Kleingärten Reißt die Hütten ab!

Wer ganz genau hinsieht, kann auf diesem Bild ein kleines "Willkommen"-Schild entdecken. © Johannes Schneider für ZEITmagazin ONLINE

Da das aber für nahezu alle bestehenden Freiflächen gilt, bleibt die Frage: Gibt es nicht besseres Grün für die Allgemeinheit? In Parks und Wäldern, rund um Straßenbäume oder in Gemeinschaftsgärten auf ehemaligen Abrissbrachen? Gibt es nicht Flächen, die ebenso gut für die Abkühlung und Filterung der Stadtluft sind wie Kleingärten? Oder es bei besserer Pflege zumindest sein könnten? In Berlin ist in diesem Kontext auch das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof zu nennen, das mit seiner für alle offenen und frei bespielbaren Ödnis in gewisser Weise der Gegenentwurf zu den abgezirkelten und gepflegten Kleingärten ist. Und das selbst wieder und wieder als Baulandreserve ins Spiel gebracht wird

Ein zweiter, genauerer Blick zeigt den Anachronismus: Einst sollten die Kleingärten Gesundheit und Ernährung von Arbeiterfamilien dienen – dafür waren im Schnitt 300 Quadratmeter zur exklusiven Nutzung eine gute Einheit, und dafür ergibt auch die bis heute geltende Regel Sinn, wonach mindestens ein Drittel des jeweiligen Grundstücks für den Anbau von gartenbaulichen Erzeugnissen zu verwenden ist.

Diese Sinnstiftung hat sich längst überlebt – rechnet man Pacht, Wasser-, Strom- und Düngerkosten zusammen, dürfte der eigene Garten nur in den wenigsten Fällen finanziell und ökologisch günstiger kommen als gekauftes Gemüse aus regionalem Bioanbau. Dass die Gärten mit den zumeist eher konventionellen Anbau- und Pflegemethoden ihrer Pächter ohnehin in ihrer Summe noch keine Öko-Champions sind, ist da noch nicht mal eingepreist.

Auch ein unersetzbarer neuer Zweck ist nicht so richtig zu erkennen. Laut Bundesverband Deutscher Gartenfreunde standen 2018 fast 12.000 Menschen auf den Wartelisten der Berliner Kleingartenanlagen. Das kann man als Ausweis ihrer Bedeutung interpretieren. Man kann freilich auch sagen, dass sie die falsche Antwort auf die richtige Frage sind – und dass diesen 12.000 potenziellen Pächterinnen und Pächtern und ihren Angehörigen mit öffentlichem Parkland, Spielplätzen, Sportanlagen, Stadtbauernhöfen, Wäldern und Freilandlaboren letztlich mehr geholfen wäre als mit der vagen Hoffnung auf eigenes Land in fünf Jahren.

Doch geht es um das Neue in der Stadt, wird es ja ohnehin schnell irrational. Da vermischt sich der Anspruch, skrupellose Investoren möchten bitte nicht alles mit bestürzenden Luxusneubauten vollklotzen, mit dem Narrativ, dass die Newcomer der letzten Jahre, für die Platz geschaffen werden muss, ohnehin nur blöde Yuppies und internationale Partystudenten sind. Das Neue steht eben immer in dem Verdacht, irgendwie optional zu sein, eine Spielerei der Privilegierten, unter der die alteingesessene untere Mittelschicht dann zu leiden hat. Dieses restriktive Verständnis von Stadtentwicklung, das strukturkonservativ bleibt, so sehr es seine Anliegen mit Gerede von Freiräumen auch als irgendwie links verbrämt, schützt nun auch die Kleingärtner. 

Die Wahrheit ist: Die Neuen in den Städten haben kein einheitliches Profil und häufig auch keine Wahl zum Zuzug, zumindest keine ansatzweise gleichwertige. Sie sind Flüchtlinge und Arbeitssuchende, sie sind Liebende auf der Suche nach einem Ort, wo beide Partnerinnen beruflich ein Bein an den Boden bekommen, und Familien, die für ihre Kinder bezahlbare Kitas und Ganztagsschulen wollen, ohne jeden Tag mit dem Auto quer durch halbe Landkreise zu fahren. Wer jetzt lieber seinen Kleingarten behalten möchte, als dass eine neue Wohnsiedlung entsteht, gerne auch mit viel Grün, kann das natürlich machen. Aber er sollte ein paar gute Gründe im Sinne der gesamten Stadtgesellschaft dafür haben.

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