst überrascht, wie sich der Begriff und das Organ durch die Narrative erhebt. "Ich denke an die Massen von Pussyhats, die etwa beim Women's March 2017 durch Washington gelaufen sind, diese wabernde pinke Masse aus Vulven, die sich nicht aufhalten ließ", sagt sie. Zu Beginn ihrer Recherche vor zwanzig Jahren stieß sie auf einen Widerspruch, der ihr Interesse weckte: Entweder das weibliche Genital war abwesend – oder es wurde als gefährlich dargestellt, etwa in den Erzählungen über die Vulva dentata, die mit spitzen Zähnen ausgestattete penisfressende Vulva. Sanyal fragte sich, wie "etwas, das vermeintlich gar nicht existiert, eine solche Gefährdung darstellen" kann. Sie nennt dieses Phänomen "kulturelles Flimmern".

Sanyal grub weiter und stieß auf etliche Gründungsmythen, in denen die Vulva auftauchte. Als Heilsbringerin, als heiliger und heilender Ort, als Subjekt. Sie fand die Figur der Baubo, die in der griechischen Mythologie die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter aus ihrer Trauer rettet – indem sie ihre Vulva zeigt. Demeter kann nicht anders, sie muss lachen. Ihre Trauer verfliegt, die nährenden Pflanzen wachsen wieder, die Menschheit ist gerettet. Die Vulva erweckt Tote in diesen Mythen, sie besiegt den Teufel, beruhigt das Meer. In Ägypten ist das Narrativ bekannt, die Sumerer kannten es, in einer japanischen Geschichte rettet eine entblößte Vulva achthundert Myriaden Gottheiten.

Selbst wer sich bestimmte Madonnendarstellungen mal genauer anschaut, findet darin die Vulva: Marias Mantel erscheint manchmal als Labien, als sogenannte Schamlippen, ihr Kopf mit der Kapuze als Klitoris. Die Mandelform symbolisierte in der Urkirche sogar die Vulva der Jungfrau Maria. Wer diese Analogie einmal im Kopf hat, wird sie so schnell nicht mehr los. "Madonna als Vulva ist sehr gut. So eindeutig und klar. Sah das noch nie, in Zukunft immer", schreibt jemand auf Instagram zu dem Foto einer Madonna unter dem Hashtag #vulva.

"Die Beschäftigung mit dem weiblichen Genital erfolgt zyklisch", sagt Mithu Melanie Sanyal. In den Siebzigerjahren wurden Künstlerinnen wie Valie Export, Carolee Schneemann und Hannah Wilke, die sich mit ihrem eigenen Körper befassten, als irre oder eitel abgestempelt. Viele wurden aus den Hochschulen oder dem Kunstzirkel ausgeschlossen, zu einer Zeit, als sich auch die Frauenbewegung mit "dem da unten" befasste, in Menstruationsgruppen, mit feministischer Aufklärungsliteratur. In den Neunzigerjahren wurde die Auseinandersetzung mit dem weiblichen Geschlecht zur Popkultur: 1991 scheitert Kathy Bates als frustrierte Ehefrau an einer Untersuchung ihrer Vagina in dem Film Grüne Tomaten, seit 1989 stellt die Aktivistin Annie Sprinkle ihre Vagina und ihre Zervix im "Public Cervix Announcement" öffentlich aus. In ihrem Song Sheela-na-gig von 1992 setzte die Sängerin PJ Harvey einer mythischen Figur ein Denkmal: Sheela-Na-Gigs sind weibliche Figuren in Steinreliefs an irischen und englischen Kirchen, sie spreizen ihre Beine und zeigen den Betrachtern ihre überdimensionierten Vulven. 1996 feiert die Autorin Eve Ensler internationale Erfolge mit ihrem Theaterstück Die Vagina-Monologe – die ja eigentlich Vulva-Monologe waren.

Warum damals von der Vagina die Rede war und nicht von der Vulva? Die Antwort ist einfach: Wenn die Vulva selbst in Biologie- und Anatomiebüchern nicht vorkommt, wie sollte sie dann in die Kunst und den Alltag finden? Auch heute ist das Wort vielen Frauen noch nicht präsent. Man kann sich mal umhören, auch unter Frauen, die sich viel mit Weiblichkeit beschäftigen. "Über den Penis wurde immer gesprochen, seit ich ein Kind bin", sagt eine Frau, "während man selten über das weibliche Genital sprach. Das Wort Vulva ist ziemlich neu in meinem Sprachgebrauch." Eine andere sagt: "Bis ich 30 war, habe ich meine Vulva und Vagina quasi nie beim Namen genannt." Eine andere: "Vagina ist ein fürchterliches Wort, es klingt wie ein Medikament, steril und kalt."

Eines der bekanntest Kunstwerke, das eine Vulva zeigt, ist von einem Mann: Der Ursprung der Welt des französischen Malers Gustave Courbet. 1955 kaufte es der Psychoanalytiker Jaques Lacan und hängte es in sein Landhaus, allerdings verborgen unter einem verschiebbaren Rahmen, der über die Vulva eine Landschaft legte. Ganz ungeschützt lässt sich das Bild noch immer nicht betrachten: Im Musée d‘Orsay in Paris, in dem es heute hängt, steht noch immer ein Wachmann, um es vor aufkommenden Aggressionen zu bewahren.

Es ist an Komik kaum zu übertreffen, dass sich ausgerechnet der rückständige Lacan eine Vulva ins Wohnzimmer hängte, der in einem Text über das weibliche Genital schrieb, es gäbe "keine Symbolisierung des Geschlechts der Frau als solches". Und zwar weil "das Imaginäre nur eine Abwesenheit liefert, dort wo es anderswo ein sehr hervorragendes Symbol gibt". Mit dem "anderswo" meint Lacan: das männliche Geschlechtsorgan. Während das Nichts, die Leerstelle, die Frauen zwischen den Beinen herumtragen, nicht mal als abstraktes Symbol tauge. Das ist natürlich völliger Blödsinn, wenn man bedenkt, dass eines der aufgeladensten Symbole überhaupt auf die Vulva zurückgeht: das Herz.

Einen der Hauptgründe, warum die Vulva so radikal aus der Geschichtsschreibung entfernt wurde, vor allem durch Religionen und männliche Ärzteschaft, sieht die Autorin Sanyal darin, dass das Organ die Schöpfung per se symbolisiert und damit "der ultimativ dem Gottvater zugeschriebenen Fähigkeit, Leben zu schaffen, Konkurrenz" macht. Die Vulva im Widerstreit zu Gott – und all seinen Vertretern auf Erden. Ein Machtkampf.

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