Ausmisten Wir müssen uns trennen

Jeden Morgen frischer Saft, das wird super! Was man sich mit Weihnachtsgeschenken halt so vornimmt. © Sina Niemeyer für ZEITmagazin ONLINE

Die jungfräuliche Saftpresse

Nach dem weihnachtlichen "Experiment Familie" gilt es, noch eine letzte Hürde zu nehmen: Werden die durchaus wohlgemeinten Geschenke aus dem Kreise der Verwandtschaft, bevorzugt überreicht in Form diverser Küchenhilfen, an der hausinternen ästhetischen Toleranzgrenze zerschellen? Oder ergattern sie einen der spärlichen Plätze im Haushalt? Eine jährliche Routine zeichnet sich bereits ab: Es treffen leichte Schludrigkeit mit Hoardertendenz auf den unbedingten Willen zum maximal möglichen Minimalismus.

Eine rote Kasserolle aus der Geschenkesaison 2017/18 musste bereits das Zeitliche segnen und einem farblich zufriedenstellenden Konkurrenzprodukt weichen. Dieses Jahr müssen sich eine Saftpresse der Marke Braun sowie eine Salz- und Pfeffermühle dem strengen Blick des heimischen Gremiums stellen. Die Mühlen überleben den Selektionsprozess wohl nur dank ihrer unauffälligen Größe, ihren Stammplatz auf dem Gewürzbrett haben sie bereits eingenommen. Die Saftpresse bot da schon mehr Angriffsfläche. Ihr wurde nach einigem Hin und Her eine Karenzzeit von einem Monat eingeräumt. Sollte sie vor Ablauf dieser Frist keine einzige Orange entsaftet haben, rechtfertige ihr Nutzen auch nicht mehr den Raum, den sie verbraucht. Deal! Freu mich schon auf den frisch gepressten Orangensaft morgen früh!

Einen Monat später muss ich auf meinen anfänglichen Enthusiasmus zurückblicken und eingestehen: Die Saftpresse ruht jungfräulich und unausgepackt in ihrem Pappkarton. Schade, eigentlich ganz schick, das Ding. Vermisst habe ich sie allerdings auch nicht. Sorry Mama, nicht übel nehmen! Marlon Schroeder

Nachts betrunken Bücher bestellen und sie dann nicht mal auspacken: Kann vorkommen. © Sina Niemeyer für ZEITmagazin ONLINE

Das Buch ohne Heimat

Zuletzt las ich irgendwo im Netz, dass eine Frau nicht auf einen Mann mit einer großen Büchersammlung hereinfallen solle. Das sage gar nichts über sein intellektuelles Niveau aus. In der Regel sei solch ein Mann ein Blender. Ich las dies auf dem Sofa, neben mir schlief der Hund, und blickte auf mein recht beeindruckendes Bücherregal an der Wand gegenüber. Dort stand sie, die Literatur meines Lebens, lose aufgereiht nach einem Prinzip, das Aby Warburg als "Gesetz der guten Nachbarschaft" bezeichnet hatte. Also eine Nachbarschaft, die zwar in keinem konkreten Zusammenhang steht, aber eben deshalb in einen fruchtbaren Dialog treten könnte, sozusagen über den Gartenzaun hinweg. Bücher, die miteinander schwatzen, so sie denn nicht gerade in einen Mittagsschlaf versunken sind – dieses Bild gefiel mir.

Ich ging zum Regal und dachte daran, wie mir meine Freundin einmal auf die Schliche gekommen war. Denn viele dieser Bücher waren tatsächlich nur zu verschiedenen Graden angelesen. Etwa die Grammatologie von Jacques Derrida (die ersten zwei Seiten des Inhaltsverzeichnisses) oder Die Ausgewanderten von W. G. Sebald (habe ich mehrmals gelesen, aber an den letzten 50 Seiten bin ich jedes Mal verzweifelt). War ich also auch nur ein Blender? Vielleicht. Ich fuhr über jedes Buch mit dem Zeigefinger. Jedes, das mir keine Freude machte, nahm ich heraus und legte es auf einen Stapel. Ich fühlte mich regelrecht befreit.

Als meine Freundin am Abend nach Hause kam, bekam sie einen Anfall. Denn ich hatte nur ihre Bücher aussortiert. Sie nahm den Hund und sagte, sie würde jetzt einmal um den Block gehen. Danach stünden die Bücher wieder da, wo ich sie gefunden hätte. Ich tat, was sie sagte. Genau ein Buch blieb übrig: Deutschboden von Moritz von Uslar, noch geradezu jungfräulich in Cellophan eingeschweißt. Ich hatte es mir vor Jahren betrunken nachts bei Amazon bestellt und dann nie wieder in die Hand genommen. Sagte das etwas über die literarische Qualität dieser "teilnehmenden Beobachtung" aus? Eher nein. Taugte sie als Bauernopfer meiner Reue? Total. Nun sucht sie eine neue Heimat. Am besten irgendwo auf deutschem Boden. Ruben Donsbach

Was man hier nicht sieht: Da ist Avril Lavigne drauf. © Sina Niemeyer für ZEITmagazin ONLINE

Der überholte iPod

Was ist, wenn ich irgendwann feststelle, dass ich beim Joggen doch Musik hören möchte und mir mein 200-Gramm-iPhone zu schwer ist? Was ist, wenn der iPod Shuffle irgendwann den Plattenspieler als Retro-Must-Have ablöst? Was ist, wenn Spotify und YouTube irgendwann in genau demselben Moment pleitegehen und ich keine Musik mehr hören kann? Was ist, wenn ... Na gut, es ist unwahrscheinlich, dass auch nur eins dieser Szenarien in den nächsten acht Jahren wahr wird. In den letzten acht ist es schließlich auch nicht so weit gekommen. So lange liegt der iPod nämlich schon unbenutzt in einer Schublade und wartet darauf, dass seine Technik irgendwann so überholt ist, dass ihn nie wieder jemand benutzen wird.

Natürlich sind meine "Was ist, wenn"-Sätze Ausreden. Ich möchte nicht zugeben, dass auch ich sentimentale Gefühle gegenüber Dingen hege. Weißt du noch, iPod, damals, als ich dich zu meinem 13. Geburtstag bekommen habe? Als einem ein kleiner Gegenstand das Gefühl vermitteln konnte, auf einen Schlag cool zu sein? Als ich noch am selben Tag meine beiden Lieblings-CDs auf dich lud? Damals half mir Avril Lavigne, den Familienausflug nach Hannover zu ertragen und den Herbstregen zu ignorieren, der in meine Chucks lief. Ja, die Pubertät war hart, vor allem, wenn man beweisen wollte, dass Winterschuhe überflüssig sind.

Damals war der iPod überall dabei: Auf Busfahrten zum ersten Freund oder beim Skateboarden mit der besten Freundin. Jetzt soll er neue Abenteuer finden – und ich lerne es, loszulassen. Sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass der iPod Shuffle irgendwann wieder hip wird, müssen meine vielleicht dann ja vorhandenen Kinder halt auf Flohmärkten nach einem Exemplar jagen. Zum richtigen Retrogefühl gehört das eh dazu. Stella Männer

Der penetrante Schreibtisch

Seit Jahrhunderten schmücken Schreibtische die Räumlichkeiten wissender Wesen. Sie werden verziert und verschnörkelt, mit Geheimfächern ausgestattet oder auch im Eck konzipiert, sie können aus Holz, aus Glas oder aus der Illusion von Holz gearbeitet sein. Meiner war ein weißes Wesen mit stählernen Beinen, 120 mal 80 Zentimeter groß. Er ist nie von meiner Seite gewichen, in welche Räumlichkeiten auch immer ich eingezogen bin. Im Studium war er mir ein treuer Freund – bis zu dem Tag, als ich seine Geisel wurde. Er wurde ungeduldig, wenn ich ihn auch nur einen Tag ignoriert habe, seine Penetranz war unerträglich. Er wusste, dass er mich in der Hand hatte, denn die Masterarbeit musste nun einmal geschrieben werden. Das Prüfungsamt war sein Komplize. Er wusste auch, dass ich die Bibliothek mit seinen passiv-aggressiven und verzweifelten Einwohnern nicht ausstehen konnte. Also ergab ich mich.

Nachdem ich meine Arbeit abgegeben hatte, flüchtete ich nach Brasilien. Dort wird er mich wohl nicht finden, dachte ich. Als ich zurückkam, stand er natürlich noch im Zimmer. Ich vermied jegliche Interaktion – auch, um der Melancholie dieses Anblicks zu entkommen. Er versuchte, mich an die schönen Zeiten zu erinnern, an meine ersten veröffentlichten Texte, die ich gemeinsam mit ihm geschrieben hatte. Doch die Erinnerung an die jüngste Vergangenheit steckte mir noch in den Knochen. Ich suchte Halt in den Lehren der Marie Kondo. Nach einer morgendlichen Meditation wurde mir klar: Du, mein lieber Schreibtisch, bringst mir keine Freude mehr. Ich bedanke mich für unsere gemeinsame Zeit, doch dieser Teil des Lebens ist vorbei. Geh!

Seit er nicht mehr bei mir ist, geht es mir besser. Wenn ich was schreiben muss, begebe ich mich unter Leute. Ist sowieso besser für die Inspiration. Joana Inês Marta

Wenn das Regal leer ist, ist man durch mit der Methode KonMari. © Sina Niemeyer für ZEITmagazin ONLINE

Die Bibel des Magic Cleaning

Fast ein halbes Jahrzehnt hat es mich begleitet. Mal lag es auf dem Nachttisch, mal in der Küche, mal im Arbeitszimmer neben einem Kissen auf dem Boden. Es war bei jedem meiner Experimente dabei: während ich bei den Buddhisten die Beine vor dem Bild eines goldumhüllten Mannes verknotete oder 25 Mützen in zwei Wochen häkelte (MyBoshi trifft auf Masterarbeitsprokrastination). Und auch, als ich von einem Minimalismustreffen kam, bei dem mich ein Bundeswehruniform tragender Mann mit dem eingestickten Namensschild "VEGAN" zu eben jener Haltung bekehren wollte. Selbst als ich in einer kleinen, ausschließlich mit Schurwolle ausgelegten Ein-Zimmer-Wohnung (alias Yoga-Zentrum) so lange die Arme zum Sonnengruß streckte, bis mein Swami entschied, der Stadt zwecks turnusbedingter Reinkarnation den Rücken zu kehren, blieb es bei mir. Zweimal ist es mit mir umgezogen. Und war dabei, als ich anfing, Kleider, Bücher und Möbel zu verschenken.

Allein: Gelesen habe ich Magic Cleaning von Marie Kondo nie. Das Post-it auf Seite 68 kann ich mir nicht mehr erklären. Und die markierte Passage, in der quasi das Thema "Familie räumt nicht auf, wie kriege ich sie trotzdem dazu?" behandelt wird, bringt mich heute auf die Palme. Damals wollte ich Veränderung. Eine Freundin mit beeindruckenden Declutterskills hatte mir dann das Buch empfohlen. Vor Kurzem besuchte sie mich in meiner neuen Wohnung. Später schrieb sie mir: "Deine Wohnung ist für mich Goal." Da war dann klar: Mit KonMari bin ich durch. Melanie Huber


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