© NDR/Christine Schroeder

"Tatort" Göttingen Niedersachsen brennt

Dieser "Tatort" stellt toxische Männlichkeit bloß. Und Florence Kasumba wird zur ersten afrodeutschen Hauptkommissarin befördert. Die Avantgarde kommt aus der Provinz.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Als die Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) im Tatort Das verschwundene Kind am Einsatzort eintrifft, findet sie ein Gemetzel vor – diesmal nicht in Hannover, sondern in Göttingen. Die ungenutzte Außenumkleide des Sportplatzes einer angrenzenden Schule ist voller Blut und schleimiger Substanzen. Eine vermeintliche Putzkraft weist Lindholm an, sich vom Tatort fernzuhalten. Bei dieser handelt es sich allerdings um die ihr gleichrangige Hauptkommissarin Anaïs Schmitz (Florence Kasumba). Beide beginnen gemeinsam zu ermitteln. Als Lindholm auf einer Toilette eine Plazenta mit abgetrennter Nabelschnur findet, wird klar: Hier muss vor Kurzem eine Entbindung stattgefunden haben. Vor wenigen Tagen soll die 15-jährige Julija Petkow, die auf die angrenzende Schule geht, unter Schmerzen an einer Bushaltestelle zusammengebrochen und seitdem nicht mehr zum Unterricht erschienen sein. Die Zeit läuft der Kripo allmählich davon, denn noch immer bleibt das Neugeborene spurlos verschwunden. Nur zwei Tage kann es ohne Nahrung, ohne die Mutter überleben. Als plötzlich ein Jogger einen im Fluss treibenden Säugling meldet, eilen die beiden Ermittlerinnen zum Fundort.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Darüber, was man zeigen muss (und was nicht), um darzustellen, wie grausam es in der Welt zugeht. In diesem Tatort um Missbrauch und Teenagerschwangerschaft zieht Kommissarin Lindholm eine Plazenta aus einem episch verdreckten Schulklo.

Lars-Christian Daniels: Über das Debüt der ersten dunkelhäutigen Kommissarin in fast fünfzig Jahren Tatort-Geschichte.

Matthias Dell: Muss man das Opfer in aller Deutlichkeit zeigen?

Kirstin Lopau: Über die ver(w)irrten Männerrollen, die in diesem Tatort gezeigt werden und die ich nicht vorwegnehmen kann.


2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: In Göttingen ist Virginie Despentes' coole Romantrilogie Vernon Subutex ein Hit unter Lehrern: Ein verdächtiger Pauker hält einer der Kommissarinnen das eingeschweißte Buch, das er zur Tatzeit gekauft haben will, als eine Art Alibi vor die Nase.

Lars-Christian Daniels: Mit elf Jahren bist du schon drei Jahre zu alt fürs Fußballinternat. Tja. Wird das für Lindholms Sohn David wohl doch nichts mehr mit der WM 2034 in Nordkorea.

Matthias Dell: Dass man als afrodeutsche Schauspielerin wie Florence Kasumba erst in Hollywood Erfolg haben muss, damit einen das Hochamt des deutschen Fernsehens nicht nur als geflüchtete Frau besetzt, wo dann künstlich gebrochenes Deutsch gesprochen werden muss, sondern als Hauptfigur.

Kirstin Lopau: Charlotte Lindholm sagt endlich klar, was wir all die LKA-Hannover-Tatorte über schon wussten (und was bisher nur Hannes Jaenicke herausreißen konnte, lang ist's her): "Ich arbeite lieber allein. Kommunikation ist nicht so mein Ding. Teamwork auch nicht."


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Wird Lindholm in Göttingen bleiben? Nach einigem Gerangel sieht sie da doch ganz happy aus und der Sohn in Hannover will ja sowieso auf Fußballinternat.

Lars-Christian Daniels: Wofür besitzt der junge Kickboxer Nino Brehmer eigentlich ein Smartphone? Wenn seine gebärende Stiefschwester durchklingelt, geht er nicht ran, und die wichtigsten Neuigkeiten erfährt er ohnehin aus der Printausgabe der Göttinger Morgenpost.

Matthias Dell: Darf der Lindholm-Sohn doch noch im Fußballinternat vorspielen? Würde diesem Tatort das ewige Wegorganisieren-Müssen des Kindes mit einem Schlag auf Jahre ersparen. Um dann – mit persönlicher Verwicklung! – zur WM 2034 mit der Themenfolge Das Tor des Todes aufwarten zu können.

Kirstin Lopau: Warum duzen sich alle in Göttingen? Wie geht's mit Familie Petkow weiter?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Oliver Stokowski als Thaiboxtrainer ist einfach zu verdächtig freundlich gespielt. Für die Besetzung solcher Rollen empfiehlt sich authentisches Personal mit entsprechend versehrter Physiognomie.

Lars-Christian Daniels: Steve Windolf in der Rolle des Vertrauenslehrers Johannes Grischke – mit Elyas M'Barek alias Zeki Müller aus Fack ju Göhte. Der hätte auf dem Pausenhof wenigstens für Ordnung gesorgt und dem dealenden Zwölftklässler mit Tattoo und Tolle die Leviten gelesen.

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Diese "mangelnde Impulskontrolle" bei der neuen Kollegin Anaïs Schmitz  ging mir bereits nach 30 Minuten auf den Geist. Dafür danke ich Göttingen für die Wahl seines Pathologen. Oh, und wie ich danke!


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von dem harten, unvermittelten Schlag ins Gesicht, den Kommissarin Schmitz an Kollegin Lindholm austeilt.

Lars-Christian Daniels: Von der Plazenta mit Nabelschnur, die die Toilettenspülung nicht ganz geschafft hat.

Matthias Dell: Dem Moment, als der Lehrer sein Alibibuch zückt: Vernon Subutex 2, so nah war der Tatort noch nie am Buchmarkt seiner Zeit.

Kirstin Lopau: Von der verstörenden Szene in der Pathologie ziemlich am Ende, besonders von diesem grünen Tuch, das mehr schlecht als recht abdeckt.


6. Von 0 (superspannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 5 Schlafmützen 😴😴😴😴😴

Lars-Christian Daniels: 4 Schlafmützen 😴😴😴😴

Matthias Dell: 5 Schlafmützen 😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: Eindringlicher Plot und Lindholm konnte mal nicht nur hölzern runterspielen, deshalb 5 Schlafmützen. 😴😴😴😴😴

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