Frankfurt am Main Neu in der Stadt?

Anna von Münchhausen kann helfen.

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Ein toller Typ. Steht da wie eine Eins. Mittelgroß, kräftige, jedoch nicht bullige Statur, die muskulösen Arme lässig in die Seite gestemmt, der Blick unter dem Hoodie in die Ferne gerichtet. Hinter ihm ragt die Skyline in den blauen Himmel über Frankfurt. Das ist er, der Hafenarbeiter des belgischen Bildhauers Constantin Meunier.

Als Arbeitsplatz dient ihm ein mannshoher Sockel am südlichen Ende der Friedensbrücke. Die Frankfurter lieben den Kerl. Vor allem Frauen. Vor allem lieben sie es, ihn anzuziehen. Mit Schals fing es an, natürlich musste es ein Fanschal der Eintracht sein. Am Tag der Arbeit hatten sie ihm eine Schaufel hingestellt. Kurz darauf trug er ein T-Shirt, später sogar Gestricktes um die Waden, als der erste Frost kam. "Ei, der Bub braucht als amal Klamodde, damiddä net friert." So mögen sie es sich gedacht haben, seine Freundinnen. Fürsorge pur.

Die Frankfurter und ihre Denkmäler unter freiem Himmel, das ist eine Geschichte mit Haken und Widerhaken. Nicht alle haben so ein Glück wie der coole Hafenarbeiter. Klar, die protzigen Ehrenmäler vom alten Goethe unweit der Hauptwache und Friedrich Schiller in der Taunusanlage, die werden in Ruhe gelassen. Sie stehen da so, immer schon, und eigentlich guckt niemand mehr hin. Andere Sockelhelden haben zu leiden.

Weltoffen und tolerant, so kennt man die Frankfurter. Sie sind stolz drauf. Mit Recht. Hier und da jedoch bricht eine weniger großherzige Seite auf. Was hat der arme Adorno schon mitmachen müssen. Richtig: Theodor W. Adorno, der Philosoph und Vordenker der Frankfurter Schule. 2003 wurde ihm in Denkmal im öffentlichen Raum gewidmet. Ein Arbeitsplatz im Glaskasten, in Gestalt eines gründerzeitlich-behäbigen Schreibtisches aus dunkler Eiche samt Lehnstuhl, lederbezogen, Metronom und Schreibtischlampe sowie losen Manuskriptblättern, womöglich vom Professor selbst. Von Liebe keine Spur – auf Anhieb fremdelte Frankfurt mit dem Ding. "Da könnt mer grad de Omma ihrn Schreibtische hinstelle un de Leut verzähle, dass se da ihr Liebesbrief geschribbe hat." So etwa hörte sich das an. Die Installation von Vadim Zakharov stieß auf radikale Ablehnung. Farbbeutel flogen, unflätige Worte wurden draufgesprüht. War es die gläserne Schutzhülle, die provozierte? Oder wieder nur die Abstraktion der Aussage? "Ma waass es nich …" Klar nur: Diesem Denkmal war kein richtiges Leben im falschen gegönnt.

Die Stadtverwaltung sah sich gezwungen, einzugreifen, Adornos Schreibklause musste umziehen. Nun steht sie im Zentrum des wunderschönen Campus Westend. Beschattet von Linden und Robinien darf Adorno jetzt weiterschreiben. Vorerst ist Ruhe, Minima Moralia sozusagen.

Sozusagen das völlige Gegenteil der intellektuellen Adorno-Installation ist ein Denkmal, das zuverlässig vor allem Fremde in Entzücken versetzt. Die Euro-Skulptur am Willy-Brandt-Platz. Ein haushohes E wie Euro in EU-Blau, gelbe Sterne segeln drum herum, fertig.  An Banalität kaum zu übertreffen – das kommt an. Touristinnen und Touristen aus allen Ländern stehen Tag für Tag davor Schlange, um ein Selfie zu machen. Egal ob der Euro bei 1,08 Dollar oder 1,20 steht: Hier ist er immer spitze. Und die Frankfurter führen zwar gern ihre Gäste hin, halten selbst aber Abstand.

Ganz anders ist die Lage am Mainufer, in der Nähe der legendären Gerbermühle. Wann der Titanic-Karikaturist Hans Traxler auf die Idee mit dem Denkmal kam, ist nicht mehr festzustellen. Aber er hat einen Nerv getroffen mit seinem Ich-Denkmal. Ein leeres Postament aus rotem Sandstein, so sanft verwittert, als habe jemand eine Flasche Rotwein darübergegossen. Auf der Rückseite helfen vier Stufen, den Sockel zu besteigen. Frontal in Gold prägen die Schauseite nur drei Buchstaben: "Ich". Jeder und jede kann sich hier selbst zum Helden erklären – mit Standbein, Spielbein, großer Geste. Manche stoßen Lustschreie aus, andere singen. Immer zum Vergnügen aller Passanten.

Denkmal sein in Frankfurt, das ist eine emotionale Melange. Sie erinnert an das Prinzip der Grünen Sauce. Bisschen was Säuerliches macht auch die erst richtig rund.

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