Heimlicher Sex Soll man einer Frau sagen, wo ihr Mann überall baggert?

Im Internet kann man sich alles trauen. Schwierig wird es aber, wenn man dort Sexangebote von jemandem bekommt, den der Freundeskreis als mustergültigen Ehemann kennt. Von
Aus der Serie: Schlafzimmerblick

In unserer Kolumne "Schlafzimmerblick" beantwortet die Sexualtherapeutin Angelika Eck regelmäßig Ihre Fragen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Denn über nichts wird häufiger geschwiegen. Das wollen wir ändern.

Carla S., 37 Jahre:
ich bin auf einer Datingplattform angemeldet und habe da neulich die Avancen eines Mannes abgewehrt, der mich ziemlich ordinär ("Na, du bist doch auch chronisch untervögelt!") angeschrieben hat. Dieser Mann hat sich neulich auf einer Party als Ehemann einer entfernten Bekannten herausgestellt. Ich weiß nun nicht, ob ich etwas sagen soll. Meine Freundinnen finden, ich müsste es der Frau aus Solidarität erzählen. Die Männer, die ich um Rat gefragt habe, sagen, dass ich mich da auf keinen Fall einmischen sollte. Was wäre am besten?

Ihre Zuschrift fällt unter die Rubrik Gewissensfragen. Diese sind meistens nicht eindeutig zu beantworten, wie die sehr unterschiedlichen Empfehlungen der von Ihnen befragten Frauen und Männer veranschaulichen. Da auch ich keine Instanz bin, bleibt Ihnen nur die Suche nach einer an Ihren eigenen Werten orientierten und hinsichtlich der Folgen abgewogenen Position.

Der Kontext des Geschehens, das Internet, spielt hier eine besondere Rolle. Onlinedating ist auch deshalb eine so spannende Sache, weil es eine Schnittstelle zwischen virtuellen und realen Räumen ist und ein unscharfes Feld von zunächst anonymen, aber potenziell höchst persönlichen oder sogar intimen Kontakten bildet. Wir sind dort zugleich geschützt und ungeschützt.

Sie sind zunächst aus der relativen Anonymität des Anderen heraus unsittlich berührt und dann durch die zufällige Begegnung auch noch unfreiwillig vom virtuellen in den realen und persönlichen Raum gezerrt worden. Letzteres gilt auch für den Mann, falls ihm auf dem Fest ebenfalls dämmerte, mit wem er es zu tun hatte. Falls.

© Susanne Lencinas

Es ist keine Neuigkeit, dass Menschen sich im Internet oft mehr trauen als im echten Leben und Grenzen überschreiten. Sie tun dies oft in der Annahme, dass es keine realen Konsequenzen haben wird. Unklar bleibt dabei, ob lediglich Fantasien durchgespielt werden oder ob die Person handeln will. Es könnte sein, dass es den besagten Mann anmacht, im Internet Spielchen zu spielen. Es könnte auch sein, dass er sich mit anderen Frauen trifft und seine Partnerin betrügt. Auch wäre es möglich, dass sie es weiß und die Eskapaden duldet oder dass sie eine Ahnung hat, der sie aber nicht nachgeht. Der Punkt ist: Sie wissen es nicht.

Und damit kommen wir zur Frage der Verantwortung. Besteht Ihre Verantwortung darin, die Frau vor ihrem Mann zu warnen? Verstehen Sie mich richtig: Ich schätze Frauensolidarität sehr! Dennoch frage ich mich, ob Sie diesen gut gemeinten Vorstoß verantworten könnten. Schließlich überträten Sie damit ebenfalls eine Grenze, und zwar die in den Intimraum eines Paares, dem Sie nicht freundschaftlich verbunden sind. Wäre die Frau eine enge Freundin, würde dieses Gemenge direkt Ihre Beziehung zueinander betreffen; es hätte andere Auswirkungen und für Sie selbst einen anderen Klärungsbedarf. So aber würden Sie aus relativ großer Distanz eine Tür aufstoßen, ohne dass Sie die Folgen für die Betroffenen abschätzen könnten. Und darin sehe ich ein Moment der Anmaßung. Kein Mensch weiß, ob die Frau es Ihnen danken oder Sie für die Enthüllung verteufeln würde. Weder das konstruktive noch das destruktive Potenzial einer solchen Information können Sie absehen.

Nichts zu sagen würde in meinen Augen eben auch bedeuten, dass Sie außer Ihren Prinzipien auch die Folgenverantwortung im Blick behalten.

Eine Adresse gäbe es allerdings schon, an die ein Appell ergehen könnte: Warum konfrontieren Sie nicht den Mann? Dazu hätten Sie das Recht und die Grundlage. Er wurde auf dem Portal sichtbar. Sie fühlten sich von ihm unangenehm angemacht. Er wurde auch auf der Party sichtbar und hat Sie damit gleich noch einmal in die Bredouille gebracht. Sie könnten ihm klarmachen, dass Sie über seine Identität und seine Ehe Bescheid wissen, und, wenn es für Sie wichtig ist, kundtun, was Sie davon halten.

Damit würden Sie die Verantwortung bei ihm lokalisieren und nicht bei sich. Sie hätten Ihre eigenen Werte und Grenzen noch einmal unmissverständlich formuliert und maximiert, was durch beide Vorkommnisse angekratzt wurde: Ihre Würde und Ihre Privatsphäre.


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