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Brasilien Mein Vater, das kaputte Land und ich

Als Kind war unser Autor immer stolz, ein halber Brasilianer zu sein. Das hatte er vom Vater. Doch nun, da ein Rassist an die Macht drängt, resigniert selbst der. Von

"Ich und viele andere in meiner Generation haben den Glauben an dieses Land verloren." Als mein Vater diesen Satz am Telefon sagte, klang seine Stimme ruhiger, als ich sie eigentlich kenne. Und was er dann sagte, klang resignierter, als ich ihn je erlebt habe: "Ich glaube einfach nicht, dass es zu meinen Lebzeiten noch einmal besser wird." Am anderen Ende der Leitung wusste ich nicht, wie ich auf dieses unerwartete Geständnis reagieren sollte. Brasilianer reden oft und gerne über die Dysfunktionalität ihres Landes. Sie scherzen auch gerne darüber. Sie reden sich händefuchtelnd in Rage über die Korruption und das Chaos und "die da oben", bewahren sich dabei jedoch stets eine achselzuckende Lässigkeit. Auch mein Vater, obschon immer ein politischer Mensch, lässt diesen Blick in sein Inneres, diese persönliche Niedergeschlagenheit, nie zu. Eigentlich.

Einige Zeit schwirrten mir die Sätze noch im Kopf herum, dann vergaß ich sie. Doch jetzt, da Brasilien tatsächlich kurz davor steht, Jair Bolsonaro, einen offen menschenverachtenden Rassisten mit faschistoiden Tendenzen, zum Präsidenten zu machen, muss ich wieder an sie denken. Ich lese, dass Bolsonaro vor begeisterten Anhängern eine "nie dagewesene Säuberung" der politischen Linken ankündigt: "Diese roten Verbrecher werden aus unserem Heimatland verbannt!" In den vergangenen Monaten hat er schwarze Brasilianer als "zu dumm, um sich fortzupflanzen", bezeichnet, den Einsatz von Folter befürwortet und darüber gescherzt, seine politischen Gegner erschießen lassen zu wollen. Hat mein Vater in seiner Resignation am Ende recht?

Ich war, angesteckt von meinem Vater, immer stolz darauf, zumindest halb aus diesem Land zu stammen, das seit Jahrhunderten Projektionsfläche europäischer Träume ist. Doch heute klaffen die Wissenslücken tiefer denn je in mir. Ich fühle mich entfremdet von einer Gesellschaft, die ich zu kennen glaubte. Von der ich immer meinte, ein Teil zu sein, wenn auch ein rudimentärer, durch meine Herkunft und die vielen Besuche. Neben all der Armut, dem Rassismus und der Korruption sah ich immer auch ein utopisches Ideal in diesem Land: den ultimativen Schmelztiegel der Völker, die wahren Vereinigten Staaten von Amerika. Doch ich scheine dieses Land missverstanden zu haben. Als es Herbst geworden ist, rufe ich meinen Vater noch einmal an. Ich will mehr über seine Jugend erfahren, verstehen, woher die Verbitterung rührt, die bei allen Problemen für mich ebenso unerwartet kommt wie Jair Bolsonaro.

Mein Vater wurde 1954 als Sohn zweier Finanzbeamter in Rio de Janeiro geboren, ein Carioca, wie sich die Einwohner von Rio selbst nennen. Seine Kindheit verbrachte er in dem Stadtteil Laranjeiras, einer bürgerlich geprägten Gegend der oberen Mittelschicht im wohlhabenderen Südteil der Stadt. Das Wenige, das er mir über seine Kindheit erzählt hat, klingt klischeehaft glücklich. Der Strand, das Surfen, vaca preta, ein Milchshake aus Eiscreme und Cola, und immer wieder der Strand: Die Bausteine dieses Erinnerungskonstrukts scheinen geradewegs einem Reisekatalog der Sechzigerjahre entsprungen. Und auch der Militärputsch von 1964 warf das Kinderleben meines Vaters zunächst nicht aus der Bahn.

Doch als Teenager ging er mit Freunden gegen die Diktatur auf die Straße: "Wir haben in Plastikflaschen geschissen und die dann für einige Tage an einer sonnigen Stelle vergraben. Diese Brühe haben wir dann auf die Polizisten geschleudert, die waren rasend vor Wut." Für solche und ähnliche Protestaktionen wurde er damals mehrmals verhaftet. Er entging einer Haftstrafe nur, weil er aus keinem politischen Elternhaus kam. Als er mir von dieser Geschichte bei dem letzten Telefonat vor einigen Wochen das erste Mal erzählte, klang das Ganze für mich zunächst nach zu viel überschüssiger Energie, einem Dummejungenstreich. Jetzt hake ich noch mal nach: "Wieso bist du damals mit auf die Demonstrationen gegangen? Gab es da auch eine politische Motivation? Also: eine richtige?" Zögernd erzählt er mir, dass damals mehrere Freunde der Familie verhaftet wurden, weil sie politisch zu linksorientiert waren, andere hätten ihre Arbeitserlaubnis verloren. Einige Arbeitskollegen seines Vaters verschwanden plötzlich spurlos und tauchten nie wieder auf.

Mit 23 verließ mein Vater Brasilien. Er lebte kurz in London und Paris und zog dann für mehrere Jahre nach Israel: "Unter der Diktatur war ja alles zensiert, ich wusste nicht viel über andere Länder und wusste auch nicht, wie die auf uns blickten." Anfang der Achtzigerjahre ging er nach Deutschland. Von dort verfolgte er über die Jahre mit, wie sich das Regime langsam selbst zersetzte. "Als wir merkten, dass die staatlichen Repressionen gelockert wurden und sich die Diktatur ihrem Ende zuneigte, hatten wir die ernsthafte Hoffnung, dass aus dem Land bald ein demokratischer, funktionierender Staat werden könnte."

Als Kind war ich häufig in Brasilien. Meistens waren wir in Rio de Janeiro oder in Nova Friburgo, einer Kleinstadt zwei Autostunden von Rio entfernt, dort lebten meine Großeltern. Ich feierte meinen ersten Geburtstag dort, ein kleines Spielzeugpferd, das meine vovó mir schenkte, begleitete mich für einige Jahre meiner Kindheit hindurch. Es gibt Fotos von mir als kleinem Jungen am Strand auf dem Schoß meines Vaters, auf meiner Nase eine riesige Sonnenbrille. Ich erinnere mich an kleine Affen, die mir auf der Schulter saßen und aus meiner Hand fraßen, und an meinen ersten Schluck Caipirinha, den ich sofort wieder ausspuckte. Ich nahm dieses Land aber immer durch die Erinnerungen meines Vaters wahr: Ich aß, was mein Vater als Kind schon aß; ich mied Gegenden, die mein Vater für zu gefährlich hielt; ich sah mir Orte an, an denen früher mal etwas war, das dort nun nicht mehr ist.

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