Trauer Fäden im Teppich

Und so fühlt es sich, wenn ich nicht groß darüber nachdenke, auch für mich an. Normal. Heute, fast zehn Jahre später, darüber zu schreiben, wie es ist, keinen Vater mehr zu haben, ist mir fast unmöglich. Nicht, weil ich seinen Tod verdrängt hätte. Vielmehr erscheint es mir beim Nachdenken darüber, als hätte ich ihn in meine Existenz komplett eingearbeitet, wie Fäden in einen Teppich. Ich lebe nicht, als wäre das, was passiert ist, nie passiert. Ich lebe, als wäre das, was passiert ist, normal. So wie ich vor seinem Tod die Existenz meines Vaters nie hinterfragte, nehme ich jetzt das Gegenteil davon als selbstverständlich hin.

Nur manchmal wird mir klar, dass das nicht so ist.

Vor einigen Monaten zog ich in eine neue Wohnung. Ich kaufte eine Küche bei Ikea. Und als die Pakete in meinem Flur standen, hätte ich ihn gerne angerufen. "Hey, Papa", hätte ich gesagt. "Könntest du ...". Und bevor ich den Satz noch fertig gesprochen hätte, hätte er Ja gesagt. Hätte Werkzeuge mitgebracht und einen Kasten Spezi und wir hätten uns gemeinsam durch Anleitungen, so dick wie Taschenbücher, gekämpft. Er hätte mir erklärt, wie ich die Stichsäge benutzen muss und ich hätte ihn angefahren, dass ich das selbst könne und ihn eigentlich gar nicht brauche. Wir hätten eine halbe Stunde gestritten, uns vielleicht sogar angeschrien. Am Ende wären wir vor der fertigen Küche gestanden und er hätte gesagt, dass wir das gut hinbekommen haben. Dann wären wir vielleicht im Innenhof gesessen oder hätten uns einen Kaffee an der Ecke geholt. Dann wäre er wieder nach Hause gefahren und ich hätte das alles für selbstverständlich gehalten.

Stattdessen rief ich meinen besten Freund an. Druckste ein wenig herum und er sagte: "Ich komme vorbei." Selbstverständlich. Wir kämpften uns durch die Anleitungen, er zeigte mir, wie ich die Stichsäge benutzen muss. Kurz dachte ich an meinen Vater, als wir fertig waren, fragte mich, wie er unsere Sägefähigkeiten bewertet hätte. Dann gingen wir ein Bier trinken und ich vergaß es wieder.

Anfang dieses Jahres stand ich in einem Café in Berlin. Ein Freund hatte mich zu einer Lesung mitgenommen, Mareike Nieberding stellte ihr erstes Buch Ach, Papa vor. Sie erzählt darin von ihrer Beziehung zu ihrem Vater und darüber, wie sie sich, jetzt, da sie erwachsen ist, bei einer gemeinsamen Reise neu kennenlernen. Als sie geendet hatte und die Zuhörer applaudierten, lächelte ein älterer Herr am anderen Ende des Raums. Es war ihr Vater.

Auf einmal war da wieder das Gefühl, das ich nicht beschreiben kann und das mich doch seit 2009 in unregelmäßigen Abständen heimsucht. Ein sanftes Ziehen, das sich wie eine Decke auf meinen Brustkorb legte, ein Schmerz wie ein leiser, tiefer Ton. Ich nahm den langsamen Bus nach Hause. Ich wollte es nicht vermeiden. Ich fühlte mich seltsam wohl damit in dieser Nacht in Berlin, fast zehn Jahre nach seinem ersten Auftauchen.

Zu Hause angekommen öffnete ich eine kleine Holzkiste, die auf meinem Schreibtisch steht. Sie steht dort seit 2009, auf allen Schreibtischen, an allen Orten, an denen ich seitdem gelebt habe. Ich nahm 47 Fotos heraus.

 Ich startete Spotify und drückte Play. Die ersten Akkorde des Mark-Knopfler-Albums tönten aus meinem Laptopboxen.

Ich begann, durch die Fotos zu blättern. Sie zeigen meinen Vater und mich. Beim Einpflanzen eines Apfelbaums in unserem Garten in Niederbayern, beim Radfahren, neben einem Gipfelkreuz in Österreich. Auf dem ältesten bin ich gerade geboren. Das letzte habe ich wenige Monate vor seinem Tod selbst von ihm gemacht.

Ich versuchte, die Fotos zu ordnen, und es gelang mir nicht. Ich versuchte, mir die Geschichten dazu zu erzählen, und fand doch nur diffuse Erinnerungen. Ich packte die Fotos zurück in die Kiste, vorsichtig, als könnte ihr Inhalt, wäre ich zu grob damit, verloren gehen. Ich hörte das Album zu Ende.

Dann stellte ich die Kiste zurück auf meinen Schreibtisch. Gleich neben den Höhenmesser, der wohl irgendwo läge, wäre alles normal gelaufen.

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