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Ausmisten: Wir müssen uns trennen

Marie Kondo sagt: Befreie dich von allem, was dir kein Herzklopfen bringt. Wie leer kann ein Leben ohne Topmodelspiel und Bowlentopf sein? Elf Geschichten vom Loslassen Von , , , , , , , , , und

Faltet eigentlich jeder gerade seine Socken dreifach und bewundert die millimetergenaue Einrichtung seiner Schubladen, die erlesene Leere in den Regalen? 2019 scheint das Jahr der Marie Kondo zu sein: Ihr Buch "Magic Cleaning", auf Deutsch 2013 erschienen, sorgt im Verbund mit der neuen Netflix-Serie "Aufräumen mit Marie Kondo" für flächendeckendes Aufräumen; ihre Standardfrage "Does it spark joy?" ist kurz davor, ins Sprichwörterbuch aufgenommen zu werden. Die Idee, dass man bei einer Schublade anfängt und damit allmählich Ordnung in sein ganzes Leben bringen kann, ist ja wirklich allzu verführerisch. Mitunter entdeckt man dabei auch, welcher Mensch man einmal sein wollte: einer, der T-Shirts in Größe S tragen und sich jeden Morgen frischen Saft pressen wollte, eine, die Struktur in Schubladen gesucht hat oder ironischem Kitsch verfallen war. Elf Geschichten vom Im-Weg-Stehen, Staubansetzen und Loslassen im Sinne von Marie Kondo. Und vom Weitergeben, in unserem Sinne.

Erst muss man sich einen Klamottensatz erspielen, dann wird er einem wieder entrissen. Das kann nur in Streit enden! © Sina Niemeyer für ZEITmagazin ONLINE

Der Topmodel-Zankapfel

Meine Schwester hatte es mir geschenkt, zum Geburtstag oder zu Weihnachten, das habe ich vergessen. Ich habe es einmal gespielt, es ist lange her und war furchtbar. Ich lebte damals in einer Zweck-WG mit einer 18-jährigen Fachabiturientin, die keine Klugscheißer mochte. An diesem Abend traf sie in meinem Zimmer auf Studienbekannte von mir und war bald massiv genervt von unserer kulturwissenschaftlichen Herangehensweise an das Phänomen Germany’s Next Topmodel.

Die ist nicht zu verwechseln mit "Ich guck das nur ironisch". Vielmehr interessierte uns tatsächlich: Wie werden Persönlichkeiten aufgebaut, wie Konflikte inszeniert? Jedes aufkommende Gespräch zerfuhr die Mitbewohnerin aber mit Sätzen wie: "Ey, die sind doch einfach nur blöd, da muss man doch nicht so schlau daherreden." Es war dies, im Winter 2009/2010, ein erster Vorgeschmack auf jene Konflikte zwischen mutmaßlichen Eliten und selbsternannten einfachen Leuten, die uns heute bei Social Media beschäftigen.

Doch das Problem war auch: Das Spiel, das mit den Teilnehmerinnen der legendären zweiten Staffel auf dem Cover (Siegerin: Barbara Meier; Zicke: Fiona Erdmann) eigentlich sehr vielversprechend aussieht, geht so wenig auf wie ein schlecht gecastetes Realityformat. Die Mitspielenden müssen sich einen Klamottensatz erspielen, mit dem sie auf den Catwalk gehen. Dort sorgen Konkurrenz und Ereigniskarten dafür, dass den jeweiligen Avataren auf dem Spielbrett-Würfelparcours Kleidungsstück um Kleidungsstück wieder entrissen wird. Es ist, so stellten wir zerstritten nach circa vier Stunden fest, völlig unmöglich, dass jemand dieses Spiel gewinnt.

Seit fast zehn Jahren steht es nun in meinen wechselnden Wohnzimmern. Es ist ein verlässlich guter Partygesprächsstarter. Doch irgendwann hat der Satz "Ernsthaft, ihr habt ein Topmodel-Spiel?" ebenso seinen Reiz verloren wie das TV-Format selbst, darum kann es nun bei anderen für schöne Geschichten sorgen. Ich habe ja immer noch meine Bushido-Autobiografie. Johannes Schneider

Man könnte die Asche einer ganzen Dynastie darin unterbringen, aber für Kartoffeln und Zwiebeln ist das auch ein gutes Grab. © Sina Niemeyer für ZEITmagazin ONLINE

Das Bowlenungetüm

Als Studentin hätte ich als Mitbegründerin der AF, der Anonymen Flohmarktsüchtigen, fungieren können. Aber mittlerweile bin ich clean und gelte als Die Ordentliche unter den drei Töchtern meiner Mutter. Natürlich ist das auf Dauer ein bisschen langweilig, die aufgeräumten Sockenschubladen und die halbleeren Bücherregale, weswegen ich mir manchmal verbotenen Trödlerstoff besorge: laubgesägte Türstopper mit lachenden Katzen, ein aus Strohhalmen geklebtes Landschaftsbild, auf dem die Menschen Gesichter wie Warane haben, eine Schnapsflasche mit dem Körper eines Matrosen.

Alle diese Dinge habe ich recht schnell wieder verschwinden lassen, nur der Bowlentopf ist seit Jahren unverrückbar. Das Gefäß fasst sechs Liter, ist gut vierzig Zentimeter hoch, aus Steingut gefertigt und so schwer, dass man solche Modelle auf ebay nur zur Selbstabholung anbieten kann, wie ich gesehen habe. Keiner will so was, was mich nicht wundert, denn die hellbraun-dunkelblauen Reliefs des Bowlentanks zeigen nicht nur plastisch aufdringliche Weinreben, sondern auch die stolzen deutschen Burgen Rheinstein, Cochem, Stolzenfels, Marksburg und Ehrenfels; eine malerische Burgruine formt außerdem den Knauf des Deckels. Das ist bräsig, monumental und ein bisschen wie das Völkerschlachtdenkmal für zu Hause. Manche Besucher halten es für die Familienurne – wenn man zeitlich und stilistisch bei meinen Urgroßeltern einsetzt, käme es hin.

Ich bin nie auf die Idee gekommen, darin irgendetwas anzurühren. Manchmal habe ich Teesorten drinnen versteckt, die ich nicht gerne mag, mal auch Zwiebeln, an die ich dann ein halbes Jahr nicht mehr gedacht habe. Aber eigentlich hat das Ding nur den Zweck, sich optisch brutal aufzudrängen. Sogar zur Familiendrohung hat es gereicht, den Satz "Wenn du nicht brav bist, kriegst du den Bowlentopf zu Weihnachten!" dürfen auch die benutzen, die ihn nicht besitzen.

Ich weiß nicht, wie es ohne ihn sein wird. Weil es kitschiger, unpraktischer und sinnloser nicht geht, hat mich nichts so gut vor Rückfällen ins Überflüssige bewahren können wie dieser Bowlentopf. Carmen Böker

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