Ausmisten: Wir müssen uns trennen

Plötzlich steht man sich selbst als die Miniforscherin gegenüber, die man einmal gewesen ist. © Sina Niemeyer für ZEITmagazin ONLINE

Die Waldorfschulenblütenpresse

Ich hatte nie Schwierigkeiten, mich materiell von meiner Kindheit zu trennen. Der Gameboy war irgendwann verschenkt, kistenweise Lego-Belville-Figuren verkauft, die Geolino-Sammlung landete in der Papiertonne. Aber meine Blütenpresse, die blieb. Dabei habe ich sie in zwanzig Jahren höchstens dreimal benutzt.

Im Biologiestudium stand sie einmal ganz kurz vor dem Comeback. Beschwingt von der Botanikübung nahm ich mir vor, am Wochenende in den Park zu fahren und Pflanzen zu sammeln, die ich dann mit der Blütenpresse konservieren und später bestimmen würde. Irgendetwas kam dazwischen.

Obwohl sie eigentlich immer nur in einer Kiste lag, sieht sie mitgenommen aus, meine Blütenpresse. Das Holz ist fleckig, die Flügelmuttern staubig. Zwischen den Holzplatten liegen Stücke aus Pappe und ein Möbelprospekt mit Preisen in D-Mark. Auf einem Stück verstecken sich noch ein paar hauchdünne Blüten. Sie haben die Farbe des Zeitungspapiers angenommen.

Im Zentrum der vorderen Holzplatte prangt mein Vorname in Lila. Darunter schwebt ein Objekt, das von Luftballon bis Ananas alles sein könnte. Auf der Rückseite: Blumen, Blätter und dicke, fette Grashalme. Alles mit Wachsmalstift. Ja, die Blütenpresse ist ein Waldorfschulenfabrikat.

Das schönste Detail ist jedoch der blaue Gurt, der mit drei Tackerschüssen so an den Holzplatten befestigt ist, dass man die Presse als kleiner Mensch lässig schultern kann. Dazu Schlapphut, Wachsjacke und Gummistiefel, und ab in den herbstlichen Wald, die strahlendsten Blätter suchen.

Wahrscheinlich ist es dieses nostalgische Bild von mir als Miniforscherin, das ich lange nicht loslassen wollte. Leonie Sontheimer

Geanu richtig für einen hippen Teenager mit schmaler Brust – andere sind dem Shirt entwachsen. © Sina Niemeyer für ZEITmagazin ONLINE

Das knappe Koolhaas-Shirt

Es gab eine Zeit, in der ich mich anzog wie der Theatermacher Matthias Lilienthal: optimistisch zu eng. Für einen Jungen meiner Statur, mit leichtem Hang zur Plauze, war die Größe S wohl nie das rechte Maß, nur wollte ich es nicht wahrhaben. Ich wollte, dass ein wenig von Matthias Lilienthals Genie aus mir herausgepresst würde durch zu eng anliegende Baumwolle. Im Jahr 2003, in einer Zeit also, als Berlin noch aufregend und der Potsdamer Platz noch einigermaßen shiny das Kulturforum in den Schatten stellte, besuchte ich die damals sehr gehypte Ausstellung Content - Rem Koolhaas/OMA/AMO – Bauten, Projekte und Konzepte seit 1996 in Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie. Koolhaas galt schon damals als der beste Architekt der Welt, solange er kein Haus baute. Ein Intellektueller und genialer Archivar des Weltgeistes.

In Wahrheit war Koolhaas schon immer die bessere Marie Kondo. Sein Konzept kleiner, intensiv genutzter Lebensräume in den Ballungsräumen der Zukunft verhält sich zu Kondos Sockenfalterei wie Delirious New York zu einem Stadtführer von Castrop-Rauxel. Zur Ausstellung gab es natürlich Merchandise, darunter ein T-Shirt mit einer arabisch anmutenden Schrift über einem abstrakten Turmensemble. Ich kauft es mir in einem Anfall von Realismus in Medium. Zu Hause überkamen mich Zweifel. Das Shirt passte perfekt. Aber darauf kam es nicht an. Medium zu tragen bedeutete, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Damals war ich dafür noch nicht stark genug. Am nächsten Tag ging ich zurück zur Nationalgalerie und tauschte das T-Shirt gegen eins in Small ein. Ich trug es mit Stolz, wenn auch nicht mit Würde. Es ist ein Anachronismus der Nullerjahre, ein Symbol meiner wilden Zeit. Nun bin ich alt. Zu eng ist nicht mehr süß, sondern peinlich. Also löse ich mich davon. Ich streife es ab wie einen Kokon, auf dass ein hipper Teenager mit schmaler Brust auf einer Vernissage damit angeben kann. Denn Koolhaas ist natürlich noch immer cool. Solange er nicht baut. Willy Katz

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