Familienstreit "Es ist wie Liebeskummer, nur schlimmer"

Die Psychotherapeutin kennt auch den Fall Hans Wallberg. Sie berichtet von seinem Engagement, seiner Energie, die er in der Selbsthilfegruppe einbringt. Trotzdem, sagt Haarmann, beschäftige er sich nicht mit dem eigentlichen Drama seiner Familie.

In den Neunzigerjahren hatte Hans Wallberg seinen Job als Versicherungsvertreter verloren, er litt an Depressionen. Seine Schwiegermutter, von der er als "Schwiegermonster" spricht, habe in dieser Zeit ohne Unterlass auf ihm herumgehackt, erzählt er: Als "arbeitsloser Versicherungsfuzzi" sei er, ihre Worte, unter dem Niveau seiner Frau, einer Beamtin. Schließlich zog seine Frau aus der gemeinsamen Wohnung aus, die gemeinsame Tochter blieb noch bei ihm, bis sie ihren Schulabschluss hatte, dann ging auch sie nach Jesteburg. Und wurde Beamtin, wie die Mutter.

Er erinnert sich nicht, wie oft er "Annes Ausfahrt" genommen hat in den letzten Jahren. Wie oft er in ihrer Garagenauffahrt stand. Unangekündigt. Zwanzigmal? Öfter? Er solle das jetzt mal lassen, mit den unangekündigten Besuchen, hatte Anne irgendwann gesagt. Und das mit den Anrufen auch.

Hans Wallberg hatte das zuerst nicht ernst genommen. Erst geschätzte tausend Anrufe und viele Wochen später begriff er langsam: als eine Anzeige wegen Stalkings und später eine gerichtliche Anordnung in seinem Briefkasten lagen, dass er sich dem Haus seiner Tochter nicht mehr nähern dürfe.

Eine Antwort auf die Frage, was er als Vater falsch gemacht hat, findet er trotzdem nicht. War er zu sehr mit sich und seiner Arbeitslosigkeit beschäftigt? Mit seiner Depression, die daraus folgte? Hat er zu wenig auf seine Tochter geachtet? Oder erst dann, als es zu spät war? Er weiß es nicht. Anne gibt ihm keine Antwort.

Sie leben in ihrem emotionslosen Niemandsland. Sie denken, dass sie mich lieben. Aber sie können das nicht vermitteln.
Martin Osterberg

Hinter jedem Kontaktabbruch stehe aus der Perspektive des Kindes ein Gefühl von Mangel, sagt Claudia Haarmann. Fühlt sich ein Kind haltlos, nicht geborgen oder nicht gesehen, fehle ihm meist strukturelle, emotionale Stabilität. Die hohe Kunst jeder Beziehung sei es, die Autonomie des anderen zu respektieren, seine Persönlichkeit anzunehmen und zu erkennen. Ohne ihn dabei zu erdrücken.

Auch Katinka Sievers* aus München fragt sich wieder und wieder, warum sich ihre Tochter von ihr befreien wollte. Fünf Jahre ist es her, dass sie sich das letzte Mal gesehen haben. Annika Sievers* ist heute 28 Jahre alt, Hochschuldozentin.

"Mach's gut Mama, das war's jetzt", habe Annika beim letzten Treffen gesagt. Katinka Sievers, 58, erzählt, dass sie mit der Tochter damals Schutz vor strömendem Regen unter einem Toreingang in Bogenhausen gesucht hatte. Sie überlegten, in welchem Café sie Kuchen essen gehen könnten. "Ich dachte kurz, dass es ein Scherz von Annika war. Einen Moment später war mir klar: Sie ist viel zu ernsthaft für diese Art von Scherz."

Annika Sievers war sechs Jahre alt, als sie zum ersten Mal für ihre Mutter sorgen musste. Katinka Sievers' Mann, ein Chirurg, hatte sie wegen einer 18-jährigen Schwesternschülerin verlassen, ihre Kinder waren noch klein. Annikas Aufgabe war es, die psychisch labile Mutter aufzuheitern.

Nicht Katinka Sievers erzählt das, sondern ihr Partner, der sie begleitet. Sie sei damals ein "psychisches Wrack" gewesen, sagt er. Erst langsam sei wieder Stabilität eingekehrt in ihr Leben. Katinka Sievert befürchtet, dass sie ihren Kindern damals keinen Halt geben konnte. Sie vermutet, dass ihre Tochter sich erdrückt fühlte, von ihrer Verantwortung, die sie früh für die Mutter übernehmen musste. Ob bei dem letzten Treffen etwas passiert ist, daran kann sie sich nicht erinnern. "Man könnte verhandeln, wenn man es wüsste. Aber wir kennen ihre Beweggründe nicht", sagt der Stiefvater, der Annika seit ihrem achten Geburtstag kennt.

Martin Osterberg ist nicht so weit gegangen wie die Töchter von Hans Wallberg und Katinka Sievers. Er meldet sich so selten wie möglich bei seinen Eltern – und wirft damit ihre Unfähigkeit oder Unlust zur Kommunikation als Bumerang zurück. Offiziell ist er kein Kontaktabbrecher. Der Berliner Autor hat seine "innere Kündigung" aber längst schon vollzogen. In seinem Buch Das kalte Haus, geschrieben unter Pseudonym, beschreibt er seine vermeintlich heile Kindheit im emotionalen Vakuum mit seinen Eltern, die ihm weder Herzlichkeit noch Wärme vermitteln konnten – "auch, weil sie es einfach nicht besser wussten".

Mit Anfang 50 ist er ein klassischer Kriegsenkel, Sohn jener Kriegskinder, die sprachlos Erinnerungen übergingen und im biederen Wohlstand vergessen wollten. Klar, er habe ein Problem mit seinen Eltern, sagt er. Aber er hält Kontakt, auf absoluter Sparflamme. "Kontaktabbrecher sind für mich Menschen, die um Hilfe rufen, die eine Botschaft haben. Das tue ich nicht. Auch weil meine Eltern es nicht verstehen würden. Sie leben in ihrem emotionslosen Niemandsland. Sie beziehen mir ein Bett. Sie denken auch, dass sie mich lieben. Aber sie können das nicht vermitteln. Im Grunde tun sie mir leid." Es bleibt alles so, wie es ist, ein Treffen im Jahr, ein Telefonat zum Geburtstag, basta.

Für Osterbergs Mutter würde die Welt einstürzen, ihr "Mythos heile Familie", wenn sie wüsste, was er wirklich über sie denkt. So betreibt er wie Zigtausende andere erwachsene Kinder im Grunde Kontaktabbruch light.

Bis zu 70 Prozent aller abgebrochenen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern werden wieder gekittet, schätzen Experten.

Hans Wallberg sagt, er wolle kein Stalker mehr sein, der sein eigenes Kind verfolgt wie ein Jäger seine Beute. Unwürdig sei das. Damit hat er wahrscheinlich das Entscheidende verstanden: "Wenn sie je zurückkommt, dann nur von allein."

Jetzt will er noch mit dem Hund eine Runde drehen. Und in Ruhe überlegen, ob er Anne nicht doch eine Weihnachtskarte schreiben soll.

*Namen von der Redaktion geändert.

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