Sexuelles Selbstbewusstsein Hallo Welt, hier Vulva

Eine, die seit 20 Jahren daran arbeitet, die Vulva wieder ins kollektive Bewusstsein zu bringen, ist die Aktivistin und Kulturwissenschaftlerin Laura Méritt. Vor 20 Jahren hat sie einen der ersten feministischen Sexshops in Europa in ihrer Berliner Dachgeschosswohnung eröffnet, dort veranstaltet sie jeden Freitag den "Freudensalon", in dem sexpositive feministische Themen verhandelt werden. Seit zehn Jahren führt sie den "Mösenmonat März" durch, um mehr Sichtbarkeit für das weibliche Genital zu schaffen, sie bietet eine Ausbildung zur "Sexpositiven Referentin" an, organisiert das PorYes-Festival, bei dem feministische Pornos gezeigt und ausgezeichnet werden.

Warum also ist die Vulva gerade jetzt so sichtbar? "Das anatomische Wissen der feministischen Bewegung der Siebzigerjahre kommt langsam in der Mitte der Gesellschaft an", sagt Méritt. Das Internet sei ein Katalysator dafür. "Das ist wie mit einem Dampfkessel", sagt sie, "jetzt hat sich genügend Druck aufgebaut." Nach 50 Jahren Frauenbewegung gäbe es nun diese Generation, die alles wissen wolle – und die es auch gewohnt sei, alles herauszufinden. Die sich nicht mehr abspeisen ließe mit unvollständigen Biologiebüchern. In ihrem Buch Frauenkörper neu gesehen, einer Neuauflage des Klassikers der US-amerikanischen Frauenbewegung, zeigt Méritt unter anderem anatomisch korrekte Zeichnungen der weiblichen Genitalien. Da ist das tief ins Becken hineinragende Schwellkörpergewebe an den gut zehn Zentimeter langen Schenkeln der Klitoris. Da ist das Schwellkörpergewebe in den Labien, die geriffelte G-Fläche an der Oberseite der vorderen Vagina. Da sind die paraurethralen Drüsen, aus denen die Frau ejakuliert. "Wir sagen Lustorgan statt Fortpflanzungsorgan", so Méritt.

Die Autorin Margarete Stokowski sagt: "Schönheitsnormen und die Kontrolle von Körpern sind genuin feministische Themen." Sie analysiert in ihren Büchern den Zusammenhang von sexueller und politischer Freiheit. In ihrem aktuellen Buch Die letzten Tage des Patriarchats verhandelt sie den Umgang mit Macht, Sex und Körpern. In Zeiten von Popkulturalisierung, von Feminismus und Body-Positivity, sagt Stokowski, wäre es komisch, wenn der ganze Körper der Frau ein Thema wäre, aber die Geschlechtsorgane nicht.

Die Sichtbarmachung von Lust, die Sichtbarmachung des Unsichtbaren: Das ist auch das Thema der in Berlin lebenden Künstlerin Eli Eichler. Unter ihrem Pseudonym Bob Jones hat sie die Fotoarbeit I lay my pussy bare veröffentlicht, in der sie unterschiedliche Vulven porträtiert hat. Sie arbeitet mit abstrakten Ausschnitten, auf einigen Bildern sind im Close-up nur wenige Quadratzentimeter Haut und Haare zu sehen, manche Vulven wirken wie Landschaften. Aus einigen schießt Urin, wie aus einer Fontäne, mal ist ein Körper im Wasser zu sehen. Eichler sieht ihre Serie als Antwort auf die Darstellung weiblicher nackter Körper mit dem male gaze, dem männlichen Blick, dem sie ihren female gaze entgegensetzt. Eichler will die Vulva nicht als Objekt der Begierde für Männer darstellen, sondern als Subjekt, das über sich selbst verfügt.

Sie will mit der Visualisierung von Diversität der Geschlechternormierung entgegentreten, die etwa durch die Mainstreampornoindustrie zementiert wird. Eichler erzählt von der rasierten Vulva als Kulturphänomen und Modeerscheinung, von Frauen, die sich ihre Schamlippen mit Fillern aufpolstern lassen, und von den rasant gestiegenen Zahlen der Intimoperationen. Es ist, als würde die Sichtbarkeit, die durch die rasierten Vulven zustande kommt, dazu führen, dass sich immer mehr Frauen die Labien kleiner schneiden lassen. Als solle das, was gerade offenkundig wurde, möglichst schnell wieder unsichtbar werden.

Während Eichler an den Bildern gearbeitet hat, schälten sich zwei übergeordnete Erzählungen heraus, sagt sie. Zum einen beschreibt sie eine Sprachlosigkeit. "Die Frauen wollten – auch wenn ich gerade ihre Vulva porträtierte – nicht freiwillig über sie reden. Sie sagten eher: 'Das ist gerade nicht rasiert.' Wie ein externes Objekt, über das man spricht." Und dann tauchte immer wieder Scham auf: "Viele haben sich entschuldigt. Oft für die Haare, fürs Nicht-Rasieren oder nicht komplett Rasiertsein", sagt sie. Manche hätten sich dafür entschuldigt, dass sie zuletzt am Tag zuvor geduscht hätten. Da war trotz aller Offenheit noch sehr viel Scham.

Man kann es kaum als Zufall lesen, dass ausgerechnet das weibliche Genital als "Scham" bezeichnet wird. Der Wortteil findet sich auch in den Begriffen "Schamlippen", "Schamhügel" und "Schamdreieck" wieder – Männer dagegen müssen sich "nur" mit Schamhaaren herumschlagen. Als Scham bezeichnen wir soziale Angst, die Angst, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden. Scham wirkt auf unsere Identität, auf unser gesamtes Wesen. Scham lähmt, hindert uns am Handeln. Scham ist ein soziales Gefühl, es spiegelt gesellschaftliche Normen und Narrative. Und die lassen sich ändern. "Lässt man ein Kind in Scham aufwachsen", sagt die australische Comedian Hannah Gadsby in ihrer gefeierten Netflix-Show Nanette, "kann es keine neurologischen Verknüpfungen herstellen, die Selbstwert transportieren". Vielleicht ist die Geschichte über die Vulva eigentlich eine Geschichte über die Scham. Über die sprachlichen, gesellschaftlichen, politischen und sexuellen Ketten des Weiblichen. Die Scham als Fessel in Frauen.

Vielleicht hat sich deshalb gerade eine Generation Frauen aufgemacht, die mehrere Tausend Jahre alte Anti-Vulva auflösen. Was, wenn die Vulva nicht nur in der Mythologie, sondern auch in unserer Realität eine Retterin ist, indem sie unterdrückte Weiblichkeit sichtbar macht? "Crises in masculinity", eine Krise der Männlichkeit, nannte die Schauspielerin Emma Thompson in einem Interview den Ursprung strukturellen Missbrauchs, den der Filmproduzent Harvey Weinstein begangen hat.

Was haben Weinstein und #MeToo mit der Vulva zu tun? "Die Scham, über Übergriffe zu sprechen, kommt bei einigen Frauen auch von der Unfähigkeit zu benennen, wo man angefasst wurde", sagt die Autorin Margarete Stokowski. Wer kein Wort hat für den Ort der Verletzung, ist verwundbarer, angreifbarer, kann sich nicht mitteilen, keine Hilfe holen. "Wenn etwa Trump so eine Steilvorlage wie 'Grab them by the pussy' liefert", sagt sie, "dann ist die Gegenbewegung mit dem Spruch 'Pussy grabs back' eine vernünftige Antwort."

Bei der #MeToo-Kampagne geht es nicht nur um konkrete Vergewaltigungen – sondern auch um Grauzonen und um die Frage: Was ist überhaupt ein Übergriff? Im Vorwort zu ihrem aktuellen Buch Vergewaltigung schreibt Mithu Melanie Sanyal: "Die Art, wie wir uns etwas vorstellen, beeinflusst die Art, wie es Macht über uns hat, und sogar die Art, wie es in der Welt ist." Eine Prävention gegen Übergriffe, Grauzonen und die Unfähigkeit, diese zu benennen, sagt Sanyal, könne eine aktive weibliche Sexualität sein, die sich auch sprachlich ausdrückt. "Dafür gibt es aber wenige Worte und Konzepte. Der Begriff Penetration etwa bezieht sich immer auf die männliche Perspektive; die weibliche Sexualität wird oft im Kontext von Opferschaft dargestellt."

Auch Männer sollten sich dafür interessieren, dass das weibliche Geschlecht korrekt bezeichnet wird, meint Sayal. Der ungenügende Blick auf das weibliche Geschlecht verstelle auch den Blick auf das männliche. "Ich wünsche mir einen liebevollen Blick auf beide Geschlechter", sagt sie, "Männer wollen ja auch nicht immer nur über ihren harten Penis definiert werden, bei dem die funktionierenden Schwellkörper im Vordergrund stehen."

Es gibt einen Vorschlag für einen Begriff, der die Gesamtheit der weiblichen Geschlechtsorgane bezeichnet und damit eine sprachliche Leerstelle füllt: Vulvina, zusammengesetzt aus den Worten Vulva und Vagina. Das Novum stammt von der Aktivistin Ella Berlin, die eine liebevolle und vor allem selbst gewählte Bezeichnung ihres Genitals kreieren wollte. Vor kurzem schlug die "Watson"-Autorin Gunda Windmüller einen weiteren neuen Begriff vor, den auch Mithu Melanie Sanyal und andere Wissenschaftlerinnen in den Duden bringen wollen. Schamlippen sollen dann offiziell Vulvalippen heißen. "Das ist selbst medizinisch korrekter", sagt Sanyal. Gespräche mit der Duden-Redaktion sind bereits geplant. 

Die Komikerin Hannah Gadsby kennt ein Rezept gegen die Scham: "Geschichten sind unser Heilmittel", sagt sie in ihrer Show, "und der Mittelpunkt dieser Geschichten ist Verbindung." Wie wäre es also, wenn jetzt alle eine neue Geschichte erzählen? Solche gegen das Abwesende, das Nichts, die Scham. Wie wäre es, wenn jetzt alle mal sagen, was es ist, Ärztinnen und Ärzte, Eltern, Frauen, Männer, Liebende: Vulva. Vulva. Vulva. Wenn Eltern sich bei Elternabenden und in Verlagen erkundigen: "Wieso steht da nicht Vulva?" Das wäre ein Mantra gegen die Sprachlosigkeit, ein genussvolles noch dazu. Vielleicht würde dann die endlose Scham weichen.

Korrekturhinweis: Der Begriff "Vulvalippen" geht auf die Initiative der Journalistin Gunda Windmüller zurück. Wir haben den Text entsprechend ergänzt.

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