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"Tatort" Stuttgart War's der Häuslebauer?

Dieser Stuttgarter "Tatort" wird komplett aus der Perspektive des Verdächtigen erzählt. Ein aufregendes Experiment! Und doch so bodenständig wie das schwäbische Ländle.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Im Stuttgarter Tatort: Der Mann, der lügt ermitteln die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) im Mordfall des Anlageberaters Uwe Berger. Der Verdächtige Jakob Gregorowicz stand im Terminkalender des Opfers, behauptet aber, gar nicht mit Berger verabredet gewesen zu sein. Doch bald gibt es Zweifel an Gregorowicz' Aussage. Dessen Frau Katharina kann oder will ihn nicht decken, neue Indizien tauchen auf, Spuren sollen beseitigt werden. Die fortgesetzten Vernehmungen werden zum Psychospiel. Als bekannt wird, dass Gregorowicz mit Berger verlustreiche Geschäfte gemacht hat, wird er zum Hauptverdächtigen. Doch ist er wirklich der Mörder?


1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über den Wiener Schauspieler Manuel Rubey. Wie der eher für böses österreichisches Fernsehen wie Bösterreich bekannte Schauspieler einen notorischen Lügner spielt, dem sein Eigenheimparadies auseinanderfällt, das rührt an.

Lars-Christian Daniels: Über diesen außergewöhnlichen Stuttgarter Tatort, der komplett aus der Sicht des Hauptverdächtigen gedreht wurde – eine tolle erzählerische Variation und dabei doch so viel bodenständiger als manch anderes Experiment der Krimireihe. In Bremen sollen ja sogar Vampire gesichtet worden sein!

Matthias Dell: Über den sogenannten Stuttgarter Tisch – eine festinstallierte Verhörmöbelsituation.

Kirstin Lopau: Darüber, dass ein Wechsel der Erzählperspektive einem Tatort wirklich guttut. Sehr spannend!


2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: Man kann einen Krimi auch komplett aus der Perspektive eines Verdächtigen erzählen.

Lars-Christian Daniels: Kollegialer Austausch? Wird völlig überschätzt. In diesem Tatort reden die beiden Kommissare schließlich kein einziges Wort miteinander.

Matthias Dell: Dass man, aus Stammheim entlassen, mit der Straßenbahn nach Hause fährt, wenn einen keiner abholt – Bringdienst ist jedenfalls nicht.

Kirstin Lopau: Gelernt haben wir, was ein Stuttgarter Verhörraum ist. Außerdem, was das Lieblingsgetränk der Stuttgarter Kommissare zu sein scheint: "Wir hier sind große Kaffeetrinker." Vor allem aber, dass versprochene überdimensionierte Dividenden einfach auf Dauer nie, nie funktionieren – falls Sie mal wieder Ihre Villa beleihen möchten wegen solcher Finanzgeschäfte, denken Sie zurück an diesen Tatort.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Obwohl wir dem Verdächtigen in diesem Krimi an den Fersen hängen, bleibt seine Identität doch hinter all seiner Camouflage und seinem Selbstbetrug ziemlich schleierhaft.

Lars-Christian Daniels: Was wird aus der Assistentin Nika Banovic? Es ist ihr letzter Auftritt im Tatort aus dem Ländle, aber ein echter Abschied ist ihr nicht vergönnt.

Matthias Dell: Wer erbt die Kohle vom Vermögensanlagebetrüger?

Kirstin Lopau: Keine. Es bleibt ein bleiernes Gefühl im Magen.


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Sehr gut besetzt und gespielt ist dieser Tatort. Hervorzuheben ist auch der Auftritt von Richy Müller als Lannert und Felix Klare als Bootz, die die Größe aufbringen, ihre Kommissare aufs Funktionale runterzuschrauben, um so eine Angstkulisse für Rubeys Verdächtigen zu erzeugen. Respekt.

Lars-Christian Daniels: Die des querschnittsgelähmten Rechtsanwalts Moritz Ullmann (Hans Löw) – und zwar mit einem waschechten Schwaben. Der gebürtige Bremer Löw wuchs zwar in Stuttgart auf, doch klingt sein Schwäbeln überraschend bemüht.

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Keine. Eindrucksvoll gespielt hat Manuel Rubey als Jakob Gregorowicz.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von Eigenheimen, die zusammenstürzen.

Lars-Christian Daniels: Von der Wurzelbehandlung des Hauptverdächtigen, die zum Glück nur für ein falsches Alibi herhalten muss.

Matthias Dell: Wie die Ermittler noch in tiefster Nacht an der Tür eine Frage haben – muss doch auch nicht sein, so spät.

Kirstin Lopau: Von diesem hoffnungslosen, deprimierenden Kleiderwechsel beim Einchecken ins Gefängnis.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 2 Schlafmützen 😴😴

Lars-Christian Daniels: 2 Schlafmützen 😴😴

Matthias Dell: 4 Schlafmützen 😴😴😴😴

Kirstin Lopau: Interessant erzählt und wirklich spannend. 2 Schlafmützen 😴😴

Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Hier bin ich, Samiel - hast du mich gerufen? Vielleicht hat Herr Dell die Konstruktion durchschaut und gibt sich gelangweilt?! Mein Tip: Die Drehbuchschreiber könnten Schachspieler sein - warum? Wenn ein Eröffnungs-Plot auf dem Brett so ganz andere Wege geht als die bekannten Varianten, nennt man ihn in eingeweihten Kreisen "Eigenheimer" , auch wegen der sehr großen Wahrscheinlichkeit, daß das selbstgezimmerte Gerüst krachend unter einem zusammenbricht. Und schon schaue ich auf die Vorschau - ahja, der "Titelheld" verzockt seine Ausgangsposition (Stichwort: "Eigenheim") und (wie Schachspieler so sagen) "schwindelt" sich durch die möglichen Szenarien, die er längst nicht mehr im Griff hat. Befragen kann er ja auch keinen mehr in der laufenden Partie - auch nicht seine kaltlächelnden Gegner; denn Analysen sind vor dem Ende verpönt, erst post-mortem wird ihnen gefrönt. In puncto Namengebung haben sich die Autoren allerdings gefährlich vorgewagt: Wie kann man nach Jurek Beckers "Jakob der Lügner" einen Finanzzocker noch "Jakob" nennen?! Mit Gregorowicz bekommen die "Polizeiruf"-Kollegen gleich auch einen in den Lügentee getan ... Lucas Gr. spielt einen Kriminalhauptkommissar polnischer Herkunft. Tja, einstürzende Neubauten ... "My home is my ..." eben nicht, aber "my chancel", die Kanzel aus Lügenlatten (pulpitum), von der aus sich prächtig das eigene Buch Hiob predigen läßt. Hiob - im altjüdischen Tanach "IJob" - mein Gott, ist das beziehungsreich ... (R.Gernhardt).