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Dankbarkeit Flieg, Albatros, flieg

Eltern haben große Pläne für ihre Kinder. Doch die haben oft ganz andere, und am Ende sind beide einander fremd geworden. War deshalb alles verkehrt? Nein, im Gegenteil. Von
Aus der Serie: Elterngefühle

Für unsere Serie "Elterngefühle" haben Eltern über ihre Kinder geschrieben und darüber, welche Emotionen dieses besondere Verhältnis prägen. Nun schreiben die Kinder. Heute über: Dankbarkeit

Kann man seinen Eltern dankbar sein, wenn man nicht der Mensch geworden ist, den sie sich gewünscht, erträumt, erhofft haben? Kann man sagen, dass alles gut war und richtig, im sogenannten Nachhinein? Kann man dankbar sein für ein Geschenk, das man umgetauscht hat?

Ich betrachte ein vergilbtes Foto, ausgeschnitten aus der Zeitung, vor langer Zeit. Es zeigt mich als noch unfertige Person. Als Provisorium. Oder, wie meine Eltern glaubten, als Versprechen.

Ich stehe neben zwei anderen Jungen, die ebenfalls etwa neun Jahre alt sind, geringelte Pullover und sehr ähnliche Haarschnitte tragen. Der Fotograf muss gesagt haben, dass wir "bitte recht freundlich" schauen sollen. Zugleich bahnt sich in unseren Gesichtern ein heiliger Ernst an. Wir wollen wie Sieger aussehen, wissen aber nicht, wie das geht. Es ist ein neues Gefühl, mit dem wir nicht umgehen können: herausgehoben zu sein aus der Masse der Jungen mit Ringelpullovern und praktischen Frisuren. So posieren wir linkisch, als hätten wir im Malwettbewerb der Sparkasse gewonnen.

Doch es war mehr als das, ein bisschen nur oder auch sehr viel: Jeder von uns hält einen Pokal in den Händen, ich den größten, eine silberne Vase mit marmornem Fuß, graviert vom Goldschmied in der Fußgängerzone. "Beste Gesamtleistung 1987" steht darauf.

Ich war der erfolgreichste Schwimmer meiner Altersgruppe in der Sportgemeinschaft unserer Stadt. Ein Nachfolger von Michael Groß vielleicht, so hofften meine Eltern. Von Groß, den Jörg Wontorra – es klang mir damals im Ohr und tut es noch heute – mit dem Ruf "Flieg, Albatros, flieg!" bei den Olympischen Spielen von Los Angeles scheinbar zum Sieg getrieben hatte. Ich war Dirk, der so toll schwimmen konnte, Spezialdisziplin 100 Meter Freistil. Das alte Foto erschien am 16. Januar 1988 in der Kreiszeitung, Überschrift: "Pokale für die Besten". Ich war ein Versprechen. Der ganze Stolz meiner Eltern.

Sie sitzen an diesem Tag im Hintergrund, in den Stuhlreihen, lachen über das ganze Gesicht. Vielleicht war es der Moment des größten Einklangs zwischen ihnen und mir, ihrer Hoffnung und meiner Wirklichkeit: "Pokale für die Besten", das ließ sich in die Zukunft hinein verlängern. Was würde in zehn Jahren sein? Kommt der Kleine mal groß raus?

Sie brachten mich zu jedem Training, begleiteten mich zu jedem Wettkampf. Vom Startblock aus warfen die anderen Jungen und ich einander mit gewollter Grimmigkeit Blicke zu wie Gladiatoren im Fasching. Als der Schuss fiel und ich ins Becken sprang, stellte ich mir vor, sie seien Haie, die mich verfolgten, und schwamm um mein kleines Leben. Meine Eltern hefteten die Urkunden in einem Ringordner ab und hängten die Medaillen an die Wand meines Kinderzimmers. Wenn mein Name in der Zeitung stand und die Nachbarn sie darauf ansprachen, klang es so weihevoll, als wäre ich auf dem Mond gelandet.

Meine Eltern haben mich nie getriezt, nie Druck ausgeübt, mich nur unterstützt in dem, was sie für gut hielten: dass ein neunjähriger Junge Sport treibt, sich formt, Ziele und Erfolgserlebnisse hat. Und doch waren sie im Stillen durchaus ehrgeizig. Und ich hatte es gern, wenn sie stolz auf mich waren. 

Ich werde ganz traurig, wenn ich dieses alte Foto betrachte, seltsam traurig, als hätte ich ein Versprechen gebrochen, das ich nie gegeben habe. Ja, ich brach es schon, während ich es noch hielt. Die Wahrheit ist: Ich habe Schwimmen immer gehasst.

Schwimmen war anstrengend und unsäglich monoton. "Kacheln zählen", so nannten wir das endlose Ziehen von Bahnen, in dem wir der Leere unserer Gedanken ausgeliefert waren. 400 Meter, 800 Meter, 1.500 Meter blaue Langeweile. Das Wasser war kalt, vor allem im Frühjahr, wenn die ersten Einheiten im Freibad stattfanden, bei 15 Grad Außentemperatur. "So kalt", sagten wir und zeigten mit Daumen und Zeigefinger die geschrumpfte Größe unserer Penisse an, die noch Pullermann hießen, Pimmel oder einfach nur: Ding. Dann lachten wir so schrill, dass es in der Umkleidekabine widerhallte. Dabei war mir gar nicht zum Lachen zumute. Schwimmen, das war doch bloß eine Technik, um nicht unterzugehen, nicht abzusaufen, jeden Montag, jeden Mittwoch, jeden Freitag, jeden Sonntag. Unser Trainer hieß Friedrich und war Berufssoldat. Ich war dreizehn, als ich meinen Eltern offenbarte: "Ich geh da nicht mehr hin."

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