Influencer: Dieser Job ist der Horror

© Raymond Hall/Getty Images
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Bald ist wieder Halloween. Diese Tatsache allein ist uns guten alten Martinssängerinnen und -sängern bereits ein kulturpessimistisches Fest: Die Kinder klingeln seit einigen Jahren am falschen Tag an der Tür! Am 31. Oktober, dem Abend vor Allerheiligen, statt am 11. November, dem Tag des Heiligen Sankt Martin. Und sie singen nicht mal, die Kinder, und tragen keine selbst gebastelten Laternen in ihren Händen. Sondern halten die bloß frech auf, in erpresserischer Absicht: "Süßes oder Saures?" Nichts davon, ihr Quälgeister! Dafür kaufen wir keine Süßigkeiten, um sie dann kostenlos an schröcklich verkleidete Minderjährige zu verteilen. So weit kommt das noch im christlichen Abendland.

Zu dem natürlich irgendwie auch die USA gehören, wo Halloween in seiner durchkommerzialisierten Ausprägung herkommt. Dort kostümieren sich auch Erwachsene zu diesem Anlass, nicht nur Kinder. Zwischen New York und Los Angeles werfen sich Menschen für Halloweenpartys abstruse Verkleidungen über und jedes Jahr muss es eine andere sein.

Amerikanische Bekleidungsgeschäfte bereiten sich auf die saisonale Nachfrage nach albernen Gewändern vor. So auch Urban Outfitters, Spezialist für Hipsterausstattungsbedarf. Dort wird Frauen nicht die marktübliche Hexe oder Kürbiskönigin als Verkleidung empfohlen, sondern das Influencer Halloween Costume Set, bestehend aus einer Leggings und einem Sport-BH zum Preis von zusammen 59 US-Dollar. Um das Outfit komplett zu machen, empfiehlt der Händler dazu den Erwerb einer blonden Perücke (16 Dollar), eines Baseball-Käppis (schon runtergesetzt auf 10 Dollar) sowie weißer Turnschuhe (70 Dollar). Jesus! Respektive: Kim Kardashian, Kylie Jenner und Ariana Grande! Sie stehe uns bei, die heilige Dreifaltigkeit der Superinfluencerinnen.

In dieser Verkleidung ist man garantiert nicht wiederzuerkennen. © Screenshot www.urbanoutfitters.com 04.10.2018

Nicht mal vor Instagram, der Heimat der Influencer, macht der Ausverkauf von Halloween also noch Halt. Selbstverständlich stehen wir notorische Analogfotografen dieser digitalen Selbstdarstellungsplattform kritisch gegenüber, Hashtag #istillshootfilm, wir würden uns auch niemals für ein Selfie hergeben. Doch die verdienstvolle Tätigkeit der fast ausschließlich weiblichen Influencer auf das Tragen von knatschengen Hosen und Büstenhaltern zu reduzieren – das finden auch wir unfair. Influencerinnen dokumentieren in vorbildhafter Weise, wie sorgenfreies Leben auszusehen hat. Hätten wir sie nicht, wüssten wir als Gesellschaft doch gar nicht mehr, wonach wir noch streben sollten.

Urban Outfitters aber geht noch weiter, die Modeladenkette beleidigt mit einem anderen Kostümset sogar Männer! Denn anders als zutiefst gekränkt kann man sich kaum fühlen angesichts des Bob Ross Halloween Costume Set, das aus einer Minipli-Perücke, einem Umhängebart, einer Malerpalette sowie einem einzelnen Pinsel besteht. 39 Dollar soll man dafür bezahlen, um wie der äußerst unattraktive, längst verstorbene Kunstlehrer aus den Dritten Deutschen Fernsehprogrammen auszusehen. Damit man als heterosexueller Mann noch nicht mal im Halloweenkostüm eine Chance auf einen Flirt mit einer heterosexuellen Influencerin hat.

Der Untergang ist wahrhaft nahe. Und wieder sehnen wir uns nach den guten alten Zeiten zurück: Barbie und Ken, das zum Beispiel war noch ein Traumpaar des Verkleidungswesens. Da wusste man als vollschlanke Frau und vollschlanker Mann auch noch, welch unrealistischen Körperbildern man hinterhertrainieren musste in den 364 Tagen zwischen zwei Halloweenpartys.

Also nicht, dass wir jemals zu einer gegangen wären. Oder Sport getrieben hätten. Wir saßen stets still und nichtverkleidet in unserem Jogginganzug zu Hause auf dem Sofa. Und futterten immerzu Süßigkeiten. Denn ausgerechnet an unserer Tür klingelten niemals Kinder. Komisch.

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