Sexuelle Anziehung Guckt mein Mann Pornos, weil er sich nach Jüngeren sehnt?

In einer langen Ehe kann die Erotik leiden. Gegen die Flucht in die Pornografie helfen keine Vorwürfe, sondern ein Rollenwechsel, durch den die Frau zur Verführerin wird. Von
Aus der Serie: Schlafzimmerblick

In unserer Kolumne "Schlafzimmerblick" beantwortet die Sexualtherapeutin Angelika Eck regelmäßig Ihre Fragen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Denn über nichts wird häufiger geschwiegen. Das wollen wir ändern.  


Isabella (65): Wir sind über 30 Jahre verheiratet. Mein Mann (68) schaut seit einigen Jahren mehr und mehr Pornos im Internet. Er verbringt etliche Stunden pro Woche am Computer und es wird immer mehr. Es kommt mir fast wie Suchtverhalten vor. Er sagt, dass es für ihn nichts mit unserer Beziehung zu tun habe und dass er mich immer noch attraktiv finde. Ich solle ihn nicht gängeln. Ich komme damit aber nicht zurecht! Erstens ist er mir darin so fremd. Zu wissen, was er macht, während ich im Haus bin oder auch nicht, ist fast unerträglich für mich. Zweitens habe ich die Sorge, dass er in Wahrheit nur jüngere Körper attraktiv findet und meinen nicht mehr, denn wir haben drittens auch seit längerer Zeit nur noch selten Sex, und wenn, gibt es Probleme mit der Erektion. Ich bin sehr unglücklich mit dieser Situation und fühle mich auch grässlich allein. Wie kann ich ihn erreichen?

Angelika Eck © Susanne Lencinas

Sie fürchten, Ihren Mann zu verlieren, denn er entzieht sich in einen Bereich, der Ihnen etwas Wesentliches wegnimmt. Während Sie seinem Verhalten kritische Bedeutungen wie Sucht oder Betrug zuschreiben, versucht er, Bedeutung herauszunehmen und seinen Pornokonsum als etwas von der Beziehung Losgelöstes darzustellen. Sie werfen ihm vor, zu bagatellisieren, er Ihnen vielleicht, zu dramatisieren. Emotional fühlen Sie sich alleingelassen, er sich vermutlich kontrolliert und bedrängt. So weit der Konflikt.

Dahinter liegt möglicherweise eine noch nicht bewältigte Entwicklungsaufgabe für ihn und – bei Paaren ist das unausweichlich – auch für Sie. Vielleicht bleibt seine Erektion nicht aus mangelndem Begehren weg, sondern aus ganz einfachen Gründen: Er ist in einem Alter, in dem sehr viele Männer mit einer nachlassenden Erektionsfähigkeit zu tun haben. Wenn penetrierender Sex bislang die zentrale Praktik in Ihrem erotischen Repertoire darstellte und nun nicht mehr so gut klappt, irritiert das und macht die Paarsexualität zum unsicheren Terrain. Anstatt miteinander Neues zu entwickeln, ziehen sich Partner in dieser Situation häufig voneinander zurück.

Warum eigentlich? In der Sexualität sind wir unglaublich verwundbar. Sie beschreiben ja selbst, wie Sie fürchten, der schlaffe Penis könnte beweisen, dass Sie nicht mehr begehrenswert seien. Ihren Mann beschämt die Situation vielleicht, auch wenn Sie ihm gesagt haben sollten, es sei "nicht so schlimm". Und wenn es ihn stresst, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass vor lauter Anspannung erst recht keine Erektion oder auch nur ein Hauch von Genuss zu erwarten ist.

Mutmaßlich befindet sich Ihr Mann in der nachberuflichen Lebensphase, das ist keine einfache Zeit für die männliche Identität: Rollen, in denen er sich in einem weiteren Sinne als potent erlebt, wollen neu definiert werden. Für intensiveres Pornogucken (und Masturbieren) gibt es viele Beweggründe. Es ist unglaublich einfach, mithilfe von Pornos erregt zu werden und zum Orgasmus zu kommen. Außerdem sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt: Sehr starke Stimuli können gefahrlos aufgesucht werden, die Befriedigung des Gegenübers liegt nicht in der eigenen Verantwortung. Unangenehme Gefühle jeder Art können in dieser zugleich sicheren und unbegrenzten Welt in Geilheit, Wohlbefinden, Bestätigung und Befriedigung transformiert werden. Das kann über die Zeit eine enorme Anziehungskraft entwickeln. Die Kombination aus mehr Freizeit, grenzenlosem Internetangebot und erektiler Verunsicherung könnte Ihren Mann in diesen Status quo gebracht haben.

Ein wichtiger Schlüssel liegt in der gemeinsamen sexuellen Weiterentwicklung. Solange in Ihnen allein Angst und Kränkung regieren, werden Sie das Thema ohne Vorwurf kaum anschneiden können. Günstig wäre, wenn Sie das Pornothema in der Diskussion von der Ebene Ihrer gemeinsamen Sexualität und Zeit trennen könnten. Beginnen Sie nicht mit der Forderung, dass das aufhören soll. Beginnen Sie mit dem, was Sie vermissen. Seine Präsenz, Ihren gemeinsamen Sex, die wechselseitige Bestätigung. Und fragen Sie ihn, ob ihm auch etwas fehlt. Ob er in Ihre positiven Qualitäten investieren möchte, so wie Sie in seine. Vor was er sich fürchtet oder was ihm vielleicht zu anstrengend erscheint. Fragen Sie ihn, wie das alles so für ihn ist.

Was sucht er in der Pornowelt? Wie könnten Sie ihn danach fragen, ohne dass er sich bewertet fühlt? Eine gute alte Möglichkeit ist immer: Liebe. Verbinden Sie sich innerlich mit dem Mann, den Sie lieben und dem Sie Entwicklung zutrauen.

Genauso wichtig ist Klarheit in den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Verbinden Sie sich mit der selbstbewussten, begehrenden und begehrenswerten Frau in sich. Sie sollten sich nicht selbst reduzieren auf einen nachteiligen Vergleich mit juvenilen Pornodarstellerinnen, sondern sich klar machen, was Sie erotisch ausmacht, ob er nun darauf steht oder nicht. Denn für Veränderung könnten Ihre Qualitäten als Verführerin wichtig sein. Eine Einladung zum Spiel von einer neugierigen, liebevollen und großzügigen Partnerin zu empfangen, wäre für ihn sicherlich attraktiver als die befürchtete Aufforderung zum sexuellen Attraktivitätsbeweis.

Es ist keine leichte Übung, trotz Angst und Unbehagen so offen miteinander zu sprechen und umzugehen. Daher landen wir ja immer wieder in diesen Paarkonflikten. Sie sind jetzt schon so lange ein Paar. Da wäre es doch wunderbar, wenn Sie einen Dialog von solcher Intimität beginnen würden. Und wenn Sie diesen von der verbalen auf die nonverbale Ebene übertragen, das eine oder andere Feuer angezündet haben, wie toll wäre das erst: einander erotisch der und die zu sein, die Sie heute sind.

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