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Kleingärten Reißt die Hütten ab!

In den Städten wird der Wohnraum knapp, zugleich gelten Kleingärten als unantastbar. Sind solche Privilegien noch okay? Warum haben nicht alle mehr vom Grün der Anlagen? Ein Kommentar von

Das Thema Wohnen ist eine der großen sozialen Fragen unserer Zeit. ZEIT ONLINE beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Lage auf dem deutschen Wohnmarkt. Dieser Kommentar ist Teil der Reihe.  

Drei Kilometer südlich des S- und U-Bahnhofs Neukölln kann man schnell vergessen, dass Berlin wie so viele andere Großstädte ein Wohnraumproblem hat. Entlang des Teltowkanals ziehen sich die Laubenkolonien. Alle dreißig bis hundert Meter führen schnurgerade Wege fort vom Ufer in Anlagen, die Feldschlößchen heißen, Frisch-Auf, Edelweiß oder Hasenheim.  

Teilweise grenzen Tore und Schranken die Zufahrten vom öffentlichen Straßenland ab, Schilder warnen vor ausbleibendem Winterdienst.     

"Die Wege sind für die Öffentlichkeit zugänglich zu halten." So steht es in den Berliner Verwaltungsvorschriften über Dauerkleingärten und Kleingärten auf landeseigenen Grundstücken

Wir treten also vorsichtig ein und finden in allen Kolonien zwischen Kanal und Buschkrugallee ein ähnliches Bild: Garten an Garten, die Lauben (maximal 24 Quadratmeter Grundfläche) zumeist schön mittig auf den Grundstücken (maximal 400 Quadratmeter Gesamtfläche), die Zäune dazwischen maximal 1,25 Meter hoch. Ordnung muss sein – auch wenn der Regelkundige durchaus den einen oder anderen Regelverstoß bemerkt; Ziergehölze etwa, die die maximale Wuchshöhe von 2,50 Meter überschreiten.

Ist das wertvolles Stadtgrün? Unantastbar? Unverzichtbar? Die Berliner Verwaltung sieht das so – zumindest vorerst. Im November gab sie dem Gros der knapp 57.000 Parzellen auf landeseigenem Grund Bestandsschutz bis 2030, lediglich 850 sollen in den nächsten Jahren weichen, für Schulen, Sporthallen und Verkehr. 2017 hatte ein Investor die Idee aufgebracht, der wachsenden Berliner Wohnungsnot mit der Bebauung von Kleingärten zu begegnen. 400.000 Wohnungen sollten, rechnete er, diese knapp 3.000 Hektar hergeben, rund drei Prozent der Stadtfläche. Davon war zuletzt keine Rede mehr – vielleicht auch, weil der Vorstoß schnell den Ruch rücksichtsloser Gentrifizierung bekam, blind für die gewachsenen Strukturen sowie, natürlich, die Menschen der Stadt, die älteren Alteingesessenen vor allem, die in den Kleingartenvereinen besonders stark vertreten sind. Der Tagesspiegel machte sich stark für deren "selbstgenügsamen und selbstbezogenen Lebensentwurf" und befand: "Es wäre fatal, wenn jetzt zwei Gruppen gegeneinander ausgespielt würden: Menschen, die eine bezahlbare, ausreichend große Wohnung suchen – und Kleingärtner."

Aber warum eigentlich nicht? Dass etwas, was nur sich selbst genügt, in einer aus den Nähten platzenden Stadt noch akzeptabel sein kann – der Beweis muss schließlich erst einmal erbracht werden. Und Kleingärten halten ja nicht nur in Berlin großzügig Bauerwartungsland besetzt. In Hamburg gibt es sie auf rund 1.400 Hektar, knapp zwei Prozent der Stadtfläche, in Köln sind es 500 Hektar, immer noch deutlich mehr als ein Prozent. Und für die etwa 16.000 Kleingärten im chronisch wohnraumklammen Frankfurt am Main konstatierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung bereits im Jahr 2015: "Nebeneinandergelegt bilden sie eine Fläche, die so groß ist wie alle städtischen Parks zusammen." Da drängt sich die Frage auf: Sind sie auch ebenso wertvoll?

Klug scheint es vor diesem Hintergrund, dass der Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V. in eigener Sache deutlich anders argumentiert als der Tagesspiegel. Mit der Kampagne "Klimagärten" spannt er den Bogen von der eigenen Tradition zu Anliegen, die in den Städten immer wichtiger werden: saubere und halbwegs kühle Luft. "Als urbane Gärtner der ersten Stunde kümmern wir Kleingärtner uns seit mehr als 150 Jahren um das Klima in Berlin." Was dort propagiert wird, klingt gar nicht mehr nach dem Klischee des mit Baumarktdünger gesättigten Nutzgartens: Mischkulturen, Regenwasserspeicher, Schutz und Platz für Vögel und Nützlinge.

Der Kleingärtner als Klimaschützer, das wirkt zunächst einmal logisch. Denn nichts belüftet die Stadt so gut wie Grün, gut bewässertes zumal – Stichwort Verdunstungskälte. Bereits 2015 sprachen Forscher der TU Berlin davon, dass in städtischen Wärmeinseln die Temperaturen nachts bis zu zehn Grad höher seien als im Umland, und auch der Berliner Umweltatlas zeigt auf verschiedenen Karten eindrucksvoll, dass Tropennächte, Hitzestau und schlechte Luft ein Problem gerade dort sind, wo das urbane Grün fehlt. Ebenfalls 2015 erschien auch die aktuellste Version der Planungshinweiskarte Stadtklima, mit der Stadt und Planern in Berlin lufthygienische und vor allem thermische Problemfelder aufgezeigt werden. Die Kleingartenkolonien sind hier zum großen Teil als hoch oder gar höchst schutzwürdige Grünanlagen verzeichnet.

Wer ganz genau hinsieht, kann auf diesem Bild ein kleines "Willkommen"-Schild entdecken. © Johannes Schneider für ZEITmagazin ONLINE

Da das aber für nahezu alle bestehenden Freiflächen gilt, bleibt die Frage: Gibt es nicht besseres Grün für die Allgemeinheit? In Parks und Wäldern, rund um Straßenbäume oder in Gemeinschaftsgärten auf ehemaligen Abrissbrachen? Gibt es nicht Flächen, die ebenso gut für die Abkühlung und Filterung der Stadtluft sind wie Kleingärten? Oder es bei besserer Pflege zumindest sein könnten? In Berlin ist in diesem Kontext auch das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof zu nennen, das mit seiner für alle offenen und frei bespielbaren Ödnis in gewisser Weise der Gegenentwurf zu den abgezirkelten und gepflegten Kleingärten ist. Und das selbst wieder und wieder als Baulandreserve ins Spiel gebracht wird

Ein zweiter, genauerer Blick zeigt den Anachronismus: Einst sollten die Kleingärten Gesundheit und Ernährung von Arbeiterfamilien dienen – dafür waren im Schnitt 300 Quadratmeter zur exklusiven Nutzung eine gute Einheit, und dafür ergibt auch die bis heute geltende Regel Sinn, wonach mindestens ein Drittel des jeweiligen Grundstücks für den Anbau von gartenbaulichen Erzeugnissen zu verwenden ist.

Diese Sinnstiftung hat sich längst überlebt – rechnet man Pacht, Wasser-, Strom- und Düngerkosten zusammen, dürfte der eigene Garten nur in den wenigsten Fällen finanziell und ökologisch günstiger kommen als gekauftes Gemüse aus regionalem Bioanbau. Dass die Gärten mit den zumeist eher konventionellen Anbau- und Pflegemethoden ihrer Pächter ohnehin in ihrer Summe noch keine Öko-Champions sind, ist da noch nicht mal eingepreist.

Auch ein unersetzbarer neuer Zweck ist nicht so richtig zu erkennen. Laut Bundesverband Deutscher Gartenfreunde standen 2018 fast 12.000 Menschen auf den Wartelisten der Berliner Kleingartenanlagen. Das kann man als Ausweis ihrer Bedeutung interpretieren. Man kann freilich auch sagen, dass sie die falsche Antwort auf die richtige Frage sind – und dass diesen 12.000 potenziellen Pächterinnen und Pächtern und ihren Angehörigen mit öffentlichem Parkland, Spielplätzen, Sportanlagen, Stadtbauernhöfen, Wäldern und Freilandlaboren letztlich mehr geholfen wäre als mit der vagen Hoffnung auf eigenes Land in fünf Jahren.

Doch geht es um das Neue in der Stadt, wird es ja ohnehin schnell irrational. Da vermischt sich der Anspruch, skrupellose Investoren möchten bitte nicht alles mit bestürzenden Luxusneubauten vollklotzen, mit dem Narrativ, dass die Newcomer der letzten Jahre, für die Platz geschaffen werden muss, ohnehin nur blöde Yuppies und internationale Partystudenten sind. Das Neue steht eben immer in dem Verdacht, irgendwie optional zu sein, eine Spielerei der Privilegierten, unter der die alteingesessene untere Mittelschicht dann zu leiden hat. Dieses restriktive Verständnis von Stadtentwicklung, das strukturkonservativ bleibt, so sehr es seine Anliegen mit Gerede von Freiräumen auch als irgendwie links verbrämt, schützt nun auch die Kleingärtner. 

Die Wahrheit ist: Die Neuen in den Städten haben kein einheitliches Profil und häufig auch keine Wahl zum Zuzug, zumindest keine ansatzweise gleichwertige. Sie sind Flüchtlinge und Arbeitssuchende, sie sind Liebende auf der Suche nach einem Ort, wo beide Partnerinnen beruflich ein Bein an den Boden bekommen, und Familien, die für ihre Kinder bezahlbare Kitas und Ganztagsschulen wollen, ohne jeden Tag mit dem Auto quer durch halbe Landkreise zu fahren. Wer jetzt lieber seinen Kleingarten behalten möchte, als dass eine neue Wohnsiedlung entsteht, gerne auch mit viel Grün, kann das natürlich machen. Aber er sollte ein paar gute Gründe im Sinne der gesamten Stadtgesellschaft dafür haben.

Hier gibt es nix zu sehen – dabei könnten Kleingartenanlagen großartige Parks sein. © Johannes Schneider für ZEITmagazin ONLINE

Dazu müssten die Kleingärten zuallererst ihr Gesicht ändern. Anders ausgedrückt, als Appell am Gartenzaun: Behaltet eure Kolonien, zumindest vorläufig, aber reißt verdammt noch mal die Hütten ab! Verändert das Laubenpiepertum von innen heraus! Habt keine Angst, auch ihr Älteren nicht, denn gerade eure Zeit und euer Engagement werden ja gebraucht! Schleift Zäune, legt neue, mäandernde Wege an! Schafft Parks für die Stadtgesellschaft – ein Blick auf die oft vergleichsweise wohnlich eingerichteten Schrebergärten im Ruhrgebiet könnte helfen! Macht sie besser als die städtischen Parks – gepflegter, grüner, wohnlicher! Macht eure Beete und Anbauflächen darin zu eurem Alleinstellungsmerkmal! Klärt mit euren Kommunen, wie ihr damit auch außerhalb des strengen Bundeskleingartengesetzes Schutz genießen könnt! Apropos Schutz: Schützt euch innerhalb der Stadt durch positive Aufmerksamkeit statt durch Abschottung! Natürlich ist das viel verlangt und natürlich ist die effektivste Methode, um Vandalismus zu begegnen, ein "Ich brauche fünf Sekunden bis zur Tür"-Schild mit Kampfhundkonterfei an jedem Gartentor. Aber damit bekommt ihr langfristig keinen Rückhalt in Städten, in denen die Verteilungskonflikte zwangsläufig härter werden und Fläche das rarste Gut ist.

Denn am Ende geht es auch um einen größeren Bewusstseinswandel. "Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt", lautet ein sattsam bekanntes Erich-Fried-Zitat. Es ließe sich in diesem Kontext gut abwandeln: Wer will, dass die soziale Stadt bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie sozial bleibt. Anders gesagt: Wer immer nur auf Verhindern aus ist, von neuen Häusern und neuen Trassen, die das Einpendeln erleichtern, wem jede kärgliche Robinie wichtiger ist als Konzepte, die die Stadt für mehr Menschen lebenswert bewohnbar machen, der hat dafür vielleicht gute persönliche Gründe. Auf der guten Seite der Macht steht er nicht automatisch.

Es wäre vor diesem Hintergrund schon etwas, wenn der ökologisch-soziale Impetus, mit dem design- und kampagnenversierte Neugärtner Lobbyarbeit für ihre Kolonien machen, tatsächlich beim Gros ihrer Mitpächter ankommt. Dazu gehört auch, dass Fremde nicht misstrauisch über halbhohe Hecken beäugt, sondern herzlich begrüßt werden.

An einigen Stellen passiert schon etwas. Bei den Tagen der offenen Gartentüren in einer Kolonie in Berlin-Pankow wurde im Herbst gemeinsames Apfelernten und Einkochen mit Gästen zelebriert – die dort aktive Initiative "Da wächst was" lädt auch zu Science Cafés ein und stellt 360-Grad-Videos der eigenen Gärten ins Internet. In Hamburg ließ die Behörde für Umwelt und Energie 2015 eine Kleingartenstudie in Auftrag geben, die empfahl, Parzellen zu verkleinern, um mehr Leute am Gartenglück partizipieren zu lassen. Und in Köln gibt es jetzt ein neues Netzwerk für Gemeinschaftsgärten. Letztere sind natürlich keine satzungsgemäßen Kleingärten, zeigen aber allerorten, dass es auch anders geht: kooperativ, niedrigschwellig, ökologisch. Die urbanen Kleingärtner werden sich hier noch einiges abschauen müssen. Sonst sind ihre immensen Privilegien bald niemandem mehr vermittelbar.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes wurden Anlagen genannt, die nicht auf Grundstücken des Landes Berlin liegen, sowie diese betreffende Details. Wir haben sie aus Gründen der Eindeutigkeit aus dem Text entfernt, sodass er sich nunmehr eindeutig auf Flächen bezieht, deren Beanspruchung in der Zukunft auch keine Enteignung wäre.

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