Narzissmus "Meine Mutter hat es mir vorenthalten, mich zu lieben"

Kinder narzisstischer Eltern sind ständiger Kritik, Gefühlskälte und Kontrollwut ausgesetzt. Viele kämpfen ihr Leben lang um die Zuneigung, die sie nicht bekommen haben. Von

Irgendetwas stimmt nicht mit ihrer Mutter. Das wusste Meike* schon früh, bloß was es ist, war ihr lange Zeit nicht klar. Ihre Mutter redete über sie nur als "das Kind", als sei sie die Tochter einer anderen Frau, sie nannte sie nicht bei ihrem Vornamen. Im Familienurlaub ignorierte sie sie wochenlang. Besuch störte sie, weshalb Meike keine Klassenkameraden mit nach Hause nahm. Ihre Freunde waren ihre Stofftiere und unsichtbare Freunde, die nur in ihrer Fantasie existierten. Doch sie vermisste echte Freunde kaum, ihre Eltern hatten auch keine.

Als Meike acht oder neun war, beschloss sie, später keine Kinder zu haben. Weil man die so oft anschreien muss. Sie hasste es, dauernd angebrüllt zu werden. Als sie elf war, gab es keine Umarmung mehr und keinen Kuss. Als sie 14 war, machte sie zusammen mit ihrer Schwester eine Liste mit Dingen, die sich ändern müssten, Dinge wie: nicht so viel schreien, mehr Rücksicht aufeinander nehmen, nicht beim Essen rauchen. Sie hatten gehört, dass es Familien gibt, in denen man Probleme bespricht. Doch ihre Familie zählt nicht dazu. Die Mutter schwieg die Liste tot.

Kurz vor dem Abitur überlegte Meike, welchen Berufsweg sie einschlagen sollte. Alles, wofür sie sich interessierte, machte die Mutter schlecht. Fotografin? Es gibt schon einen Fotografen im Ort. Psychologie studieren? Überflüssig. Etwas Technisches lernen? Du bist zu ungeschickt. Solche Sätze hörte Meike sowieso am häufigsten von ihrer Mutter: Dafür bist du nicht gut genug. Dafür bist du zu blöd. Du bist unsportlich. Das sieht nicht gut aus an dir. Deine Nase wirkt groß, wenn du lachst. Du kaust falsch Kaugummi. Du hackst den Knoblauch zu langsam.

Heute weiß Meike, was sie ist. Sie ist das Opfer einer narzisstischen Mutter. Es war ein langer Weg, bis sie das benennen konnte.

"Plötzlich steht man da, erwachsen, ist völlig blockiert und weiß nicht, wie man leben soll", sagt Meike. Sie sitzt in einem Berliner Café, eine blasse, blonde, schmale Frau, 32 Jahre alt. Die Jeans und die Bluse, die sie trägt, hat sie vor vielen Jahren mit ihrer Mutter gekauft. Die Kleidung ist nicht das einzige, was sie aus dem Leben mit ihr behalten hat. Auch in ihren Gedanken ist die Mutter allgegenwärtig. Das merkt man daran, wie Meike spricht. Ihre Worte sind so leise, dass das Geklapper an den Nebentischen sie fast verschlucken. Ihr Tonfall ist kleinlaut, ihr Blick weicht aus, sie macht verlegene Pausen. Kontakt mit anderen Menschen bedeutet für sie Stress.

Man muss sich sagen: Ich werde von meiner Mutter nie die Liebe und Zuneigung und das Verständnis bekommen, das ich gern gehabt hätte. Es ist ein sinnloser Kampf.
Claas-Hinrich Lammers, Psychotherapeut

In der Nähe des Cafés, in dem Meike gerade hinter einer Tasse Kaffee fast zu verschwinden droht, liegt der Ort, an dem sie sich alle zwei Wochen mit ihrer Selbsthilfegruppe trifft. Seit etwa zwei Jahren trauen sich Opfer von Narzissten, wie sie sich selbst nennen, an die Öffentlichkeit, jedenfalls halbwegs. Im Schutz der Anonymität des Internets, in geschlossenen Facebook-Gruppen oder Blogs tauchten damals die ersten Berichte von Kindern narzisstischer Eltern auf, plötzlich wurden es immer mehr, und bald sprachen Betroffene offen von ihren Erfahrungen. Meistens sind es Berichte über Mütter, obwohl es theoretisch gesehen genauso viele narzisstische Väter geben müsste.

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