Ausmisten: Wir müssen uns trennen

Man kann sie doch nicht einfach in den Keller stellen. Wie soll sie dann Ordnung halten? © Sina Niemeyer für ZEITmagazin ONLINE

Der treue Korpus

Ich gebe zu, sein Name hat es mir zuerst angetan. Korpus. Diese Mischung aus Deutsch und Latein, die zog mich zu ihm, als ich den kleinen schwarzen Metallschrank eines Tages bei Ikea entdeckte. Ich versprach mir davon eine Lösung der Probleme, die sich auf meinem Küchentisch türmten. Ein Bürokorpus würde all diese losen Blätter und Mappen und Stifte in seinen Leib einkörpern, seine Ordnung würde auch für eine Ordnung in meinem Kopf sorgen.

Ganz unten kam mein Archiv rein, darüber eine Sammlung von Fotos und Fotoalben, Kordeln, Tesafilm, Büroklammern, Kondomen, darüber kleine Hefte, Dinge, die nirgendwo anders einen Platz fanden, Briefe, Steuerunterlagen, noch mehr Stifte. Ich arbeitete damals zu Hause, jobbte in einer Redaktion, gab Seminare an der Uni. Ein Arbeitszimmer hatte ich nicht, noch nicht mal einen Schreibtisch, aber einen Korpus. Ob er wirklich für Ordnung gesorgt hat? Ich weiß es nicht. Irgendwie lag trotzdem dauernd etwas herum in meiner Einzimmerwohnung.

Heute steht der Korpus neben dem Wäschekorb in der Schlafzimmerecke. Schon tausendmal wollte ich ihn ausräumen und loswerden. Aber jedes Mal, wenn ich eine seine sperrigen Schubladen aufziehe, denke ich an unsere gemeinsame Vergangenheit. Und dann kommt es mir so undankbar vor, ihn einfach seiner Innereien zu berauben und ihn auf die Straße zu stellen! Oder sogar, ihn wegzuwerfen. Wir haben so viel durchgemacht zusammen! Ich könnte ihn in den Keller stellen. Aber dann erschieße ich ihn doch lieber gleich. Das ist gnädiger. Mein Korpus versprüht keine Freude, wie Marie Kondo das von Möbeln fordert. Aber er strahlt Erinnerungen aus. Also lasse ich ihn einfach stehen. Bis eines Tages jemand kommt und sagt: Oh, ein Korpus! Der könnte mir helfen, Ordnung zu schaffen. Judith Luig

Schon das Cover kann einen quälen. © Sina Niemeyer für ZEITmagazin ONLINE

Ein Buch zum Leiden

Eigentlich schmeiße ich keine Bücher weg. Ich verleihe sie noch nicht mal besonders gern an Freunde, die sie angeblich lesen möchten und dann doch nie wieder herausrücken.

Ich horte sie, die guten wie die schlechten. Denn Bücher, auch die zähen, können wunderschöne Erinnerungen sein an lange Urlaube, in denen man endlich mal wieder Zeit hatte zu lesen. Oder sie sind mahnende Erinnerungen daran, dass man den neuen Houellebecq nun wirklich endlich mal lesen wollte. Vielleicht im nächsten Urlaub?

Zugegeben, bei manchen glaube ich selbst nicht mehr daran, dass ich sie jemals lesen werde und doch will ich mich nicht von ihnen lösen. Sie machen sich hübsch auf dem Regal über der Heizung. Und jedes Buch ist eine Möglichkeit, die ich mir nicht nehmen lassen möchte.

Dass ich nun doch ein Buch hergebe, und auch noch ein laut und vielfach gefeiertes, ist also eine absolute Ausnahme, vielleicht aber auch der Anfang von Ende meines Bücherregals. Hanya Yanagiharas Ein bisschen Leben habe ich zumindest bis gut über die Hälfte gelesen. Mit jeder Seite aber fiel mir das Lesen schwerer, schlief ich schlechter ein, ertrug ich die Gewalt, die aufgeritzten Arme, die zusammengepressten Lippen, das nie ausgesprochene Leid weniger. Irgendwann, nach viel zu langer Zeit, ließ ich es sein. 

Nein, es ist natürlich nicht das erste Buch, das ich nicht zu Ende gelesen habe. Aber sicherlich das, mit dem ich mich am meisten gequält habe. Der schmerzverzerrte Gesichtsausdruck des jungen Mannes auf dem grauen Cover versetzt mir jedes Mal wieder einen Stich. Ob in Erinnerung an die furchtbaren, schlimm überzeichneten Schicksale (ja, Plural!) des Hauptprotagonisten? Oder weil es mich daran zweifeln lässt, ob ich empathisch genug bin, um das geballte Leid dieses jungen Mannes zu ertragen. Bin ich jemand, der lieber wegguckt? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Ich will dieses Buch nicht mal mehr sehen. Luisa Jacobs

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