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Trauer Der Tag, an dem meine kleine Schwester starb

Sie war seine beste Spielgefährtin, trotz Leukämie. Dann war sie tot – und er, der neunjährige Bruder, wollte nur vergessen. Heute weiß er: Ohne Trauer wird man verrückt. Von

Meine Schwester starb an einem Donnerstag. Wenige Stunden vor ihrem fünften Geburtstag und im Beisein unserer Eltern. Ich saß im Raum nebenan, am Küchentisch, und öffnete Überraschungseier. Meine Omas hatten eine Palette davon gekauft, und das war etwas Besonderes, denn eigentlich gab es bei uns selten Süßigkeiten. Die Omas waren bereits am Wochenende zur Unterstützung aus Norddeutschland auf die Schwäbische Alb gekommen. Seitdem roch es in der Wohnung nach deftiger Kost und für mich lag ständig die Gefahr einer Haushaltstätigkeit in der Luft. Eigentlich. Jetzt saßen wir einfach da, bis meine Eltern aus dem Zimmer kamen. Wenig später durfte ich zu meiner Schwester. Allein, das wollte ich so.

Es war November und früh dunkel. Sie lag auf dem Bett, trug ihr liebstes Kleid, die Hände auf dem Bauch gefaltet. Ich stand an der Bettkante, noch nie war alles so still gewesen. Ich wollte ihre Hand halten, traute mich aber nicht, sie zu berühren. Darf man einen toten Menschen anfassen? Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, wollte so weit wie möglich weg und blieb trotzdem stehen. Ich schaute mich im Zimmer um. Überall waren Spielsachen, die wir die letzten Tage geteilt hatten. Ich war nicht in der Schule gewesen. Ihre Barbies und Puppen lagen vermischt mit meinen Playmobil-Cowboys auf dem Boden. Das war jetzt vorbei. Als ich aus dem Zimmer ging, nahm ich alles mit, was mir gehörte. Nur mein FC-Bayern-München-Schlüsselanhänger, für mich als neunjähriger Fußballfan mein größter Schatz, lag auf ihrer Brust, knapp oberhalb ihrer Hände. Dort hatte ich ihn hingelegt.

Dennis Schmees wurde 1986 in Papenburg geboren. Er studierte Filmwissenschaften und Philosophie und arbeitet seit 2017 im SEO-Team bei ZEIT ONLINE. Er lebt in Berlin. © Rebecca Malherbe

Zweieinhalb Jahre zuvor, im Sommer, hatten unsere Eltern eine Beule unterhalb des rechten Ohrs meiner Schwester entdeckt. Wir waren den ganzen Tag bei Freunden gewesen, hatten getobt, auch draußen – und Kinder haben ständig Beulen. Aber diese Beule war anders. Sie veränderte weder ihre Farbe, noch verschwand sie. Als meine Eltern mit meiner Schwester vom Arzt zurückkamen, lernte ich das Wort Leukämie. Blutkrebs, erklärte ich meinen Freunden, ohne selbst zu wissen, was das wirklich bedeutet. Ich konnte aber sehen, was passierte, wenn man Erwachsenen davon erzählte, und behielt es bald lieber für mich.

Für uns Geschwister machte die Krankheit nach der Diagnose lange kaum einen Unterschied. Es war egal, ob meine Schwester eine Kanüle im Arm hatte oder ihr die Haare während der Chemotherapie ausfielen. Dass sie irgendwann eine Glatze hatte, wurde in unserer Familie nicht mal kommentiert. Unsere Eltern waren noch sehr jung gewesen, 27 und 25, als sie mit mir kurz vor der Geburt meiner Schwester auf die Schwäbische Alb gezogen waren – und sie ließen uns Raum. Unser Haus, ein großer blauer Klotz, auf einer waldumringten Anhöhe gelegen, mit Blick auf das Tal, war der schönste Ort für uns Kinder. Wir waren den ganzen Tag am Waldrand unterwegs, spielten Fußball oder besuchten die Pferde auf dem Hof am Fuß der Anhöhe. Wohin ich ging, meine Schwester war – seit sie einigermaßen laufen konnte – selbstverständlich dabei.

Aber als ich sie während einer Knochenmarktransplantation nur hinter einer transparenten Plastikplane sehen konnte, die ihr Klinikzimmer in der Mitte durchzog, wurde die Krankheit in ihrer Grausamkeit für mich greifbar. In der Plane waren zwei Tunnel, durch die sie die Hände strecken konnte. So hätten wir uns berühren können. Wir nutzten diese Möglichkeit nie. Wir schauten, durch die Plane getrennt, zusammen Pippi Langstrumpf und zum ersten Mal sah ich sie wirklich schwach und krank. Und schlimmer noch: von mir abgespalten, in einer anderen, bedrohlichen Welt.

In den guten Phasen verbrachten wir als Geschwister weiter viel Zeit zusammen. Mein Vater ist ein gadget guy und liebt das Fotografieren. Die Familienkamera, die natürlich nur richtig von ihm bedient werden konnte, war damals überall. Wir merkten meist nicht, dass sie überhaupt da war. Eine Aufnahme – mein Vater hatte sie durch die offene Zimmertür gemacht – zeigt meine Schwester und mich von hinten, in einem Eldorado aus Spielzeug sitzend. Ich sage etwas, vermutlich über die Cowboys und Indianer in unserem Westernszenario, sie sitzt neben mir und wendet mir das Gesicht zu, ein Lächeln auf den Lippen.

Dieses Bild bewahrte ich mir in Gedanken. Ansonsten aber verschloss ich, nachdem meine Schwester nicht mehr lebte, mit der Tür zu ihrem Zimmer auch Türen in meinem Kopf. Dahinter lagen Orte voller Erinnerungen, an die ich nicht mehr gehen wollte. Heute staune ich darüber, wie mein neunjähriges Ich das Loslassen nicht als Prozess, sondern als einen einmaligen Akt gestaltete. Von einem Moment auf den anderen gab ich alles auf, was mich mit ihr verband, fest überzeugt, dass Vergessen möglich und nötig ist. Meine Schwester, dachte ich, ist nicht mehr da, aber ich bin es. Ich wurde wütend auf die Traurigkeit um mich herum, auf den Ballast, der mich aufhielt, auf Verabschiedungen und Gedenken. Die Beerdigung war ein zorniger Tag, und das Grab ist für mich kein Ort der Erinnerung. Bis heute.

Obwohl wir im Süden lebten, entschieden meine Eltern, meine Schwester in Papenburg beisetzen zu lassen, woher wir kamen. Mir war das recht. Ich wollte ja Abstand. Bei der Trauerfeier waren Familie, Verwandte und Freunde, ein Kirchenschiff voller Menschen. Später auf dem Friedhof schmiss ich eine Rose in das Grab und sah den anderen zu, wie sie Rosen in das Grab schmissen. Mein älterer Cousin, mit dem ich zu der Zeit viel Mortal Kombat auf seiner Sega-Konsole spielte oder lauten, wütenden Punk auf seiner Anlage hörte, muss gesehen haben, was in mir vorging, während ich hilflos still dastand. Er setzte mich in sein Auto, drehte die Anlage auf und wir hauten ab, ein 19-Jähriger und ein Junge, das norddeutsche Flachland und scheppernde Gitarren. Ich verstand nicht, worum es in den Texten ging. Die Wut aber, die verstand ich.

Kurz vor Weihnachten ging ich zum ersten Mal wieder in die Schule und war froh darüber. Hier war alles unverändert. Keiner war traurig, keiner schaute mich betreten an. In der Schulpause spielten wir Fangen oder flohen vor dem Hausmeister, der, wenn er einen von uns erwischte, Hofdienst verordnete. Hofdienst bedeutete vor allem, die Mülleimer zu leeren, und ich fand es nicht schlimm. Ich konnte es nicht leiden, wenn ich geschont wurde, weil meine Schwester tot war, und der Hausmeister machte keine Unterschiede.

Speziell im letzten Jahr mit meiner Schwester hatte ich viel Zeit in Kliniken verbracht, bei Freunden meiner Eltern oder anderen Familien aus unserer Kirchengemeinde. Als sie gestorben war, konnte ich von zu Hause weg sein und mit gleichaltrigen Kindern aus meiner Schule und meiner Nachbarschaft spielen, bis es dunkel wurde und darüber hinaus. Meine Eltern, mit ihrer eigenen Trauer beschäftigt, ließen mich gehen.

Nichts von dem, was ich auf dem Gymnasium hörte, half mir bei den Fragen, die mich beschäftigten. Die größte unter ihnen: Wie nutzt man Zeit?

Meine Trauer war für mich kein Thema, ich schwieg eisern und keiner fragte nach. Dass mich das zum einsamsten unter den Kindern in unserem Dorf machte, mag ich heute so sehen. Damals wollte ich nur normal sein und dachte, ich könnte es schaffen.

Dass meine Eltern mich bei einer Freizeit für verwaiste Geschwister anmeldeten, fand ich trotzdem gut. Ich erinnere mich nicht genau, wie viele Kinder dort waren, aber es waren viele. Die Stimmung war gut, wir machten, was Kinder eben machen. Es gab verbotene Räume, die heimlich besucht werden wollten, einen Dachstuhl voller Dinge, die wir noch nie gesehen hatten und mitgehen ließen. Pflanzen in Schaukästen, haufenweise Schautafeln und Präparate. Ich sollte erst ein paar Jahre später verstehen, dass es sich um die Überbleibsel einer Ausstellung über die Cannabispflanze handelte. Ich klaute ein kleines gerahmtes Bild, brachte es aber noch am selben Abend wieder zurück. Zum Abendessen standen kleine Flaschen Tabasco auf dem Tisch und die Mengen, die wir uns aufs Brot schmierten, nahmen von Abend zu Abend exponentiell zu. Das waren die einzigen Tränen, die ich auf dieser Reise zu sehen bekam. Heimweh hatte niemand. Zu Hause, das war der Ort, an dem wir am wenigsten sein wollten. Zu Hause hingen die Traurigkeit und all die Erinnerungen, von denen wir einander nichts erzählten.

Ich kam aufs Gymnasium. Ich erhoffte mir von der neuen Schule Antworten auf die großen Fragen, die ich damals hatte. Die größten hatten mit Zeit zu tun. Wie nutzt man Zeit? Wem gehört sie, wer nimmt sie einem weg? Doch nichts von dem, was ich dort hörte, half mir weiter. Im Gegenteil: Die Langatmigkeit des Unterrichts, das mühsame Lernen und Lesen, dafür fehlte mir die Zeit, dafür, dachte ich, fehlte uns allen die Zeit. Kein Verweis konnte mich davon abbringen, keine Ansprache meiner Eltern. Wenn ich nach tagelangem Schwänzen auftauchte, wenn ich bei Klausuren leere Blätter abgab, traf Unverständnis auf Unverständnis.

Als meine Schwester noch lebte, war mein Leben schnell getaktet gewesen. Die Kinder, die ich kennenlernte, waren oft solche, deren Geschwister auch in Behandlung waren, und eine Woche später waren sie wieder aus meinem Blickfeld verschwunden. Jede Verbindung war instabil, einzig die zu meiner Schwester war fest. Vielleicht lag es für mich deshalb so nahe, die Beziehung zu ihr einfach zu beenden, sie zu vergessen, als sie gegangen war. 

Auch wenn das in der Situation damals klappte, auch wenn es mir gelang, tage- und wochenlang nicht an meine Schwester zu denken, ist mir heute völlig klar, dass weiterhin alles mit ihr zu tun hatte. In allem sah ich Vergänglichkeit, nichts war mehr von Gehalt. Regeln funktionierten für mich nicht. Ich dachte: Wenn ich schon sterben muss, dann will ich davor wenigstens extrem sein.

Ich schmiss die Schule und verwandelte mein Leben in eine Abschlussfahrt, komplett mit Mädchen, Musik und Alkohol. Ich fuhr Skateboard und hörte immer härtere, schnellere Bands. Vor allem die Deftones, Musik irgendwo zwischen Heulen und Brüllen – sie begleitet mich bis heute.

Doch an einem Nachmittag passierte etwas, das alles veränderte, das mich veränderte: Ich ging die Hauptstraße unseres Dorfes entlang, als ein Schmerz aus dem Nacken in meinen Hinterkopf stach. Ich hatte am Abend zuvor im Fernsehen einen Beitrag über Hirnschläge gesehen und bekam es sofort mit der Angst zu tun. Ich war mir sicher, dass es jetzt mit mir zu Ende ginge. Es war mitten am Tag, an einer viel befahrenen Straße, und ich wollte nicht, dass mich jemand sieht. Ich fand eine Garageneinfahrt. In die legte ich mich, um zu sterben. Mit 18 Jahren.   

Ich lag dort lange – und starb nicht. Doch an diesem Nachmittag, in der Garageneinfahrt, ahnte ich zum ersten Mal, dass mein Leben zu einem großen Teil aus verdrängter Traurigkeit und Angst bestand. Und ich verstand, dass, wenn es besser werden sollte, ich die Türen zu meiner Erinnerung wieder aufmachen musste. Schon während der Krankheit meiner Schwester hatte ich funktionieren müssen, hatte es kaum Raum für mich und meine Gefühle gegeben. Nach ihrem Tod hatte ich sie auch noch selbst zu bekämpfen begonnen, hatte schließlich verrücktgespielt, um nicht verrückt zu werden. Jetzt aber wollte ich zurück – zu ihr und zu mir.

Heute bin ich froh, dass ich der Bruder an der Seite meiner Schwester sein konnte. Die Türen zu unserer gemeinsamen Geschichte sind weit offen.

Ich begann, meinen Freunden von meiner Schwester zu erzählen. Weniger von ihrem Tod, mehr von den leisen Erinnerungen an sie – und an uns. Wie nah sie mir stand, wie wir zusammen im Hof spielten, wer sie heute wohl wäre und, dann doch, welcher Schmerz es war, als sie ging. Je mehr ich erzählte, desto mehr Farbe kam wieder in die Bilder in meinem Kopf. Ich sprach auch mit meinen Eltern. Wir sahen uns gemeinsam Videoaufnahmen an, verabredeten uns, ihren Geburtstag gemeinsam zu feiern, und fingen an, Anekdoten und Gefühle zu teilen. Die Erinnerungen überrannten mich, sie quälten mich, nahmen mir die Ruhe, sie tun es bis heute, auch wenn es inzwischen weniger schmerzt. Das Reden, die Aufmerksamkeit und die Geschichten der anderen haben mir geholfen.

Heute habe ich gelernt, Menschen an mich heranzulassen, auch für länger, auch wenn sie mir manchmal wehtun oder einfach nur nerven. Und ich bin froh, dass ich der Bruder an der Seite meiner Schwester sein konnte. Die Türen zu unserer gemeinsamen Geschichte sind weit offen, die Erinnerungen sind zurück und ich möchte sie teilen.

Meine Schwester hieß Sarah. Sie war die erste Schwäbin unserer Familie und hat während ihrer Krankheit nie gekämpft, sondern gelebt. Und als sie nicht mehr leben konnte, da ist sie gegangen. Ich aber habe Jahre gebraucht, mich verkämpft und verloren, um mich wiederzufinden und zu verstehen, was das bedeutet: zu leben.

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