Kleingärten Reißt die Hütten ab!

Hier gibt es nix zu sehen – dabei könnten Kleingartenanlagen großartige Parks sein. © Johannes Schneider für ZEITmagazin ONLINE

Dazu müssten die Kleingärten zuallererst ihr Gesicht ändern. Anders ausgedrückt, als Appell am Gartenzaun: Behaltet eure Kolonien, zumindest vorläufig, aber reißt verdammt noch mal die Hütten ab! Verändert das Laubenpiepertum von innen heraus! Habt keine Angst, auch ihr Älteren nicht, denn gerade eure Zeit und euer Engagement werden ja gebraucht! Schleift Zäune, legt neue, mäandernde Wege an! Schafft Parks für die Stadtgesellschaft – ein Blick auf die oft vergleichsweise wohnlich eingerichteten Schrebergärten im Ruhrgebiet könnte helfen! Macht sie besser als die städtischen Parks – gepflegter, grüner, wohnlicher! Macht eure Beete und Anbauflächen darin zu eurem Alleinstellungsmerkmal! Klärt mit euren Kommunen, wie ihr damit auch außerhalb des strengen Bundeskleingartengesetzes Schutz genießen könnt! Apropos Schutz: Schützt euch innerhalb der Stadt durch positive Aufmerksamkeit statt durch Abschottung! Natürlich ist das viel verlangt und natürlich ist die effektivste Methode, um Vandalismus zu begegnen, ein "Ich brauche fünf Sekunden bis zur Tür"-Schild mit Kampfhundkonterfei an jedem Gartentor. Aber damit bekommt ihr langfristig keinen Rückhalt in Städten, in denen die Verteilungskonflikte zwangsläufig härter werden und Fläche das rarste Gut ist.

Denn am Ende geht es auch um einen größeren Bewusstseinswandel. "Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt", lautet ein sattsam bekanntes Erich-Fried-Zitat. Es ließe sich in diesem Kontext gut abwandeln: Wer will, dass die soziale Stadt bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie sozial bleibt. Anders gesagt: Wer immer nur auf Verhindern aus ist, von neuen Häusern und neuen Trassen, die das Einpendeln erleichtern, wem jede kärgliche Robinie wichtiger ist als Konzepte, die die Stadt für mehr Menschen lebenswert bewohnbar machen, der hat dafür vielleicht gute persönliche Gründe. Auf der guten Seite der Macht steht er nicht automatisch.

Es wäre vor diesem Hintergrund schon etwas, wenn der ökologisch-soziale Impetus, mit dem design- und kampagnenversierte Neugärtner Lobbyarbeit für ihre Kolonien machen, tatsächlich beim Gros ihrer Mitpächter ankommt. Dazu gehört auch, dass Fremde nicht misstrauisch über halbhohe Hecken beäugt, sondern herzlich begrüßt werden.

An einigen Stellen passiert schon etwas. Bei den Tagen der offenen Gartentüren in einer Kolonie in Berlin-Pankow wurde im Herbst gemeinsames Apfelernten und Einkochen mit Gästen zelebriert – die dort aktive Initiative "Da wächst was" lädt auch zu Science Cafés ein und stellt 360-Grad-Videos der eigenen Gärten ins Internet. In Hamburg ließ die Behörde für Umwelt und Energie 2015 eine Kleingartenstudie in Auftrag geben, die empfahl, Parzellen zu verkleinern, um mehr Leute am Gartenglück partizipieren zu lassen. Und in Köln gibt es jetzt ein neues Netzwerk für Gemeinschaftsgärten. Letztere sind natürlich keine satzungsgemäßen Kleingärten, zeigen aber allerorten, dass es auch anders geht: kooperativ, niedrigschwellig, ökologisch. Die urbanen Kleingärtner werden sich hier noch einiges abschauen müssen. Sonst sind ihre immensen Privilegien bald niemandem mehr vermittelbar.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes wurden Anlagen genannt, die nicht auf Grundstücken des Landes Berlin liegen, sowie diese betreffende Details. Wir haben sie aus Gründen der Eindeutigkeit aus dem Text entfernt, sodass er sich nunmehr eindeutig auf Flächen bezieht, deren Beanspruchung in der Zukunft auch keine Enteignung wäre.

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