Sawsan Chebli Willy würde Rolex tragen

© Sean Gallup/Getty Images
Die Sozialdemokratin Sawsan Chebli wurde für ihre Rolex beschimpft. Denn wer links ist, soll bitte auch arm sein. Gegen dieses Klischee hilft nur guter Stil. Von
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Linke, die dem schönen Leben im falschen frönen, können sich hierzulande auf etwas gefasst machen. Der Brioni-Kanzler Gerhard Schröder wurde für seine teuren Maßanzüge verspottet, noch garstiger war die öffentliche Reaktion, als man Sahra Wagenknecht mit einem gekochten Hummer sichtete. Sie bildete mit ihm keine rote Einheitsfront, er diente allein dem Genuss. Wenn nun eine linke Frau, die unter Verdacht gerät, es sich etwas zu luxuriös einzurichten, auch noch einen Migrationshintergrund hat, ist es um den Seelenfrieden vieler besorgter Bürger geschehen.

Die Sozialdemokratin Sawsan Chebli hat sich 2014 mit einer Rolex-Uhr fotografieren lassen – kurz nachdem sie zur Vize-Sprecherin des Auswärtigen Amtes ernannt worden war. Nun haben Missgünstige das Foto gefunden und verbreiten im Internet allerlei Argumente, warum Chebli – als Sozialdemokratin und Frau, gerne aber auch als "Politversagerin" und "schariahörige Islamistenfreundin" – sich keinen mittleren vierstelligen Eurowert ans Handgelenk hängen sollte. Chebli verwies in einem wütenden Antwort-Tweet auf ihre Herkunft: "Wer von Euch Hatern hat mit 12 Geschwistern in 2 Zimmern gewohnt, auf dem Boden geschlafen&gegessen, am Wochenende Holz gehackt, weil Kohle zu teuer war? Wer musste Monate für Holzbuntstifte warten? Mir sagt keiner, was Armut ist." Mittlerweile hat sie ihren Facebook-Account deaktiviert.

Nun ist eine Rolex eher der VW Golf unter den Luxusuhren, aber darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass linke Politiker in den Augen vieler nuancenlos arm sein sollen, zumindest sollen sie so tun. Sie sollen Mode tragen, die wie von "der Stange" aussieht und Currywurst essen, anstatt sich in einschlägigen Berliner Szenerestaurants über eine glasig gegrillte Seezunge herzumachen. Oder eben einen Hummer. Wehe, sie tragen öffentlich Maßanzug, wehe, sie essen gut – und wehe, sie besitzen teure Uhren.

Auch Linke dürfen Champagner trinken

Dieses Framing und Verstärken der "feinen Unterschiede" hat Tradition. Es etabliert seit Anbeginn der bürgerlichen Gesellschaft Klassengegensätze und zurrt diese fest. Es suggeriert, dass guter Stil nur den oberen 10.000 überlassen sein soll, dass der linke Abgeordnete dem CEO einer Bank in einem gegebenen Untersuchungsausschuss oder auf einem Empfang nur in billigem Stoff gegenübertreten darf. Es bedeutet auch, dass die sogenannten schönen Dinge des Lebens nur den einen zustehen, während die anderen darben sollen – Jahrgangs-Champagner hier, halbtrockener Sekt dort.

Die Linke mit Stil ist dekadent, der Linke ohne Stil ein Versager mit Synthetikpulli, dessen Führungsqualitäten man mit Verweis auf seinen Mangel an Klasse und Erfolg anzweifeln kann. Das ist ziemlich genial. Und ziemlich perfide.

Und ziemlich geschichtsvergessen: Denn es war immer auch Teil der Linken und der Gegenkultur, sich nicht nur in sozialen, sondern auch in Stilfragen gegenüber den Mächtigen, den Snobs zu emanzipieren. Kaum jemand war eleganter als der erste sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt. Auch linke Künstler stiegen wie Phönixe aus dem Arbeitermilieu empor. John Lennon oder Bryan Ferry – ersterer Sohn eines Matrosen, letzterer der eines Bergarbeiters – waren stilbewusste Dandys. Die sich seit Jahrzehnten gegen Antisemitismus und Rassismus engagierende Schauspielerin Iris Berben ist stets makellos gekleidet.

Die freiheitliche Gesellschaft, welche sie alle mitgestaltet haben, war auch eine, in der Mode zu einem radikalen Bekenntnis werden konnte, zu einer Ästhetik des Widerstands. Eleganz ist eine Form der Kultiviertheit, wie es gute Rhetorik ist. Diese Kultiviertheit kann man anderen auch als Linker oder als Linke zumuten. Dass es in einem reichen Land zu vielen Menschen am Nötigsten mangelt, ist davon völlig unbenommen.  

Bei Sawsan Chebli kommt noch etwas anderes dazu. Immer mehr Deutschen, deren Eltern oder Großeltern eingewandert sind, gelingt der gesellschaftliche Aufstieg. Manche Deutsche mit deutschen Vorfahren empfinden es offensichtlich als Kränkung, dass angebliche Ausländer in diesem Land wohlhabend sein können, während viele Bio-Deutsche von Hartz IV leben müssen. Dieses Ressentiment ist letztlich eins: rassistisch – und ganz schlechter Stil.

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