Andrea Nahles Der Kreis, den sie Pferd nannten

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Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles zählt zu den Gründungsmitgliedern einer Parlamentsgruppe, die das Pferd zum Thema macht. Ist das ein Politikum oder nur zum Wiehern? Von
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Heute ist ein großer Tag für die Leserinnen und Leser von Wendy, Lissy, Filly, Galoppini, Cavallo, Mein Pferd und Reiter Revue – und auch wir scharren schon ganz aufgeregt in unserer Bürobox herum: An diesem 20. November konstituiert sich der Parlamentskreis Pferd im Bundestag. Zu den Gründungsmitgliedern gehören die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles und der FDP-Abgeordnete Pascal Kober. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) soll sich ebenfalls unter den knapp 30 Politikern befinden, die sich für den Kreis angemeldet haben und aus eigener Praxis wissen, wie man einen Hufkratzer hält, eine Möhre als Belohnungsleckerli nach getaner Arbeit anbietet und Tritten nach hinten gekonnt ausweicht.

Das Ziel der Gruppe sei es, "fraktionsübergreifend im Kreise pferdeinteressierter Kolleginnen und Kollegen über aktuelle Themen zum Pferd und aus der Pferdewelt zu informieren und diese mit Gästen aus der Praxis und der Wissenschaft zu diskutieren", so das offizielle Einladungsschreiben. Das klingt ganz gemütlich nach Zusammenkünften in der Sattelkammer und Herumsitzen auf Strohballen, bei denen die Pferde mit dem ihnen eigenen feuchten dunklen Blick zustimmend im Hintergrund schnauben – denn Pferde sind in Diskussionen bekanntlich sehr viel versöhnlicher als politische Kontrahenten, die sich gegenseitig meist zum Wiehern finden oder zumindest so tun, als ob.

Wir in der kleinen Gesellschaftskritikredaktion, die sich darauf beschränkt, die Stadt auf Schusters Rappen zu durchmessen, wollten zunächst nicht so ganz verstehen, was die Pferde, für die sich Politiker interessieren, mit der Politik in diesem Land zu tun haben. Kommt dieser Pferdekreis nicht zeitlich gerade etwas ungelegen, speziell für Nahles und die SPD? Haben die nicht gerade ganz andere Sorgen als Fragen wie jene, so assoziieren wir mal, ob es neben mehr Radwegen nicht auch mehr Reitwege geben soll und ob die deregulierten Heupreise nicht viele Pferdebesitzer an den Rand des Ruins treiben, speziell nach diesem Dürresommer? Apropos: Müssten nicht auch die Grünen, von denen sich aller statistischen Wahrscheinlichkeit nach auch jemand unter den 30 Interessierten befinden sollte, Pferdethemen größer denken?

Aber anzunehmen, hier werde ein privates Hobby bundesweit aufgezäumt, ist natürlich zu kurz gesprungen. Das Pferd gehe uns alle etwas an, entnehmen wir besagtem Schreiben: "Wie kein anderes Tier hat das Pferd den Menschen beeinflusst: Über 5.000 Jahre prägte das Pferd Fortbewegung und Transport, Landwirtschaft und Militär." Nun gibt es zwar andere Errungenschaften der Jungsteinzeit, die unser Leben heute mehr beeinflussen mögen: das Rad, den Mahlstein für Getreide, den Webstuhl. Doch ein Pferd, das wissen auch wir aus lange zurückliegenden Reiturlauben, vermittelt uns natürlich noch ganz andere, vor allem kulturelle Werte – und verdient darum besondere Fellpflege.

Wenn der Hund der beste Freund des Menschen ist und die Katze seine freundlichste Tyrannin, dann ist das Pferd – ja, was wohl? Das Tier, in dem sich Politiker am liebsten wiedererkennen. Wir wollen vom Ackern und Ausbrechen jetzt gar nicht erst anfangen, aber nehmen wir doch nur einmal Andrea Nahles schwarzen Friesenwallach Siebke, von Eingeweihten auch "Sibby" genannt (nicht im Bild zu sehen). Friesen, so wissen Tiererklärseiten zu berichten, sind sensibel, freundlich und nicht ganz einfach, sie vereinen Kraft, Zuverlässigkeit und Geduld. Wenn Politikerinnen und Politiker an solch starken Schultern lehnen und sich hier und da ein Beispiel nehmen, kann das nur gut sein fürs ganze Land. Und dass sich diese wichtigen Menschen wiederum für die Interessen der für sie wichtigen Pferde einsetzen, ist somit das Gegenteil von Eigennutz. Denn nur wer weiß, wo der Hafer steht, kann für seine Schutzbefohlenen auch reiche Ernte einholen, alte Regel für Ponyhof und Politik.

Andrea Nahles sollte aber auch wissen: Fachleuten zufolge haben Friesenpferde wie das ihre ein so gutes Gedächtnis, dass sie eine schlechte Erfahrung nicht wieder vergessen. Ist das Vertrauen erst einmal dahin, reicht ihr Misstrauen lebenslänglich. Und wie die SPD gerade bitter erfahren muss: Manchmal reicht auch Stallgeruch nicht, um die Sinne der einstigen Stammklientel dauerhaft zu betäuben.

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