© [M] ZEIT Online\u221e Fotos: privat

EU-Austritt: "Ihr habt so großartige Sachen wie Rouladen und Schnitzel"

Im Zuge des Brexits haben Tausende Briten einen deutschen Pass beantragt. Hier erzählen sieben von ihnen, wovon sie träumen und was ihnen das Deutschsein heute bedeutet. Protokoll: , und

Seit der Abstimmung über den Brexit hat sich die Zahl der Briten, denen die deutsche Staatsbürgerschaft zugesprochen wurde, verzehnfacht. Waren es im Jahr 2015 noch gut 600, erhielten im Jahr 2018 etwa 7.500 Briten einen deutschen Pass. Manche von ihnen sind junge Kosmopoliten, andere haben in Deutschland eine Familie gegründet oder sind auf der Suche nach der Geschichte ihrer Eltern. Für sie alle gilt: Der deutsche Pass bedeutet ihnen viel mehr als nur Reisefreiheit in Europa. Er ist ein Dokument mit hohem emotionalen und symbolischen Wert. 


© Privat

Der Spurensucher

William Cook
54 Jahre alt
Geboren in London, England
Journalist, Autor

Meine Geschichte mit Deutschland reicht weit zurück. Mein Vater wurde während des Zweiten Weltkriegs nahe Dresden geboren, meine Großmutter war dorthin mit ihm aus dem Inferno von Hamburg geflohen. Sie lebten auf einem Luftwaffenstützpunkt bei einem Verwandten. Als die Alliierten die historische Altstadt von Dresden bombardierten, sah meine Großmutter aus der Entfernung zu. Es muss völlig surreal gewesen sein.

Ihr Mann, mein Großvater, war damals Soldat der Wehrmacht und geriet gegen Ende des Krieges in englische Gefangenschaft, aus der er erst 1947 zurückkehrte. Beide waren da schon getrennt. Zurück in Hamburg lernte meine Großmutter einen britischen Offizier der Besatzungsarmee kennen. Sein Name war Jerry Cook. Sie verliebten sich und gingen gemeinsam nach England.

Meine Großmutter kam aus einer wohlhabenden Hamburger Kaufmannsfamilie, die im Krieg fast alles verloren hatte. Nie aber hätte sie Deutsch mit mir gesprochen, ebensowenig mein Vater. Das Deutsche war damals in England nicht gerade wohl gelitten. Selbst urdeutsche Produkte wie Lebkuchen hießen im Supermarkt Continental Biscuits, kontinentale Kekse. Auf dem Spielplatz wurde andauernd der Krieg nachgespielt. Ich musste so tun, als würde ich deutsche Soldaten erschießen. Viele Comics enthielten Hassbotschaften gegen Deutsche. Zeitgenössische deutsche Kultur wurde völlig ignoriert. Wir lebten in dieser Zeit regelrecht undercover.

Ich besuchte Deutschland erst spät, mit 18 Jahren, und auch nur für wenige Tage während einer Interrailreise. Es war verrückt: Ich fühlte mich deutsch, wusste aber nichts über das Land, sprach die Sprache nur sehr rudimentär. Das änderte sich erst mit dem Mauerfall. Meine Arbeit als Journalist gab mir die Gelegenheit, das Land zu entdecken und Verwandte zu treffen, zu denen meine Familie den Kontakt verloren hatte. So fand ich heraus, dass mein Großvater, dem ich nie begegnet und der unterdessen gestorben war, kein besonders liebenswürdiger Mann gewesen war. Aber er hatte in seiner Wohnung in Berlin einen Juden versteckt und ihm die Ausreise in die Schweiz ermöglicht – wofür er posthum von der Gedenkstädte Yad Vashem in Jerusalem zu einem sogenannten Gerechten unter den Völkern erklärt wurde.

Der deutsche Pass ist ein Dokument mit immenser Kraft.

In Deutschland fühlte ich mich damals sofort willkommen. Es fühlt sich hier nach Heimat an. Und ich lernte, wie divers dieses Land ist, wie groß die Unterschiede zwischen den Metropolen und den kleinen Städten, zwischen dem Westen und Osten, dem Norden und dem Süden sind. Wenn ich Engländern meinen Enthusiasmus für Deutschland erklären will, dann vergleiche ich das Land mit den USA. Denn es gibt den Amerikaner so wenig, wie es den einen Deutschen oder die eine deutsche Landschaft gibt.

Als beim Referendum die Mehrheit der Briten für den Brexit gestimmt hat, war ich betroffen – aber nicht überrascht. Viele Menschen in England verspüren eine tiefe Antipathie gegen Europa. Für sie hat der Brexit auch mit der Suche nach einer eigenen, verloren geglaubten Identität zu tun. Paradoxerweise habe ich aus demselben Grund einen deutschen Pass beantragt, der mir durch meinen deutschen Vater zustand: Ich wollte diesem Sehnen nach Identität in mir einen Ausdruck geben. Er ist nur ein Dokument, aber zumindest für mich emotional extrem aufgeladen: Ich wollte immer in Deutschland leben, auch wenn es mir bisher nicht möglich war. Dieser Pass lässt mich an diesem Traum festhalten. Außerdem stellt er eine Verbindung zur Vergangenheit dar, zur Geschichte meiner Familie, zum lange unterdrückten Deutschsein. Er ist ein Dokument mit immenser Kraft.


© Privat

Der Tänzer

Wesley Ashworth
34 Jahre alt
Geboren in Bolton, England
Tänzer

Ich tanze, seit ich fünf Jahre alt bin. Mit 17 Jahren habe ich mich an einem privaten College in Blackpool eingeschrieben, um dort professionell zu studieren und meine Qualifikation als Lehrer zu erhalten. 2006 bekam ich eine Rolle bei einer Produktion in Berlin. Ich war 21 Jahre alt und noch nie länger allein von zu Hause weg gewesen. Als wir vom Flughafen in die Innenstadt fuhren, sah ich zum ersten Mal die Berliner Mauer an der East Side Gallery, das Sony Center und die Hochhäuser am Potsdamer Platz. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Wenn man jung und etwas naiv ist, hat man halt so seine Vorstellungen davon, wie die Menschen in einem anderen Land sein würden. In England hatten man mir gesagt, die Deutschen seien sehr ernsthaft, ein bisschen kalt, wie Roboter. Ich fragte mich: Passe ich dahin, wird man mich akzeptieren? Denn ich bin sehr offen und kontaktfreudig. Die Menschen hier waren dann ganz anders. Mit der Zeit öffnen sie sich dir und können sehr warmherzig sein.

Was ich zunächst vermisst habe, war das englische Essen, vor allem Fish & Chips. Es war auch schwer, eine vernünftige Tasse starken schwarzen Tee zu bekommen. Und dann immer dieses Sauerkraut. Wie kann man das nur essen?! Aber ihr Deutschen habt halt auch so großartige Sachen wie Rouladen oder Schnitzel. Das Beste an Berlin war die Toleranz, die ich hier erfahren habe. Man kann sein, wer man will, anziehen, was man möchte. Niemand beurteilt dich. Das war besonders für mich als Tänzer wichtig. In der Stadt, in der ich aufwuchs, war ich eher ein Außenseiter. Ein Junge, der tanzt, hat es nicht leicht in Bolton.

Ich hatte noch nie Schnaps getrunken – und wow, war der lecker.

Und dann begegnete ich Ilka. Von Anfang an gab es eine Verbindung zwischen uns. Wir waren damals beide noch sehr jung und wollten kein Paar sein, da wir zusammen arbeiteten. Aber so oft wir auch versuchten, etwas Distanz zwischen uns zu bringen, sooft zog es uns wieder zueinander. Sie war anders als die englischen Mädchen, die ich kannte. Sie zog sich komplett anders an. Ich nannte sie immer "Madonna", wenn wir ausgingen. Gleichzeitig war sie am Anfang etwas scheu, das war interessant. Bald lernte ich ihre Familie kennen. Sie sprachen kein Englisch und ich noch nicht besonders gut Deutsch. Aber nach jedem größeren Essen tischten sie den Familienschnaps auf. Ich hatte noch nie Schnaps getrunken – und wow, war der lecker. Danach war unsere Verständigung ganz leicht. 2013 haben Ilka und ich geheiratet. Das war eine sehr unbeschwerte Zeit. Dann kam der Brexit.

Ich konnte es nicht fassen und stellte mir die Frage, was passieren würde, wenn England die EU verlassen würde – ob ich hier dann nicht mehr arbeiten dürfte? Natürlich habe ich eine deutsche Frau, aber wer weiß? Deutschland war längst zu meinem Zuhause geworden. Der Einschnitt wäre drastisch gewesen. Also habe ich einen deutschen Pass beantragt. Auch, um auf Reisen nach England nicht eine andere Schlange bei der Passkontrolle als meine Familie nehmen zu müssen, das würde ich schrecklich finden.

Man hat viel Papierkram, muss seine Einkünfte offen legen, die Verträge mit den Arbeitgebern, die Heiratsurkunde vorzeigen, einen Sprachtest absolvieren. Letzteres steht mir noch bevor. Außerdem wird es noch einen Test mit 33 Fragen über Deutschland geben, 17 davon muss man richtig beantworten. Es geht darin um deutsche Geschichte, den Zweiten Weltkrieg, Hitler, du musst die Bundesländer aufzählen können. Aber ich mache mir keine Sorgen, ich bin im Herzen längst ein Deutscher!

Kommentare

472 Kommentare Seite 1 von 24 Kommentieren