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Chippendales Ausziehen, ausziehen!

Männer, die sich Kleidung vom Leib reißen: Das mag mal die sexuelle Selbstermächtigung der Frau befördert haben. Bei den Chippendales fragt man sich, was das noch soll. Von

Eine Banane, ein Kondom, eine einhändig arbeitende Frau. Aus diesen Zutaten kann man sicherlich partykellertaugliche Witze machen, vorausgesetzt, man heißt Mario Barth. Oder aber es wird eine etwas beschämende Mitmachnummer daraus, an deren Ende eine Frau – nun wieder mit beiden Händen – einen Fotokalender davontragen darf.

Das Kondomüberstreifen am Frischobst ist Teil einer dreistufigen Challenge beim Auftritt der US-amerikanischen Männershowtanzgruppe The Chippendales. Mehrere Frauen aus dem Publikum – darunter eine in fusseliger Strickjacke, eine andere in vollem Junggesellinnenabschiedsornat – ringen um den Sieg in einem Wettbewerb, der damit beginnt, dass Tänzern möglichst schnell Manschetten und Hemdkragen am nackten Oberkörper angebracht werden sollen. Dann folgt der Teil mit der am Stripperschritt vorgehaltenen Banane, wobei eben eine Hand hinter dem Rücken der Teilnehmerinnen bleiben muss.

Das Finale zwischen zwei Frauen besteht darin, dass sie eine halbe Minute lang ihre Lieblingspositionen beim Sex durchsimulieren dürfen, selbstverständlich mithilfe eines Mannes aus der Truppe. Das Klatsch- und Johlvotum des Publikums sieht am Ende interessanterweise nicht die vorne, die beim Sex oben sein will und sich den Mann schnappt wie den Hauptgewinn auf dem Rummelplatz. Sondern die, die erst ein wenig im Doggystyle herumschubbert, inklusive stimulierenden Kreisenlassens der Hüften, und sich dann aufs Kreuz legen lässt. Die Fantasie in einer Show, die zu 99,9 Prozent von Frauen besucht wird, besteht also in der millionenfach variierten Idee konventioneller Pornos, dass eine Frau am liebsten mal wieder so richtig genommen werden möchte. Und alle so: Kreisch!

Ja, am Wochenende waren die Chippendales in Berlin, es gibt sie noch. Warum also nicht mal hingehen und nachsehen, wie es um die weibliche Wahrnehmung von Sexualität, des eigenen und des männlichen Körpers abseits feministischer Diskurse bestellt ist.

Wo die Chippendales genau auftraten, musste man im Grunde gar nicht wissen, um hinzugelangen; es reichte völlig, von der Warschauer Straße aus blindlings dem Klappern Hunderter hochhackiger Stiefel zu folgen, die in einen immer gleichförmigeren Marschierrhythmus fanden, je näher man dem Ort des Geschehens, der Verti Music Hall, kam. Wobei, das wäre doch etwas riskant gewesen, denn nebenan in der Mercedes-Benz Arena trat zeitgleich Roland Kaiser auf, weswegen sich dann tatsächlich auch einige gemischtgeschlechtliche Gruppen in die falsche Warteschlange verirrt hatten.

Interessante Koinzidenz: Sowohl Roland Kaiser als auch die Chippendales gibt es seit vier Jahrzehnten auf den Bühnen dieser Welt. Die Chippendales werden aber immer wieder ausgetauscht, damit die Sixpacks knackig bleiben. Und während Roland Kaiser es irgendwie in einen Status Frank-Sinatra-mäßiger Altersanerkanntheit geschafft hat, lässt sich in Zeiten frei verfügbarer Pornografie durchaus eine grundsätzliche Frage in die andere Halle mitnehmen: Funktioniert das noch, dass Frauen in Aufregung geraten, wenn ein Mann sich das Unterhemd zerreißt und seine Hose ruckartig zu den Knöcheln herabstreift, um einen eng sitzenden Slip zu enthüllen?

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