© [M] Alexander Hoepfner für ZEIT ONLINE Foto: Schwalm/neuebildanstalt/plainpicture; Sabine Koe/Millennium/plainpicture)

Offene Beziehung Was tun, wenn er Sex mit anderen will?

Kein Fremdgehen, kein Verrat, nur die Bitte, Abenteuer haben zu dürfen: Nicht alle können mit diesem Wunsch umgehen. Aber ist er einmal da, muss man ihn ernst nehmen. Von
Aus der Serie: Schlafzimmerblick

In unserer Kolumne "Schlafzimmerblick" beantwortet die Sexualtherapeutin Angelika Eck regelmäßig Ihre Fragen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Denn über nichts wird häufiger geschwiegen. Das wollen wir ändern.

© Susanne Lencinas


Mia R.:

Mein Freund will gerne eine offene Beziehung haben (nur Sex! Keine Polyamorie oder Ähnliches!). Ich möchte ihm gerne ermöglichen, mit anderen zu schlafen, bin vom Wesen her aber leider der absolute Treuemensch. Deswegen kann ich mir zwar vorstellen, es zu ermöglichen, aber die Gefühle spielen da leider noch sehr viele Streiche. An der Kommunikation hapert es bei uns nicht, ich sage ihm alle Gefühle, die ich diesbezüglich habe! Ich möchte gerne eine Lösung finden oder zumindest Anregungen und Denkweisen, wie es klappen kann. Ich möchte bei ihm bleiben.


Ein Scherz unter Paartherapeuten lautet: "Paare thematisieren die sexuelle Treue genau zweimal im Leben: vor dem Traualtar und wenn die Affäre bekannt wird." Auch wenn Sie sich eine klare Lösung erhoffen, möchte ich Sie daher zunächst dazu beglückwünschen, dass es Ihnen beiden gelingt, die Frage offen zu stellen und diese Konfliktspannung zusammen auszuhalten, ohne davonzurennen. Es ist nämlich so, dass wir, wenn wir lange ein Paar sein wollen, damit rechnen müssen, dass nichts bleibt, wie es ist. Immer mal möchte eine(r) etwas anderes, möchte sich entwickeln. Bedürfnisse ändern sich. Dann ist die große Frage, wie wir gleichzeitig uns selbst und einander treu bleiben können. Sie beschreiben das Dilemma treffend: Sie sind sozusagen sexuell naturtreu. Und wenn Sie Ihrem Freund Sex außerhalb gestatten würden, fürchten Sie (unter anderem), zu weit über Ihre Grenzen des Erträglichen zu gehen. Aber wenn Sie ihm die Freiheit nicht ließen, könnte er dann mit Ihnen glücklich sein? Ihr Freund könnte das Umgekehrte sagen: "Wenn ich mich sexuell dauerhaft begrenzen würde, bliebe ein vielleicht sehr wichtiger Teil von mir auf der Strecke. Aber wenn ich jetzt einfach mache, was ich will, dann verletze ich sie so, und das will ich nicht." Das schreiben Sie nicht über ihn, aber ich hoffe sehr, auch er spürt sein Dilemma. Kompromisse gehen in der Sache nicht wirklich. Was nun?

Ich würde Ihnen raten: Machen Sie genau so weiter! Drehen und wenden Sie das Thema, sprechen Sie immer wieder drüber. Beziehen Sie Position. Arbeiten Sie heraus, was genau Ihre Hindernisse sind. Was würde Sie besonders schrecken, was besonders schmerzen? Gibt es etwas zu gewinnen, auch für Sie? Dann wandert der Ball zu Ihrem Freund: Was meint er dazu? Warum ist es ihm so wichtig? Hat er Angst, etwas zu verpassen? Wenn ja, was? Ist es die pure Neugier auf die Reichhaltigkeit des Lebens? Ein Gefühl der Unabhängigkeit, das er sucht? Was wäre, wenn er das nie hätte?

Auf diese Fragen kann es hundert verschiedene Antworten geben. Und jede macht etwas anderes mit Ihnen. In meiner Praxis erlebe ich solche Prozesse so, wie wenn zwei zusammen in einer heißen Badewanne sitzen (wer denkt jetzt nicht an Loriot?): Beide sind nackt. Beide bleiben sitzen. Sie schwitzen. Jeder kommt ins Grübeln. Sitzen im selben Wasser. Fliehen nicht. Sehen sich an. Weichen ihre Knochen und Glieder ein. Wägen hin und her. Man denkt, das sei Stagnation. Ist es aber nicht. Es ist ein Ringen. Das ist gut. Und wirklich sehr intim. Irgendwann steigen Sie aus der Wanne. Und demnächst wieder rein. Der springende Punkt ist: Jede(r) steht vor der Herausforderung zu prüfen, ob er/sie aus sich selbst heraus ein verantwortetes Ja zu etwas finden kann, das er/sie selbst anders wollen würde. Mit all der unkalkulierbaren Ungewissheit hintendran. Irgendwann werden auch Sie etwas beschließen. Bitte lassen Sie all Ihre Entscheidungen vorläufig gelten. Zum Beispiel, dass Sie noch ein halbes Jahr ohne Außensex weiterleben und er schaut, wie okay es für ihn ist. Was bräuchte er, damit das lebbar wäre? Oder Sie beschließen, dass er es haben kann, und dann schauen Sie beide sorgsam, wie es für Sie ist. Was bräuchten Sie, damit das für Sie lebbar wäre? Besiegeln Sie nicht sofort ein neues Beziehungsmodell, sondern ein Experiment, bei dem Sie beide die Hauptpersonen sind, und bei dem Sie sich viel darüber austauschen, wie es gerade so ist. Für Sie und ihn.

Dieser stetige Austausch ist nicht nur wichtig, um zu wissen, wo sich der Partner gerade emotional befindet. Paaren fällt es in der Regel leichter, die Beziehung ein- oder beidseitig zu öffnen, wenn sie miteinander stark verbunden sind und deutlich spüren, was nur zwischen ihnen gilt. Dann fußt nicht alles darauf, welche faktischen Grenzen genau eingehalten oder überschritten werden. Letzteres böte ohnehin eine trügerische Sicherheit, denn wenn neue Erfahrungen mit ihrer Eigendynamik kommen, kann man durch strikte Regeln nicht wirklich die ersehnte emotionale Sicherheit schaffen. Darum sollten Sie genau miteinander ausloten: Was würde weiterhin exklusiv zwischen Ihnen gelten? Was verbindet Sie einzigartig? Was sehen Sie beide als unhintergehbar an? Dann schauen Sie, ob Sie darüber eine emotionale Gewissheit erlangen.

Zum Schluss: Auch die sexuelle Verbindung ist entscheidend. Eine ungünstige Basis wäre sexuelle Langeweile zwischen Ihnen. Dann sollten Sie zuerst dort investieren. Wenn Ihr Sexualleben für beide lebendig und interessant ist, werden Sie in jeder erotischen Begegnung spüren, wie sehr er auf Sie steht. Dann könnte er woanders ein anderer sein und vielleicht aus anderen Welten etwas in die Ihre mitbringen. Sollten Sie sich für eine Öffnung entscheiden, stünden natürlich konkrete Absprachen an, zum Beispiel, in welchen Situationen er mit wem schlafen darf und mit wem nicht und wie transparent Sie dabei informiert sein möchten. Manche Menschen möchten gar nichts über den Sex des Partners mit anderen wissen, weil sie fürchten, die Bilder nicht mehr loszubekommen. Manche möchten genau informiert sein, weil Sie dann das Gefühl bekommen, die Situation zumindest ein wenig kontrollieren zu können. Wieder andere erregt es oder es bedeutet ihnen höchste Intimität, wenn der Freund bereit ist, von seinen Abenteuern zu erzählen. Wichtig ist auch, dass Sie ein Vetorecht bekommen, wenn Sie in emotionale Not mit einem neuen Arrangement kommen.

Sie merken, es gibt für diese Situation kein Patentrezept, Sie müssen selbst eins entwickeln, ausprobieren, weiterentwickeln, Rücksicht und Verbundenheit hochhalten und einfach saugut kooperieren. Bon courage!

Kommentare

324 Kommentare Seite 1 von 19 Kommentieren

Wollen Sie andeuten, dass die beste offene Beziehung ganz die ohne Absprachen wäre, in der einfach mal irgendwie nach Lust und Laune machen, was ihnen gerade einfällt? Stelle ich mir schwierig für ein gemeinsames Zusammenleben vor, aber gut.

Von Einvernehmlichkeitsformularen war nirgends die Rede und was wer wie wo genau impliziert Machos hätten recht könnten Sie nochmal erläutern? Inwiefern ist die Frage nach offenen Beziehungen Teil von "junge weibliche Themen"? Wirrer Kommentar.