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Brexit Das englische Trauma

Der Onkel hatte dafür gestimmt, die Mutter war dagegen. Nun geht ein Riss durch die Familie unseres Autors. Der Brexit schreibt die Historie einer gekränkten Nation fort. Von

Er wolle nicht verstehen, warum nicht alles so wie früher sein könne, sagte mein Onkel. Wir saßen gemeinsam in der Küche, die BBC berichtete über mögliche Auswirkungen des Brexits: Die Altersvorsorge in England sei in Gefahr, ein Ärzte- und Pflegepersonalmangel drohe. Ich schaute ihn an, stand auf und ging, draußen dämmerte es bereits, hinaus in den Garten, über die Terrasse, unter dem Rosenbogen hindurch, vorbei an Hühnerställen und Gemüsebeeten, auf die Schafwiesen am Hang zu. Vor mir lag ein Bilderbuch-England. Als ich mich umdrehte, konnte ich über das alte, kleine, steinerne Haus hinaussehen. Dahinter, am Horizont, zeichneten sich die Umrisse hoher Schlote ab, hier kämpfte die nordenglische Stahlindustrie um ihr Überleben.

Nach Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov waren es vor allem die sozial Benachteiligten und Prekären im Westen und Osten Nordenglands, die aus der EU hinauswollten. Hier in North Lincolnshire, dem Verwaltungsbezirk, in dem meine Familie seit Generationen lebt, waren es 66 Prozent. Mein Onkel hatte für den Brexit gestimmt, meine Tante auch. Sie zweifelte aber mittlerweile an ihrer Entscheidung. Meine Mutter war streng dagegen. Seitdem geht ein feiner Riss durch meine Familie, derselbe Riss, der das ganze Land durchzieht: zwischen Metropolen und Land, Norden und Süden, zwischen Ehepartnern und Freunden. Remain or leave. Alles andere ordnet sich spätestens seit dem 23. Juni 2016, dem Tag des Brexit-Entscheids, diesen zwei Polen zu. Darüber zu sprechen fällt schwer.

Die Mutter unseres Autors in Tutu. Zum Ballett-Training fuhr sie erst, wenn das Geld für den Bus reichte. © privat

Für viele Deutsche bleibt das Votum unerklärlich, denn ihr Verhältnis zu England ist ein romantisch verklärtes. Wie kann ein Volk der Seefahrer, Tee- und Biertrinker, der Stahlarbeiter, Garten- und Picknickenthusiasten sich abwenden von der ihnen entgegengebrachten Liebe, die man hierzulande für sie empfindet? Wie kann eine Kultur, die uns Songs wie Penny Lane, Blue Monday und Don't Look Back in Anger gebracht hat, nur diesem Irrsinn verfallen, alle Brücken abbrennen und sich auf ins Nirgendwo machen?

Die Engländer wurden belogen vom konservativen Establishment und der Boulevardpresse, sie sind anfällig gewesen für die Verführungen der Vereinfacher, haben sich berauscht an der Illusion vergangener Größe. Gleichzeitig haben es die Jungen versäumt, wählen zu gehen. Das alles ist bekannt. Aber da ist mehr. Der Brexit ist ein Symptom, die Oberflächenerscheinung eines tieferen Leidens. Er ist das vorerst letzte Kapitel in der Geschichte einer Kränkung.

Gemeint sind nicht die verletzten Egos der Populisten und die Fieberträume von Jacob Rees-Mogg oder Nigel Farage von einem GROSSbritannien, von dem sie doch wissen, dass es politisch und ökonomisch unbedeutend ist, so unbedeutend, dass es längst keinen Unterschied mehr macht, ob eine englische Premierministerin oder eine aus den ehemaligen Kolonien in Washington vorstellig wird. Gemeint ist hier die Kränkung einer Klasse: der Arbeiterklasse und des unteren Mittelstands. Die Klasse von John Lennon und Ian Curtis, aus der heraus Billy Bragg sang:"I don't want to change the world,/ I'm not looking for a new England,/ I'm just looking for another girl."

Der Nährgrund der Popkultur des 20. Jahrhunderts also. Dass dieses Milieu, mit dem die Deutschen eben eine ganz besondere Fernbeziehung führen, das auch ihnen früh eine Ahnung von der Sexyness der großen, weiten Welt geboten hatte, nun mit Leave gestimmt hat, ist für viele besonders schmerzhaft.

Dabei ist die Geschichte dieser Kränkung keine exklusiv britische, man könnte sie auch auf dem europäischen Festland nachvollziehen. Sie ist dieselbe, die der französische Philosoph Didier Eribon in seiner Rückkehr nach Reims aufgeschrieben hat. Dieselbe, über die der englandaffine Herbert Grönemeyer zuletzt mit dem ZEITmagazin sprach, bezogen auf das Ruhrgebiet wie den Osten. Es ist die Kränkung eines Milieus, das sich nicht mehr gesehen fühlt, das abgehängt und zu einem Klischee wurde, das nur noch in nostalgischen Liedern, Samstagnachmittagssoaps und Sonntagsreden Platz findet. Ein Milieu, auf das zu oft mit Abscheu, mit disgust, geblickt wurde und wird.

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