© Sean Gallup/Getty Images

Babytrage Männlichster Bond ever

Daniel Craig, der aktuelle Agent 007 Ihrer Majestät, wird mit einer Babytrage gesichtet – und verspottet. Dabei geht es kaum maskuliner als mit Kind vor Brust und Bauch. Von
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

James-Bond-Darsteller Daniel Craig wurde mit einer Babytrage, englisch papoose, fotografiert. Der konservative britische Moderator Piers Morgan, von Donald Trump hoch geschätzt, schrieb daraufhin bei Twitter: "Oh 007 ... nicht auch noch du ?!!!" Das Ganze versah er mit dem Hashtag #emasculatedbond – und nun beschäftigt #papoosegate viele vor allem englischsprachige Menschen im Internet. Dabei überwiegen wütende bis spöttische Bildnachrichten an Morgan, von Männern, die ihre Babys in Tüchern oder sonstigen Apparaturen an der Brust durch die Welt tragen und sich dadurch keineswegs "entmännlicht" fühlen. Darunter sind sogar Profiwrestler in Prinzessinnenkleidern. Morgan reagierte mit dem Hinweis, er habe seine Kinder durchaus getragen, nur eben mit seinen beiden Händen, die jüngeren Männer sollten es doch bitte auch so machen "wie jede andere Generation von Vätern".

Nun ist "Das haben wir schon immer so gemacht" meistens reaktionär – in diesem Fall zeugt es aber zudem von einem Mangel an Erfahrung. Denn hätte Morgan sich auch nur einmal ein Baby vor den Bauch gebunden, er wüsste, dass es nichts "Männlicheres" gibt, wenn man in Geschlechterstereotypen verharren will.

Stellen wir uns dazu den Mann als jenes autonome und demonstrativ aufrechte Wesen vor, das einen Bären mit bloßen Fäusten erlegt oder wenigstens einem interessierten Kreis von Großaktionären freihändig die Unternehmensentwicklung erklärt. Beides geht mit einem Baby im Arm schlecht. Und auch wenn der männliche Mann ausnahmsweise nicht arbeitet, sondern ziellos in der Wildnis umherschweift, tut er dies kaum mit Kinderwagen oder Buggy. Zu groß, zu umständlich und der Griff nach vorn macht einen runden Rücken.

Mit einer Babytrage hingegen wird noch der letzte Bückling zum Jung Siegfried. Das ausgeklügelte Schwerpunktsystem drückt das Kreuz durch und lässt Väter aussehen wie Heldentenöre bei den Wagner-Festspielen. Und wo viele Opernsänger Resonanzraum (aka Bauch) vor sich hertragen, kaschiert das umgeschnallte Baby dezent Figurprobleme. Statt Speck zeigt man mit leicht vorgeschobenem Becken den Stammhalter: Schaut mal, was ich da Tolles gezeugt habe!

Derart formvollendet geht es dann Steilwände hinauf oder als umjubelte Attraktion zum Tischtennisrundlauf – auch Daniel Craig ist auf seinem papoose picture in Sportklamotten zu sehen. Das Gewicht des Babys steigert ganz nebenbei die Work-out-Qualität. Besonders verwegene Männer haben ferner kein Problem damit, mit Kind vor dem Bauch zu pinkeln, wofür man den Vorgang blind beherrschen muss. Was bitte wäre männlicher?

Es ließen sich noch viele Argumente für die Känguruambitionen des Bond-ing-Boys Craig finden: die positive Wirkung auf den Gleichgewichtssinn des Nachwuchses, die Bindung von Vater und Kind. Und Geschaukel kann Geschrei binnen Minuten in Geschnarche verwandeln. Doch die heteronormative Tragenkritik setzt ja ganz woanders an. Morgans Vorstoß verliert an demonstrativer Humorigkeit, wenn man begreift, dass er sich Männer nur dann in der Nähe von Babys vorstellen kann, wenn sie die Hände für nichts anderes gebrauchen.   

Moderne Väter aber müssen noch andere Dinge tun. Wer einmal versucht hat, Fleisch auf einen Grill (oder Sojabratlinge in eine Pfanne) zu werfen, während ihm ein renitentes Kind am Bein hängt, sieht in der Frage "Möchtest du kurz in die Trage?" keine Selbstkastration, sondern eine Möglichkeit, Haushalt und Familie unter einen Hut zu bringen. Wenn das Tragwerk dann geschafft, der Tragling gefüttert und die Nachbarschaft mit homemade cheesecake versorgt ist, bleibt vielleicht noch Zeit, das Kind nach alter Väter Sitte in den von Hausarbeit trainierten Armen zu halten. Also etwas unbeholfen.

Kommentare

165 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren