Sexuelle Aufklärung Wie kläre ich als Mann meine Töchter auf?

Ein alleinerziehender Vater ist für alles zuständig. Ganz schön schwierig, seinen Kindern zu vermitteln, dass sie sexuelle Wesen sind. Wie achtet man die Schamgrenzen? Von
Aus der Serie: Schlafzimmerblick

In unserer Kolumne "Schlafzimmerblick" beantwortet die Sexualtherapeutin Angelika Eck regelmäßig Ihre Fragen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Denn über nichts wird häufiger geschwiegen. Das wollen wir ändern.  

Bertram B. (38): Als alleinerziehender Vater von zwei Mädchen (4 und 6 Jahre) bin ich für alle Fragen der Erziehung zuständig, ob ich will oder nicht. Dazu gehören auch die sexuelle Aufklärung, die Intimpflege und alle Fragen, die die beiden zu ihrem zukünftigen Frausein haben. Ich weiß, dass ich ihnen keine Mutter ersetzen kann, möchte sie aber mit diesen Themen nicht allein lassen. Wie man als Mann mit seinem Geschlechtsteil umgeht, könnte ich einfacher erklären – und ansonsten halt vorleben, wie es ist, Mann zu sein. Was sind die wichtigsten Dinge für Mädchen? Wie kann ich sie gut begleiten, ohne übergriffig zu sein?

Es rührt mich an, wie verantwortungsvoll Sie über dieses Thema nachdenken. Das finde ich goldrichtig, und zwar genauso für nicht alleinerziehende Väter. Es ist ja keineswegs so, dass Frauen Mädchen prägen und Männer Jungen: Wir bewegen uns in unserer Entwicklung – sowohl körperlich als auch gesellschaftlich – immer und überall im Spannungsverhältnis der Geschlechter. Wichtige Erkenntnisse über uns selbst gewinnen wir alle sowohl von Männern als auch von Frauen.

© Susanne Lencinas

Noch vielschichtiger wird das bei homosexuellen oder Trans-Identitäten von Kindern oder deren Eltern. "Männlich" und "weiblich" sind Konstruktionen, grobe Kategorien, kulturell scheinbar unverzichtbar und doch äußerst schillernd und kaum greifbar, wenn man genauer hinsieht.

Es ist mir wichtig, dies voranzustellen, weil ich zwischen Ihren Zeilen auch den bangen Wunsch vieler Alleinerziehenden höre, den Kindern eine möglichst "normale" Entwicklung zu ermöglichen. Wenn die Vorstellung sich am Hetero-Kleinfamilienmodell orientiert, engen Sie sich auf eine stereotype Defizitsicht ein, der Sie nicht entkommen können, weil Sie aktuell nun mal ein anderes Modell leben.

Es geht in Ihren Fragen sowohl um die Beziehung zum Geschlechtsorgan als auch um das Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit und die Identifikation mit Geschlechterrollen. Damit sind wir bei tiefgreifenden kulturellen Fragen. Denn die Sexualität von Mädchen und Frauen hat die Geschichte der Unterdrückung, der Kontrolle und der Unwissenheit längst nicht hinter sich. Zudem ist die Lage heute nicht gerade übersichtlicher geworden, was die Frage betrifft, wie ein gutes Leben als Mann oder Frau oder X gelingt.

Beginnen wir konkret mit der Intimpflege und der Beziehung zum Geschlechtsorgan. Wichtig ist, dass Ihre Töchter sich für die Beschaffenheit ihres Geschlechts interessieren und diesen Bereich auch berühren. Sie brauchen diesen Erkundungsprozess nicht zu forcieren. Sie können beim Waschen oder Duschen darauf achten, dass Ihre Töchter (am besten nur mit Wasser, ohne Seife) achtsam zwischen die Schamlippen gehen und dass sie sich "von vorn nach hinten" waschen, sodass keine Bakterien aus dem Anusbereich in die Scheidenflora gelangen. Unterstützen Sie beiläufig jede Form der Neugier. Durch eigenes Hinschauen, Anfassen und Riechen bildet sich im Gehirn eine differenzierte sensorische Landkarte aus. Diese wird ihnen helfen, ihr Geschlecht als Teil ihres lebendigen Körpers anzusehen. Es ist die Voraussetzung dafür, dass sie sich um ihre Vulva (den äußeren Teil des Geschlechts) und ihre Vagina (den inneren) ebenso gut kümmern werden wie um Haare, Hände und Gesicht.

Das wird sie auch dabei unterstützen, diesen Teil ihres Körpers als Ort der Kraft, der Erregung und der angenehmen Empfindungen schätzen zu lernen. Man könnte das für selbstverständlich halten – das ist es aber nicht. Für viele ist das weibliche Geschlechtsorgan ein blinder oder sogar ekliger Fleck auf der Landkarte des Körpers. 

Wenn Ihre Töchter sich intim berühren, können Sie freundlich nicken und eine positive Bemerkung dazu machen, ganz genauso, als wenn Sie beobachten, dass Ihre Töchter an einem Spielzeug Freude haben, es genießen, ein Eis zu essen, oder es als angenehm empfinden, wenn Sie ihnen die Haare föhnen. Kinder spüren sofort, was Eltern billigen und unterstützen und was nicht. Das hat nichts mit Übergriffigkeit zu tun. Die wäre nur gegeben, wenn Sie die Kinder kontrollieren oder die Situation mit Anspielungen aufladen würden.

Während ich Sie ermutige, weiß ich, dass ich damit in ein Wespennest stoße, denn es gibt Kontroversen über die Frage des richtigen Umgangs mit Kindern in der sogenannten Geschlechtserziehung. Sei’s drum. Natürlich entscheiden Kinder selbst, was ihnen peinlich ist. Es ist an Ihnen, zu erkennen, wo ihre Schamgrenzen verlaufen, und diese nicht zu überschreiten. In meiner Praxis berichten Klientinnen, was sie als zu offensiv erlebt haben: Einschlägige Bücher, die demonstrativ auf ihren Nachttisch gelegt wurden, Erdbeerfeste, die den Beginn der Menstruation hinausposaunten, Mütter, die Masturbationsgewohnheiten zum Besten gaben, Väter, die zotige Witze erzählten – das alles geschah ungefragt und ignoriert den entscheidenden Punkt, sich bei den Kindern Erlaubnis einzuholen für die eigenen Angebote.

Da die anatomischen Kenntnisse vieler Männer – allerdings auch Frauen – über das weibliche Geschlechtsorgan begrenzt sind, empfehle ich Ihnen, sich kundig zu machen. Zur Aufklärung gehört heute, die korrekten, nämlich sehr weitläufigen Ausmaße der Klitoris zu vermitteln. Welche Informationen in welchem Alter dran sind, bestimmen Ihre Töchter über ihre Fragen aktiv mit, wenn Sie offen dafür sind. Es spricht nichts dagegen, eigene Kosenamen zu entwickeln. In unserem Sprachgebrauch gibt es nämlich nur wenige Worte, die die weibliche Sexualität und das weibliche Genital positiv besetzen.

Für alles Weitere braucht es eigentlich nur diese Botschaften, die das Vertrauen Ihrer Töchter stärken können:

  • Ihr seid als Kinder sinnlich-sexuelle Wesen. Das ist normal und begrüßenswert.
  • Ihr dürft spüren, was euch gut tut und was nicht. Und dem vertrauen.
  • Ihr dürft über euren Körper und seine Grenzen selbst bestimmen.
  • Ihr dürft euch für alles interessieren, mit weiblichen und männlichen Attributen spielen und auch Rollenvorbilder außerhalb der Familie finden.
  • Wenn ich für eine Frage nicht der Richtige zu sein scheine, dürft ihr sie an eine andere Person eures Vertrauens richten.

So sind Sie gut gerüstet für Ihre privilegierte Rolle, gleich zwei wunderbare weibliche Wesen im Leben zu begleiten. Viel Freude dabei!

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